"Es gibt keine Norm für das Menschsein"
"Es gibt keine Norm für das Menschsein"
07.01.2010 - FRIEDBERG

Chefarzt erläutert die Behandlung von Psychosen

(pd). "Es ist normal, verschieden zu sein. Es gibt keine Norm für das Menschsein" - mit diesem Zitat des früheren Bundespräsidenten Richard v. Weizsäcker leitete der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Dr. Michael Putzke, seine Sonntagsvorlesung zum Thema "Psychosen" ein. Manche Menschen seien taub und blind, zitierte Dr. Putzke v. Weizsäcker weiter, andere hätten Lernschwierigkeiten, eine geistige oder körperliche Behinderung - "aber es gibt auch Menschen ohne Humor, ewige Pessimisten, unsoziale oder sogar gewalttätige Männer und Frauen". Psychotisch erkrankte Menschen erlebten eine existenzielle Krise, die in der Regel alle Lebensbereiche umfasse. Subjektiv sei nichts mehr, wie es war, auch wenn aus der Sicht der Umgebung scheinbar gar nicht viel passiert sei, erläuterte der Arzt.

Zunächst litten diese Menschen an einer Beziehungsstörung. Die Fähigkeit zu einer bekannten sozialen Beziehungsaufnahme sei gestört, die Fähigkeit, in zwischenmenschlichen Beziehungen Grenzen zu ziehen und zu wahren, mehr oder weniger verloren gegangen, führte Putzke aus. Darüber hinaus habe der psychotisch erkrankte Mensch nicht mehr das Erleben, dass ein Gedanke ihm gehöre. Putzke: "Er hat aufgehört, Subjekt zu sein, er erlebt sich als Objekt, oder die Umgebung, die Mitmenschen werden ein Teil von ihm."

Im Gegensatz zum traditionellen Krankheitsverständnis der Psychiatrie richte die Friedberger Klinik ein besonderes Augenmerk auf die lebensgeschichtlichen, sozialen und situativen Einflüsse auf den Ausbruch und Verlauf der Krankheit sowie das subjektive Erleben des kranken Menschen. Ausgehend von der ersten Soteria-Station in Kalifornien (1971-1983) sowie der seit 1984 in Bern bestehenden Soteria-Station werde in der entsprechenden Abteilung der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Bürgerhospital eine gemeindenahe, unterstützende, schützende, normalisierende und auf Beziehung ausgerichtete Umgebung geschaffen. Dort erlebten psychotische Menschen Zuflucht, Ruhe, Schutz und Geborgenheit. Die Behandlung psychotischer kranker Menschen unterteilte Putzke in drei Phasen. Hauptziel der Akutphase sei die emotionale Entspannung durch authentische zwischenmenschliche Begegnungen; der Therapeut nehme dabei die Haltung einer "guten Mutter" ein, "die ihr in angstvollen Fieberdelirien befangenes Kind intuitiv zu beruhigen weiß". Das allmähliche Ausweiten von Aktionsradius, und Alltagsbelastung kennzeichne die sogenannte Aktivierungsphase. In der Wiedereingliederungsphase stehe die progressive Hinwendung nach außen und zur Zukunft im Vordergrund, mit dem Aushandeln von konkreten Nahzielen.

Quelle: http://www.kreis-anzeiger.de/
 
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