Welttag der Seelischen Gesundheit – Psychisch krank und mitten im Arbeitsleben?!
DGPPN LogoMenschen mit chronischen psychischen Erkrankungen stehen immer noch vor großen Barrieren, wenn sie auf den ersten Arbeitsmarkt gelangen wollen: Mehr als die Hälfte ist von Arbeitslosigkeit und Frühberentung betroffen. Auch erleben sie häufig Stigmatisierung. Zum Auftakt der 8. Berliner Woche für Seelische Gesundheit fordern das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit, die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) sowie Gesundheitsstadt Berlin deshalb heute in Berlin, die beruflichen Chancen für Betroffene zu verbessern.

Arbeit und psychische Gesundheit greifen eng ineinander. Schlechte Arbeitsbedingungen können krank machen und psychische Störungen auslösen. Präventive Maßnahmen sind deshalb dringend erforderlich und müssten regelhaft im Rahmen der Betriebsmedizin etabliert werden. Ist schon eine psychische Erkrankung aufgetreten, ist es entscheidend, möglichst frühzeitig mit der notwendigen störungsspezifischen Therapie zu beginnen, um Chronifizierung zu vermeiden und Arbeitsfähigkeit zu erhalten. Im Fall einer längeren Arbeitsunfähigkeit sollte besondere Aufmerksamkeit auf ein sorgfältiges Wiedereingliederungsmanagement am Arbeitsplatz gerichtet werden.

Doch Arbeit hat auch wichtige gesundheitsförderliche Aspekte. Sie ist ein wichtiger Identitätsfaktor, strukturiert den Tag, ermöglicht ein Auskommen und verschafft Anerkennung. Umfragen zeigen, dass das Bedürfnis einer „normalen Arbeit“ nachzugehen bei Betroffenen noch häufiger genannt wird als der Wunsch einen Partner zu finden oder selbstständig zu wohnen.

In Deutschland droht Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen der Ausschluss vom Arbeitsmarkt. Sie sind deutlich häufiger arbeitslos und berentet. Aktuelle Studien weisen nach, dass sich unter den Empfängern von Arbeitslosengeld II circa doppelt so häufig psychisch Kranke befinden wie bei gleichaltrigen Erwerbstätigen. Hinzu kommen Vorurteile in der Bevölkerung: Laut einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage 2011 möchte fast ein Drittel der Befragten nicht mit einem an Schizophrenie erkrankten Kollegen zusammenarbeiten. „Dies verdeutlicht, dass die Integration psychisch Kranker in den ersten Arbeitsmarkt mit den gegenwärtigen Förderinstrumenten nicht gelingt. Im Gegenteil: Die Arbeitswelt passt sich immer weniger den Bedürfnissen der Menschen an. Die Chancen, die eine regelhafte Beschäftigung für psychisch Kranke bietet, bleiben damit ungenutzt. Angesichts des demografischen Wandels muss die stärkere Integration von Menschen mit einer psychischen Erkrankung eine höhere politische und gesellschaftliche Priorität erfahren“, sagt Dr. Iris Hauth, President Elect der DGPPN.

Zwar haben die durch die Psychiatrie-Enquête angestoßenen Reformen seit den 1970er Jahren viel bewirkt. „Aber“, betont Ulf Fink, ehemaliger Berliner Senator für Gesundheit und Soziales und Vorstandsvorsitzender von Gesundheitsstadt Berlin e.V., „nachdem wir in der Psychiatrie in den vergangenen Jahren erfolgreich die Enthospitalisierung vorangetrieben haben, kommt es jetzt darauf an, dem Thema Arbeit für psychisch erkrankte Menschen die Bedeutung in der Versorgung zu geben, die ihm gebührt“. Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik sind hier gleichermaßen aufgefordert, aktiv zu werden.

Auch für die Familien psychisch kranker Menschen hat das Thema Arbeit eine große Bedeutung, betont Beate Lisofsky vom Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker: „Neben dem Verlust an Sinn und Struktur spielt für die Angehörigen auch die finanzielle Situation eine nicht zu unterschätzende Rolle. Hier steigt das Armutsrisiko für die betroffenen Familien besonders, wenn psychisch kranke Menschen Eltern sind. So kommt zur Sorge um das erkrankte Familienmitglied die Angst vor dem sozialen Abstieg, der nicht selten auch heute noch die Folge einer psychischen Erkrankung ist. Deshalb wünschen sich auch die Angehörigen gut informierte und zugewandte Arbeitgeber und die Chance auch für psychisch erkrankte Menschen zur Teilhabe am Erwerbsalltag.“

Weitere Informationen zur Aktionswoche:
www.aktionswoche.seelischegesundheit.net
 
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