"Die standen auf unserer Warteliste"
"Die standen auf unserer Warteliste"
06.01.2010 - GIESSEN

Kinderpsychiater beklagt Zunahme von psychischen Erkrankungen bei Heranwachsenden

(epd). Magersucht, Tics, Schizophrenie, Aufmerksamkeitsstörungen: Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen nach Aussage des Kinder- und Jugendpsychiaters Dr. Eberhard Meyer dramatisch zu. Der Ärztliche Direktor der Vitos Klinik Hofheim im südhessischen Riedstadt stellt außerdem eine Zunahme der Schwere der Erkrankungen fest: So trete Schizophrenie, eine mit Wahnvorstellungen verbundene Erkrankung, zunehmend bei Jugendlichen unter 19 Jahren auf.

Meyer sieht eine Ursache im massiv gestiegenen Haschisch-Konsum. "Bei Jugendlichen ist der Cannabis-Konsum häufiger als der Alkoholkonsum", sagte Meyer bei einem Workshop der Vitos Kliniken zum Thema Psychiatrie in Gießen. Aber auch der häufige frühe Alkoholkonsum hinterlasse Spuren im kindlichen Gehirn, das empfindlicher sei als das Erwachsenen-Gehirn, erklärte Meyer. Die Vitos GmbH ist Hessens größter Anbieter für ambulante und stationäre Behandlung psychisch kranker Menschen; er wird vom Landeswohlfahrtsverband Hessen getragen und unterhält am Standort Gießen ein großes Haus. Insgesamt bekommen nach den Worten von Meyer zehn bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr eine "kinderpsychiatrische Störung". Nur rund ein Fünftel erhalte eine Therapie, davon nur jeder Zweite in angemessener Form: "Wir haben in Deutschland eine zu geringe Zahl von Kinder- und Jugendtherapeuten und -psychologen."

Außerdem gebe es zu wenig Möglichkeiten für eine stationäre Behandlung. "Die Klinken sind nicht mehr in der Lage, den Ansturm zu bewältigen", kritisierte Meyer. "Bei jeder Notaufnahme müssen wir eine Notentlassung machen." Immer häufiger nehme auch die Polizei Zwangseinweisungen vor, etwa, weil ein Jugendlicher in der Schule randalierte. "Da sehen wir dann oft: Die standen schon auf unserer Warteliste." Immer seltener seien Familien heute in der Lage, die Probleme der Kinder zu erkennen und abzufangen, sagte Meyer. Die Häufigkeit der psychischen Erkrankungen sei schichtabhängig - untere soziale Schichten seien stärker betroffen - und steige mit der Kinderzahl.

Eltern sollten reagieren, wenn ihr Kind Schulschwierigkeiten bekommt und sich aus der Familie zurückzieht. Dann rät der Arzt zum Gespräch mit dem Kind. "Dieser Schritt fehlt oft. Wir geben vieles in professionelle Hände, was auch gesellschaftlich zu regeln wäre", sagte Meyer.

Quelle: http://www.giessener-anzeiger.de/
 
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