Das Gefühl, gebraucht zu werden
Seit 30 Jahren gibt es die Reha-Werkstätten im Kreis / Perspektiven für rund 400 psychisch Kranke

Mit 80 Patienten begannen zwei Ortenauer Reha-Werkstätten 1977 ihre Betreuung für psychisch Kranke. Inzwischen besuchen fünfmal so viele Menschen vier Filialen im Kreis. Heute wird Jubiläum gefeiert – mit einem Ausflug in den Europa-Park.

28.05.2008 - Ortenau. Die Lebensverhältnisse, mit denen sich psychisch kranke Erwachsene vor gut 30 Jahren abfinden mussten, sind heute schier unvorstellbar: »Außerhalb von Kliniken konnten sie nur in der Familie unterkommen – oder ein 25-jähriger Schizophrenie-Patient landete gleich im Altersheim«, erinnert sich Günter Zinneker. Er ist Geschäftsführer der Gesellschaft zur Förderung psychisch Kranker in Offenburg – besser bekannt als »Reha-Werkstatt«. »Unsere damalige Trägerin, die ›Singener Gesellschaft‹, hat Pionierarbeit geleistet, als sie die Werkstätten mit Wohnheim gründete«, betont Zinneker.
So begannen Ende 1977 die Einrichtungen in Offenburg und Hornberg, seelisch kranken Menschen neue Perspektiven zu geben. Etwa 80 Personen, die auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt schwer vorankamen, wurden damals betreut – 30 in Offenburg, rund 50 in Hornberg. Sie erfuhren einen geordneten Tagesablauf, das schöne Gefühl, gebraucht zu werden – und dadurch neues Selbstvertrauen.
Daran hat sich bis heute wenig geändert – die Teilnehmerzahl aber ist auf das Fünffache gewachsen: 375 Personen betätigen sich in vier Werkstätten in Offenburg, Lahr, Fischerbach und Hausach, die nun der gemeinnützigen Gesellschaft zur Förderung psychisch Kranker gehören; die Hornberger Stelle ist an einen anderen Träger übergegangen. Von Zwangserkrankungen über Depressionen bis zu Schizophrenie reichen die Leiden der Teilnehmer. Dass diese Menschen dennoch leistungsfähig sind, wissen namhafte Firmen der Region zu schätzen: Die Patienten bieten Elektro- und Metallarbeiten, Verpackung und Versand oder Garten- und Landschaftspflege an. Sie werden entweder dauerhaft in den Werkstätten beschäftigt oder aber – je nach Eignung – fit für den freien Stellenmarkt gemacht.
Im Offenburger Wohnheim haben 43 Menschen ein neues Zuhause gefunden; ein Teil von ihnen ist auf dem freien Arbeitsmarkt tätig. Das betreute Wohnen in Offenburg schließlich erlaubt es 33 Patienten, ihren Alltag selbst zu bewältigen und dennoch nötigenfalls Hilfe zu bekommen.
Werkstatt-Teilnehmer, Heimbewohner und Patienten des betreuten Wohnens erleben auch in der Freizeit kurzweilige Stunden – unter anderem laden Sport-, Tanz-, Kunst- und Ausflugsgruppen zum Mitmachen ein, für Freizeiten steht ein Haus im Elsass zur Verfügung. Manche Werkstattmitarbeiter bieten zudem selbst Kurse an.
Mehr Arbeit mit Tieren
Und wie geht es in den kommenden Jahren weiter? Die Arbeit mit Tieren, bisher schon durch Reittherapie und den Kontakt zu Hunden praktiziert, soll täglicher Bestandteil werden. »Gerade über Hunde können wir vielen Kranken Kommunikation und Lebensfreude vermitteln«, sagt Günter Zinneker. Geplant ist außerdem das intensiv betreute Wohnen mit mehr Betreuungszeit.
Zunächst wird aber das 30-jährige Bestehen noch gebührend gefeiert – und das bedeutet: nicht mit einem Festakt für Promis. »Wir lassen lieber jeden Patienten am Jubiläum teilhaben«, erklärt Zinneker. Und deshalb geht’s am heutigen Mittwoch in den Europa-Park Rust – mit sieben Bussen und 380 Teilnehmern.

Geschichte der Reha-Werkstätten
1977: Gründung von Reha-Wohnheimen und -Werkstätten mit betreuten Heim- und Arbeitsplätzen in Offenburg und Hornberg.
1987: Neue Trägerschaft: »Gesellschaft zur Förderung psychisch Kranker mbH – gemeinnützig«.
1989: Anerkennung als Einrichtung gemäß Schwerbehindertengesetz; Mitgliedschaft im Deutschen und Badischen Roten Kreuz.
1991: Wohngemeinschaften und betreutes Wohnen kommen hinzu.
1994: Mitgliedschaft im Landesverband der Lebenshilfe Stuttgart; Zweigwerkstatt in Fischerbach.
1996: Zweigwerkstatt in Lahr.
1999: Zweigwerkstatt in Hausach.
2002: separate Berufsbildung in allen Werkstätten.
2004: neue Werkstatthalle in Offenburg im Unteren Angel.

Quelle: http://www.baden-online.de
 
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