Schizophren im Supermarkt
Schizophren im Supermarkt.
In der Welt psychisch Kranker
Schizophrenes Einkaufen
In einem speziellen Supermarkt können gesunde Menschen nachspüren, wie psychisch Kranke die Welt erfahren.
Von Sibylle Steinkohl

Das ist ja zum Verrücktwerden. Verstummen denn diese Stimmen nie? Jetzt geht’s auch noch in einer fremden Sprache los, türkisch oder finnisch oder sowas. Und die Milch darf ich jetzt auch nicht aus dem Regal holen, weil sie giftig ist. Aber Brot und Salz brauche ich, die sind doch lebenswichtig, flüstert mir jemand ins Ohr.

Jetzt kommen sie, um mich zu holen, und die Sirene ertönt auch schon wieder. Wie man sich danach sehnt, Hand in Hand zu gehen, ja, das stimmt. Aber da ist keiner, der mir hilft, die Verkäuferin im weißen Kittel redet nicht mit mir, außerdem versperrt sie mir dauernd den Weg, und aus der Ecke dort starrt mich jemand an.

Wo ist bloß mein Einkaufswagen hingekommen, gerade ist er doch noch neben mir gestanden. Da vorne sehe ich ihn, wer hat ihn fortgeschoben? Jetzt muss ich ihn aber bewachen, nicht mehr aus den Augen lassen. Der Teufel lacht über mich, und jetzt höre ich die schrillen Rufe von irgendwoher: Du hast gedacht, es sind alles Hirngespinste, aber es ist alles wahr!

Nach zehn Minuten schwirrt der Kundin dieses sehr speziellen Supermarkts in der Lämmerstraße 3 der Kopf. Entnervt schiebt sie den Einkaufswagen an den Ausgang zurück, keine Chance, in diesem Durcheinander den WC-Reiniger zu finden, und das Kaninchenfutter mit nach Hause zu bringen.

Ungewöhnliche Psychotour
Niemand kann sich darauf konzentrieren, die richtigen Waren aus den Regalen zu holen, wenn einem gleichzeitig über einen Kopfhörer unterschiedliche Stimmen und verschiedene Werbespots, verwirrende Rufe und bedrohliche Befehle die Ohren vollstopfen, wenn die Worte nachhallen und niemals Ruhe einkehrt. Da lässt sich ein Einkauf nicht bewältigen.

In diesem Supermarkt ist es freilich so gewollt. Er ist der erste von zwei Räumen, die einen möglichst authentischen Eindruck vermitteln sollen, wie sich Schizophrenie und Depression "anfühlen" könnten, es ist der ansatzweise Versuch nachzuspüren, wie Menschen mit einer psychischen Erkrankung die Welt erfahren.

"Grenzen erleben" heißt die ungewöhnliche Psycho-Tour, die der Bezirk Oberbayern, die Caritas und die Stadt München in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität jetzt eine Woche lang allen Interessierten zum Ausprobieren anbietet. Ziel der Erlebnisräume ist, ein mit Ängsten und Tabus behaftetes Thema einmal anders anzupacken, um letztendlich mehr Verständnis für die betroffenen Menschen zu wecken.

Im Supermarkt der Schizophrenie bekommen die Besucher einen Einkaufszettel zum Erledigen in die Hand gedrückt, während sie gleichzeitig von fremden Stimmen beschallt werden, und Mitarbeiter die Einkaufswägen verschieben, Waren herausnehmen, falsche hineinlegen und stumm im Weg stehen.

"Ich konnte die Stimmen ausblenden", sagten danach einige. "Irritierend" sei es gewesen, fand ein Kunde, "isoliert" fühlte sich eine Frau und eine andere sprach vom Verfolgungswahn, den man entwickeln könne, wenn einem dauernd etwas aus dem Wagen geholt wird.

Auch die Testpersonen, die niedergezogen von einer Bleischürze den dunklen Gang des Depressionsraums passierten, waren im anschließenden Gespräch froh, die bedrückende Last wieder los zu sein, auch die der monotonen, traurigen, leisen Stimme, die ihren Aufenthalt begleitete.

Am Ende ihres fünfminütigen Besuchs bei der Schwermut sollten sie ihr letztes schönes Erlebnis aufschreiben: "Da ist mir fast nichts mehr eingefallen", lautete ein Kommentar. Und alle waren sich einig, wie schnell es geht und wie wenig es braucht, "um aus der normalen Welt hinauszufallen".

"Grenzen erleben" im Caritas Bildungs- und Tagungszentrum, Lämmerstraße 3, ist bis 2. März täglich von 13.30 bis 20 Uhr geöffnet (Gruppen werden um Anmeldung gebeten, Telefon 54702030 oder spdi-laim@caritasmuenchen.de).

(SZ vom 27.2.2007)

Quelle: Süddeutsche Zeitung
 
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