Warnung vor Therapeuten-Mangel
Vier bis sechs Monate warten Patienten in Hessen bereits jetzt auf eine Psychotherapie, sagt Winfried Rief, Psychologie-Professor an der Uni Marburg: "Ein Unding." Die Lage könnte sich noch verschärfen, warnt die hessische Psychotherapeutenkammer. Sie hat ausgerechnet, dass künftig "mindestens 120 Masterstudienplätze im Fach Psychologie fehlen werden". Grund ist die Umstellung vom Diplom auf Bachelor/Master. Kammerpräsident Jürgen Hardt sieht "eine Tendenz", die Zahl der Masterstudienplätze einzuschränken: "Zumindest wird nicht bedarfsgerecht geplant."

Diesen "politischen Willen" erkennt auch Helfried Moosbrugger, Psychologie-Dekan an der Goethe-Uni Frankfurt: "Es sollen möglichst viele zum Bachelor und weniger zum Master gebracht werden, weil das mehr kostet." Doch das sei ein Problem, denn für Psychologen mit Bachelor-Abschluss gebe es derzeit noch keine Jobs.

Bisher hatten Diplompsychologen vielerlei Möglichkeiten, erläutert Rief: Krankenkassen, Beratungsstellen, Kliniken stellten sie ebenso gerne an wie Firmen, etwa für Personalentwicklung oder Gesundheitsförderung. Für Bachelor-Absolventen sieht auch Rief dagegen "keinen Arbeitsmarkt". Der könne sich zwar im Personalwesen, etwa in der Eignungsdiagnostik, entwickeln, "aber noch gibt es ihn nicht."

Will ein Psychologe Therapeut werden, muss er jetzt nach dem Diplom eine mehrjährige Ausbildung machen, künftig den Master und dann die Therapeutenausbildung. Schon jetzt gebe es einen Flaschenhals, "weil die Kassenärztliche Vereinigung die Zahl der Therapeuten ziemlich willkürlich festgelegt hat", so Rief.

Den Therapeuten-Engpass in Hessen sieht auch Moosbrugger, der deshalb bei der internen Kalkulation an der Uni Frankfurt dafür kämpft, "dass mindestens 80 Prozent der Bachelor-Studenten auch ihren Master machen können".

Weil das neue Studiensystem aufwendiger sei als ein Diplomstudiengang, werde es jedoch an vielen Unis einen Rückgang der Studienplätze um zehn bis 20 Prozent geben, sagt Rief voraus. Er sieht die Lage dennoch entspannter als die Kammer: "Noch ist die Situation bewältigbar, aber die Zahl der Abgänger ist knapp kalkuliert."

Furcht vor höheren Gebühren

Derzeit hätten noch 100 Prozent der Studienabgänger die Zugangsvoraussetzung für die Therapeutenausbildung, künftig seien es etwa 60 Prozent. "Das heißt nicht unbedingt, dass weniger die Therapeutenausbildung absolvieren." Auf keinen Fall dürfe nun aber von oben die Zahl der Masterstudienplätze auch noch beschränkt werden. "Dann haben wir ein Problem." Regulieren könne das Land das etwa über hohe Studiengebühren für den Master: "Das darf nicht passieren." Wünschenswert wäre angesichts der Wartezeiten ohnehin eher eine Ausweitung der Studienplätze und Zulassungen.

Quelle: http://www.fr-online.de
 
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