Geschönte Ergebnisse
Pharmastudien - Geschönte Ergebnisse

Von Birgitta vom Lehn

"Veröffentlichte Daten zu Arzneimitteln spiegeln keineswegs den tatsächlichen Nutzen eines Produkts wider", sagt Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des pharmaktischen Arznei-Telegramms. Therapiefehler, also "Fehlentscheidungen auf der Basis manipulierter Daten", könnten die Folge sein. Seine kritischen Worte beziehen sich auf das Epilepsie-Medikament Gabapentin.


Vor fast genau einem Jahr, im Dezember 2008, berichtete sein Blatt über mögliche Manipulationen von Studiendaten. Das Blatt berief sich auf US-amerikanische Wissenschaftler. Dieselben Forscher haben jetzt im New England Journal of Medicine (NEJM) weitere Details zu Gabapentin nachgereicht und damit den Manipulationsverdacht erhärtet. Von 20 klinischen Studien verschwanden die acht mit eher negativen Ergebnissen in der Schublade. Außerdem stimmten Entwürfe und veröffentlichte Studien vielfach nicht überein.

Beate Wieseler vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln ist empört: "Die Folge dieser Praxis ist, dass der Nutzen eines Präparats überschätzt und der Schaden untertrieben wird. Ärzte bekommen so einen falschen Eindruck." Fatal sei auch, dass dadurch falsche Empfehlungen in Leitlinien entstehen können.

Der Fall Vioxx

Vom Markt genommen wurde das Breitband-Schmerzmittel Vioxx mit weltweitem Milliardenumsatz im September 2004, nachdem die Zwischenauswertung einer Studie angezeigt hatte, dass Patienten durch Vioxx ein um 43 Prozent erhöhtes Risiko für Herzprobleme hatten. Nach Schätzungen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erkrankten oder verstarben durch die Einnahme von Vioxx rund 10.000 Patienten in Deutschland.


Forscher von der Mount Sinai School of Medicine in New York prüften Studien, die vom Hersteller Merck zurückgehalten worden waren und stellten fest, dass schon im Dezember 2000 Risiken

erkennbar gewesen wären. Im April 2001 hätten Studien ein um 35 Prozent erhöhtes Risiko angezeigt, im April 2002 sogar ein um 39 Prozent erhöhtes Risiko. Gabapentin kam 1993 auf den US-Markt und zählt zu den neueren Epileptika. Hersteller war damals Parke Davis, ein Unternehmen, das inzwischen zu Pfizer gehört. Zugelassen wurde es zunächst nur für Epilepsie, später auch für Schmerzen infolge einer Herpeserkrankung. Seit 2001 ist Gabapentin in Deutschland außerdem für die Behandlung neuropathischer Schmerzen zugelassen. Auch Phantomschmerzen nach Amputationen und Neuralgien zählen dazu. Hauptbetroffene sind Diabetespatienten. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie empfiehlt Gabapentin ausdrücklich für die "Therapie neuropathischer Schmerzen".

29,3 Millionen Tagesdosen wurden laut Arzneiverordnungsreport im vergangenen Jahr verschrieben - zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Gabapentin wird im Report zwar als "eine Alternative zur Therapie neuropathischer Schmerzen" bewertet, die aber "keine Vorteile" gegenüber dem Antidepressivum Amitriptylin liefere; dafür sei es "erheblich teurer". Eine Vier-Wochen-Behandlung mit Gabapentin schlägt mit mindestens 58 Euro zu Buche, die Kosten für eine gleich lange Therapie mit Amitriptylin liegen bei 7,50 Euro.

In den USA ist Gabapentin aufgrund der unsicheren Datenlage bislang gar nicht zur Therapie neuropathischer Schmerzen zugelassen. Trotzdem wird es dort hauptsächlich dafür angewendet: im sogenannten Off-Label-Gebrauch. Weil der amerikanische Hersteller trotz Verbots für die Off-Label-Anwendung geworben hatte, kam es zum Prozess. Erst dabei wurden die internen Firmenunterlagen offen gelegt, so dass die Wissenschaftler auf die Diskrepanzen zwischen Protokollen und veröffentlichten Studien stießen.

Der Heidelberger Pharmakologe Professor Ulrich Schwabe sieht den Wirbel um Gabapentin allerdings schon fast überholt, denn es gebe "längst ein erfolgreicheres Produkt": Lyrica von Pfizer mit dem Wirkstoff Pregabalin, seit 2004 auf dem Markt. Eine vierwöchige Therapie kostet 98 Euro, weshalb die Ärzte durch die Kassenärztliche Bundesvereinigung angehalten sind, das Präparat "zurückhaltend" zu verschreiben.

Dennoch ist es laut Arzneiverordnungsreport zum führenden Wirkstoff der neueren Antiepileptika aufgestiegen. Dabei scheint nicht einmal klar, ob das neuere Pregabalin besser als das ältere Gabapentin wirkt.

In einer bisher nicht veröffentlichten Vergleichsstudie habe sich Pregabalin sogar weniger wirksam als Amitriptylin erwiesen, erklärt Schwabe. Es handle sich somit nur um "ein weiteres Beispiel für ein Analogpräparat ohne nachgewiesenen therapeutischen Zusatznutzen" bei gleichzeitig "überhöhten Kosten im Vergleich zu Standardtherapeutika".

Gabapentin wertet Schwabe zwar als ein "erfolgreiches Produkt, dessen Evidenz nicht schlecht" sei. "Wir wussten aber schon früh, dass da etwas nicht stimmte, denn das Marketing wurde sehr unethisch und aggressiv betrieben."

Mit der Datenmanipulation reiht Gabapentin sich ein in eine Kette von Fällen, bei denen Hersteller versuchen, ungünstige Studien zu unterschlagen oder zu manipulieren. So kamen US-Forscher in den Archives of Internal Medicine zu dem Schluss: Das Breitband-Schmerzmittel Vioxx hätte schon Jahre zuvor aus dem Verkehr gezogen werden müssen, wenn der US-Hersteller Merck verpflichtet gewesen wäre, sämtliche Daten frühzeitig offen zu legen.

Die USA haben aufgrund der dortigen Klageflut gehandelt: Seit vergangenem Jahr müssen alle Studien über die allgemein zugängliche Website www.clinicaltrials.gov. registriert und angemeldet werden. So kann jedermann überprüfen, ob Studiendesign und veröffentlichte Ergebnisse übereinstimmen. Zuwiderhandlungen werden mit hohen Geldstrafen belegt.

In Europa gibt es seit 2004 zwar die Europäische Datenbank EudraCT, die von der European Medicines Agency (Emea) betrieben wird. Die Datenbank ist allerdings nur für die nationalen Behörden - in Deutschland das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte -, die Emea und Pharmavertreter, die an den Studien beteiligt sind, zugänglich.

In der für die Öffentlichkeit gedachten Datenbank www.eudrapharm.de sind zwar Produktinformationen gelistet, eine Veröffentlichungspflicht von Studienergebnissen besteht hier bislang aber nicht.

Das IQWiG kritisiert diese "selektive Publikation von Studiendaten": Etwa ein Fünftel der Daten, die in den vergangenen Jahren durch die Arbeit des IQWIG öffentlich wurden, seien vorher nicht allgemein zugänglich gewesen. Dabei handelte es sich oft um "negative" Studien", was zu einer verzerrten Studienlage, geführt habe, erklärt IQWiG-Sprecherin Anna-Sabine Ernst.

Nur auf rund 60 Prozent der Anfragen bei den Herstellern habe das Institut die vollständigen Unterlagen schließlich erhalten. "Was dem Verkauf schaden könnte, bleibt unter Verschluss." Jüngstes Beispiel ist das Antidepressivum Reboxetin. Der Hersteller Pfizer hatte dem IQWiG unveröffentlichte Daten so lange vorenthalten, bis der Druck zu groß wurde. Nun, wo das Institut Einblick in alle Daten erhalten hat, kommt es zu dem Schluss: Ein Nutzen ist insgesamt nicht belegt.

Das IQWiG pocht auch deshalb auf Einsicht in die Original-Unterlagen, weil es andere Fragen als die Zulassungsbehörde verfolgt: Während die Behörde lediglich die Wirksamkeit eines Medikaments überprüft, sprich: ob es der "Zuckerpille" überlegen ist, untersucht das IQWiG im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen (G-BA), ob das neuere Präparat tatsächlich dem älteren überlegen ist.

Das Institut fordert daher ein Gesetz wie in den USA, das Registrierung samt Veröffentlichung von Studien zur Pflicht macht. Bei der EU-Kommission sei pikanterweise aber ausgerechnet das Kommissariat für "Unternehmen und Industrie" verantwortlich. "Als Speerspitze des Verbraucher- und Gesundheitsschutzes hat es sich bisher nicht hervorgetan", sagt IQWiG-Sprecherin Anna-Sabine Ernst.

Quelle: http://www.fr-online.de/
 
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