Seelische Gesundheit: Höhere Belastung und Barrieren im Versorgungssystem für Migranten

Seelische Gesundheit: Höhere Belastung und Barrieren im Versorgungssystem für Migranten


Dipl.Pol. Justin Westhoff MWM-Vermittlung
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
12.10.2012 12:46
Ergebnisse des Forschungsprojektes SeGeMi
Zu der Frage, ob Menschen in Deutschland, die einen Migrationshintergrund haben, häufiger an psychischen Störungen leiden, gab es bislang nur unzureichende Erkenntnisse. In dem von der Volkswagen-Stiftung geförderten Forschungsprojekt zur Seelischen Gesundheit und Migration – SeGeMi – wurden nun im Laufe von drei Jahren solche Daten erstmals erhoben. Am 12. und 13. Oktober 2012 wurden in Berlin Ergebnisse vorgestellt. Unter anderem hat sich gezeigt:
° Zwar stellt Migration an sich keinen höheren seelischen Druck dar, wohl aber die Lebensumstände vieler Menschen aus Einwandererfamilien. Aus ausführlichen Interviews im Rahmen des Projektes ergeben sich Hinweise, dass ein Teil der in Deutschland lebenden Menschen mit türkischem Migrationshintergrund psychisch stärker belastet ist
° Menschen in Deutschland mit Migrationshintergrund nehmen bestimmte psychosoziale Hilfsangebote in geringerem Maße wahr. Das liegt unter anderem an Unterschieden im Krankheitsverständnis je nach Migrations- und Bildungshintergrund. Eines der Hemmnisse bei der Versorgung ist das Fehlen muttersprachlicher Angebote.
° Die allseits geforderte "interkulturelle Öffnung" von sozialen und gesundheitlichen Versorgungseinrichtungen wird bisher nicht überall umgesetzt. Neben strukturellen Barrieren (etwa zu geringer personeller Spielraum) liegt einer der Gründe darin, dass die Übernahme der Kosten für Dolmetscher nicht geregelt ist.
° Bei Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen psychosozialer Einrichtungen besteht Bedarf an interkulturellem Training. Im Rahmen des Forschungsprojektes wurde ein interkulturelles Training für diese Zielgruppe entwickelt und evaluiert. Ein Teil der Trainingsinhalte erscheint in Kürze ("Leitfaden zur kultursensiblen diagnostischen Fragestellung").

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befragten in Hamburg und Berlin lebende Menschen mit türkischem Migrationshintergrund zu ihrem seelischen Wohlbefinden (Modul 1). Darüber hinaus erfragten sie persönliche Erklärungsmodelle zu psychischen Erkrankungen sowie Barrieren und Ressourcen bei der Nutzung fachspezifischer Versorgungseinrichtungen in Deutschland. Im Mittelpunkt standen dabei türkischstämmige MigrantInnen (Modul 2). Zudem wurde der Stand der interkulturellen Öffnung in der psychosozialen Versorgung exemplarisch in einem Berliner Bezirk erhoben und kritisch geprüft (Modul 3). Schließlich wurde für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von psychosozialen Versorgungseinrichtungen ein Trainingsprogramm zur interkulturellen Kompetenz entwickelt, durchgeführt und umfassend evaluiert (Modul 4).

Dem Statistischen Bundesamt (2011) zufolge hat etwa jeder fünfte Bundesbürger einen Migrationshintergrund. Darunter ist die größte Gruppe die von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Im Rahmen des Forschungsprojektes wurden bundesweit erstmals epidemiologische Daten zum seelischen Wohlbefinden von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund (in deutscher und türkischer Sprache) erfasst. An beiden Standorten unterstützten lokale Migrantenorganisationen, Vereine und Verbände die Studie, ebenso Bildungseinrichtungen und Behörden. Diese Daten wurden durch ausführliche, klinisch strukturierte Einzelinterviews gewonnen. Aus dem aktuellen Bundesgesundheitssurvey (Robert-Koch-Institut) liegen Vergleichsdaten zur gesamten deutschen Bevölkerung vor. Es zeigten sich Hinweise auf eine erhöhte psychische Belastung bei Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Die umfangreichen Daten ermöglichen darüber hinaus differenzierte Analysen von möglichen Einflüssen des Alters, des Geschlechts und der Generationen auf die psychische Gesundheit sowie auf die Inanspruchnahme des deutschen psychosozialen Versorgungssystems.

Warum nehmen Menschen mit Migrationshintergrund Teile der Hilfsangebote in geringerem Maße wahr? Dazu untersuchten die Wissenschaftler, welche subjektiven Vorstellungen und Konzepte von psychischen Krankheiten unterschiedliche Bevölkerungsgruppen haben. Sie verglichen dazu Gruppen von Personen ohne Migrationshintergrund mit einer Personengruppe mit türkischem Migrationshintergund in Deutschland sowie eine Personengruppe in Istanbul. Insgesamt zeigte sich, dass sich die Vorstellungen bei bestimmten psychischen Krankheitsbildern unterscheiden. Dabei spielten nicht nur kulturelle Unterschiede eine Rolle, sondern auch der Bildungshintergrund und die soziale Situation. Dies kann im Verlauf der Behandlung zu Missverständnissen führen. Ferner zeigte sich die Bedeutung muttersprachlicher Angebote für die Gruppe der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Dabei geht es nicht nur um die Sprache: Die befragten MigrantInnen vermuteten auch ein besseres Einfühlungsvermögen bei Therapeuten mit derselben Muttersprache.

Zunehmend findet die von Fachkreisen seit den 1990er Jahren geforderte „interkulturelle Öffnung“ von sozialen und gesundheitlichen Versorgungseinrichtungen politischen Zuspruch. Das zeigt sich zum Beispiel am „Nationalen Integrationsplan“ aus dem Jahr 2007 sowie am Berliner Partizipations- und Integrationsgesetz. Ziel dieser Anstrengungen ist, etwa durch die Anstellung von MitarbeiterInnen mit Migrationshintergrund und spezifische Ausstattungen die Inanspruchnahme von Versorgungseinrichtungen und die Behandlung zu verbessern. Der Stand der interkulturellen Öffnung von psychosozialen Versorgungsangeboten wurde beispielhaft in einem Berliner Bezirk erhoben, in dem viele Einwohner und Einwohnerinnen mit Migrationshintergrund leben. Die Befragung hat erbracht, dass nicht selten jenen Menschen die Inanspruchnahme des Versorgungssystems verwehrt wird, die der deutschen Sprache nicht ausreichend mächtig sind. Es zeigt sich, dass die interkulturelle Öffnung unter anderem aus finanziellen Gründen nicht flächendeckend umgesetzt ist. So ist oft zu wenig Geld für Dolmetscher oder für die Übersetzung von Informationsmaterialien vorhanden. Gleichzeitig verfügen zahlreiche Einrichtungen über zu wenig Hintergrundinformationen zur interkulturellen Öffnung, obwohl dem Thema durchaus offen begegnet wird. Mitunter bestehen auch weiterhin Ressentiments gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund.

Bei der Behandlung von Patienten mit psychischen Störungen, deren sprachlicher oder kultureller Hintergrund sich von dem des Behandlers unterscheidet, können Irritationen entstehen, die auch die Behandlungsqualität negativ beeinflussen. Die Studiengruppe entwickelte erstmals ein entsprechendes interkulturelles Training für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter psychosozialer Einrichtungen. Das Training mit 18 Unterrichtseinheiten erfolgte in der Parkland-Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Bad Wildungen. Es stand für alle Berufsgruppen (vom Oberarzt bis zur Reinigungskraft) offen und wurde von diesen auch in Anspruch genommen. Diese Interdisziplinarität wurde von allen Teilnehmern sehr geschätzt. Im Vorfeld des Trainings war zunächst ein Fragebogen zur Erhebung „Interkultureller Kompetenz in der Gesundheitsversorgung (IKG-27)“ entwickelt worden. Das Training selbst wurde durch die Teilnehmer, durch Patientenbefragungen und durch eine anthropologische Feldstudie evaluiert. Ein Teil der Trainingsinhalte („Leitfaden zur kultursensiblen diagnostischen Fragestellung“) erscheint in Kürze im DGVT-Verlag.

Über SeGeMi
Das Forschungsprojekt „Seelische Gesundheit und Migration“ ("Orientation of the mental health care system towards the needs of people with migration background") unter der Leitung von Prof. Andreas Heinz (Berlin) und Prof. Uwe Koch-Gromus (Hamburg) wurde von der Volkswagen-Stiftung für eine Laufzeit von drei Jahren (2009-2012) finanziert und ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Charité Universitätsmedizin Berlin und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Ein weiterer Forschungsstandort ist die Marmara Universität Istanbul. Das Projekt wurde von einem internationalen wissenschaftlichen Beirat begleitet.


Ansprechpartner:
Prof. Dr. Andreas Heinz
Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité CCM
Charitéplatz 1, 10117 Berlin
030/4505 17002
andreas.heinz@charite.de

Prof. Dr. Uwe Koch-Gromus
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52, 20246 Hamburg
040/7410 52003 koch@uke.de

Pressearbeit:
MWM-Vermittlung
Kirchweg 3 B, 14129 Berlin
030/80 96 86
mwm@mwm-vermittlung.de
 
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