Psychisch kranke Schüler - Krasse Leben
Psychisch kranke Schüler
Krasse Leben
VON YVONNE GLOBERT


Mädchen wie Nadine* sind für Bestsellerlisten wie geschaffen. Die Jugendliche könnte leicht ein Buch schreiben wie es Leser lieben: über eine krasse Vita - so beruhigend weit weg vom Leben des Publikums. Noch dazu echt.

Alles, was darin vorkäme, hat Nadine selbst erlebt: die zerrüttete Familie, Drogenkarriere und Wahnvorstellungen, die Zeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Selbst über den Titel müsste sie nicht lange nachdenken: Nadine, 16, Diagnose: affektive Schizophrenie. So was zieht.

Nadine ist acht, als ihr Vater stirbt. Die Mutter bleibt nicht lang allein. Sie heiratet wieder und Nadine bekommt noch einen Bruder. Aber für sie, die große Schwester, funktioniert das neue Glück nicht. Aus Kummer beginnt sie sich zu ritzen. Drogen kommen ins Spiel. Mischung und Menge? Egal. Reichlich Cannabis ist dabei, Amphe-
tamine, Heroin.

Psychisch unter Druck

Die Alfred-Adler-Schule ist eine städtische Schule für Kranke. Der Unterricht hier richtet sich an Kinder und Jugendliche, die länger als vier Wochen krank sind und die ihre Stammschule etwa im Zuge psychischer Probleme sowie somatischer Störungen und langfristiger Erkrankungen nicht besuchen können. Immer häufiger sind darunter Schulverweigerer, die in der Schule Schwierigkeiten haben und bei denen der Lernort zuweilen sogar Phobien auslöst.

Insgesamt 16 Lehrer unterrichten in Düsseldorf derzeit rund 80 junge Patienten, die entweder in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Rheinischen Kliniken, in der Kindertagesklinik für Psychosomatik am Evangelischen Krankenhaus oder in den Universitäts- kliniken der Heinrich-Heine- Universität untergebracht sind. Unterricht gibt es vorwiegend in Deutsch, Mathematik und den Fremdsprachen. Nahezu alle größeren Kliniken in Deutschland arbeiten mit Schulen für Kranke zusammen.

Die Zahl psychisch kranker Kinder und Jugendlicher wächst. In ihrer "Kiggs"-Studie hat das Robert-Koch- Institut festgestellt, dass rund 20 Prozent der unter 18-Jährigen psychisch auffällig sind. Zweieinhalb Millionen Betroffene müssten laut Studie behandelt werden.

Eine große Bedarfslücke tut sich inzwischen auf: Bundesweit gibt es nur rund 640 niedergelassene Ärzte und 2500 Therapeuten ohne medizi- nische Ausbildung. Entsprechend wächst die Fluktuation an den Psychiatrien: Sie nehmen mehr junge Patienten auf als früher, dafür verweilen diese aber deutlich kürzer als in den Vorjahren.


Nadine findet keine Ruhe. Sie kann nicht mehr schlafen. Sie hört Stimmen. Und dann: Stillstand. Rettungssanitäter fischen sie von der Straße und liefern sie mit einer schweren Vergiftung im Krankenhaus ein. Eine medizinische Odyssee beginnt, bevor sie schließlich in der Psychiatrie landet.

An diesem Montag sitzt Nadine an einem von drei Computern in ihrem Klassenzimmer an der Düsseldorfer Alfred-Adler-Schule. Ein hübsches Mädchen, das es gern passend mag: blauer Pulli, blauer Lidschatten. Selbst der Ohrring ist blau, ein großer Dorn, der sich durch ihr rechtes Ohr bohrt. Er sieht ein bisschen bedrohlich aus, aber vielleicht ist das überinterpretiert.

Affektive Schizophrenie. Was das ist, weiß Nadine selbst nicht genau. Die Diagnose haben ihr die Ärzte der Kinder- und Jugendpsychiatrie an den Rheinischen Kliniken in Düsseldorf gestellt. Nadine gehört zu jenen Menschen, die gerade noch vor Euphorie strotzten, um im nächsten Moment in tiefe Depression zu stürzen und die mitunter nicht zwischen Realität und Imagination unterscheiden.

All das sieht man Nadine nicht an. Nicht ihrem Look. Nicht der Art, wie sie von sich erzählt. Erschreckend ist eher, wie klar, fast emotionslos sie es tut. Für das, was sie erlebt hat, braucht sie nicht einmal zehn Minuten.

Als sie die Schule für Kranke zum ersten Mal besucht, ist ihr Gehirn wie ein Schweizer Käse: Sie weiß, dass sie vieles, was sie hier lernt, schon einmal gehört hat. Dass es schon einmal an ihrer früheren Schule im Unterricht vorkam. Aber sie kann sich nicht daran erinnern. Sie ist frustriert. Es hat ein bisschen gedauert, bis die Lehrer darin den eigentlichen Grund für ihre anfängliche Aggressivität erkannten. Heute kann Nadine locker zwei Stunden am Rechner arbeiten und will so schnell wie möglich nachholen, was sie versäumt hat. "Manchmal", sagt die Jugendliche, "bin ich richtig ungeduldig und froh, wenn am Montag wieder die Schule losgeht."

Seit 1976 organisiert die Alfred-Adler-Schule Unterricht für kranke Kinder und Jugendliche. Darunter sind neben Patienten der Düsseldorfer Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Kindertagesklinik für Psychosomatik auch Mädchen und Jungen, die ihre Heimatschulen aufgrund einer Krebserkrankung nicht besuchen können. Insgesamt 16 Lehrer, der größte Teil Sonderpädagogen, unterrichten Schüler in der Schule oder auf der Station. Keine Kleinigkeit. Sie müssen den Unterricht für Kinder und Jugendliche jeden Alters und aller Schulformen gestalten.

Birgit Anders unterrichtet seit eineinhalb Jahren in Düsseldorf. Anfang 30, lange blonde Haare, blau-grüne Brille, gemütlicher Typ, sanfte Stimme. Immer wieder wendet sie sich jedem einzelnen Schüler zu, auch ein zweites oder drittes Mal, wenn Aufgaben nicht klar sind. Johannes meldet sich höflich. Noch hat er den Satz des Pythagoras nicht verstanden. Vor Kurzem, erzählt seine Lehrerin, war ihm noch egal, was hier im Unterricht um ihn herum passierte. Mit schweren Depressionen war er nach Düsseldorf gekommen. Seine alte Schulklasse: ein Chaoshaufen. "Es war immer so laut ", erinnert er sich. Ruhige Kandidaten wie er gehen da unter. Und seine Lehrer? "Die haben irgendwann resigniert."

Birgit Anders wollte nie an einer Regelschule arbeiten. Nach einem Praktikum war für die Sonderpädagogin klar, dass eine Schule für Kranke für sie genau das Richtige ist: ganz eng im Lehrerteam mit einer kleinen Schülergruppe arbeiten, maximal 13 Leute im Blick. Mit dem Ziel: Auf jeden individuell einzugehen und ein Stück Normalität zu vermitteln. Ganz gleich, ob ein Schüler depressiv ist, an einer Psychose leidet oder an Selbstmord denkt.

An der Alfred-Adler-Schule versuchen sie, den Druck rauszunehmen, der mitunter an den Regelschulen herrscht. Jeder lernt hier in seinem eigenen Tempo, setzt selbst Prioritäten. Wer es gerade wichtiger findet, Matheaufgaben zu wiederholen, beschäftigt sich dann eben mal schwerpunktmäßig mit binomischen Formeln und nicht mit Deutsch.

Damit die Schüler möglichst wenig Stoff verpassen, informieren sich die Lehrer der Alfred-Adler-Schule bei den Stammschulen, was im Unterricht gerade dran ist. Sie besorgen auch das nötige Lehrmaterial. Schüler, die länger bleiben, bereiten sie hier auf Schulabschlüsse vor. Es geht dabei nicht um Höchstleistungen. Viel wichtiger ist etwa eine passende Schullaufbahnberatung. Dabei kann es sein, dass sie einem Schüler raten, vom Gymnasium an eine Realschule zu wechseln, wenn der Leistungsdruck zu groß geworden ist.

Was die Lehrer an dieser Schule dabei zunehmend registrieren: Es sind immer mehr jüngere Mädchen und Jungen, vielleicht gerade einmal zwölf, die hierher kommen. Mit einfachen Begründungen ist man hier vorsichtig, zu komplex sind meist die Ursachen dafür, warum ein Kind psychologische Hilfe braucht. "Dass die Klinik uns nicht immer über die gesamte Diagnose eines Schülers informiert, ist manchmal auch von Vorteil", sagt Schulleiterin Jutta Hinne-Fischer. So können sich die Lehrer von ihren Schülern ein unvoreingenommenes Bild machen.

Augenfällig aber ist auch ein Wandel der Gesellschaft, der immer mehr Kinder in psychiatrische Behandlungen spült. "Viele hier stammen aus Familien, in denen einfach niemand ist, der sie mit ihren Problemen auffängt", sagt Hinne-Fischer. Der Vater abwesend, die Mutter mit sich und der Erziehung völlig überfordert, die Familie verwahrlost - Biografien wie diese gibt es immer häufiger.

Und noch etwas hat zugenommen: die Angst vor der Schule selbst. Da sind zum einen die, die sich an ihren Heimatschulen komplett überfordert fühlen, mit übereifrigen Eltern im Rücken, die sie unbedingt am Gymnasium sehen wollen. Und wiederum andere, die nicht zurechtkommen, weil sich ihre Eltern nicht die Bohne für sie und ihre schulischen Leistungen interessieren.

Hinzukommen jene, die Opfer ihrer mobbenden Mitschüler wurden. Als Markus K. in Winnenden um sich schoss, diskutierten sie auch in Düsseldorf. "Ist doch klar", rief ein Mädchen dazwischen. "Entweder bist du Opfer oder Täter. Da musst du dich entscheiden." Sie selbst habe nicht mehr leiden wollen und irgendwann die Seiten gewechselt. Auch über den neuen Fall der Tanja O., von der Boulevard-Presse zum ersten "Amok-Mädchen" gekürt, werden sie hier wohl reden.

Und damit auch über sich selbst. Denn schon nach Winnenden kamen immer öfter Schüler nach Düsseldorf, von denen Lehrer und Eltern glaubten, das auch sie ins Profil eines Amokläufers passten. Ein Junge wies sich sogar selbst in die Psychiatrie ein. "Der dachte: Ich bin genauso wie der Amokläufer", erzählt sein Lehrer. "Tatsächlich fehlte ihm einfach das nötige Selbstbewusstsein." In seinem Fall, weil er schwarz war.

Er blieb nicht lang. Für die Alfred-Adler-Schule ist das symptomatisch. Während Schüler früher im Schnitt ein ganzes Jahr unterrichtet wurden, werden die meisten heute spätestens nach ein paar Monaten entlassen. Das hat nicht zuletzt finanzielle Gründe. Täglich kommen neue und gehen alte Schüler. "Schulisch konnten wir für sie früher mehr bewirken", bilanziert Schulleiterin Hinne-Fischer.

Erschwerend kommt ein immenser bürokratischer Aufwand hinzu: Für jedes Kind schreiben die Lehrer einen Förderplan, egal wie lange es bleibt. Sie kümmern sich täglich um An- und Abmeldungen. "Die Bürokratie ist schon arg belastend", sagt Hinne-Fischer. Dabei kommen solche Begriffe im Vokabular der Lehrer eigentlich eher selten vor. Wer die Schicksale der Schüler nicht aushält, wem die Kinder hier zu schwierig sind, der verlässt die Schule schnell. Häufig vorgekommen ist es noch nicht.

Und doch gibt es auch für die, die bleiben, harte Momente. Birgit Anders führte ein solcher durch die Parkanlage des Uniklinikums. Mal ein paar Schritte an der frischen Luft mit einer Schülerin, die bei einer Prüfung zusammengebrochen war.

Was die Pädagogin am meisten schockierte, war, wie glasklar das Mädchen seine Situation selbst analysierte. Ein Leben, an dem Pech klebte: keinen Kontakt mehr zu den in einer Hartz IV-Welt dahindümpelnden Eltern, der Wunsch, es selbst besser zu machen, wenigstens den Realschulabschluss zu schaffen. Stoff pauken und dann doch vor jeder Prüfung wieder alles vergessen. Keinen klaren Gedanken mehr fassen zu können, weil die Psyche einem wieder einmal einen Strich durch die Rechnung macht. Sich selbst so schwer zu verletzen, bis die Ohnmacht kommt und gefunden zu werden im eigenen Blut. Am Ende: Scham. Freunde? Wer will mit so einer befreundet sein? Birgit Anders hätte losheulen können. Sie hat es sich verkniffen.

In Düsseldorf mögen sie ihren Job, weil sie die Kinder mögen. Sie reden nicht von "durchgeknallten", sie reden von "besonderen" Schülern. Schönfärberei? Vielleicht ein bisschen Selbstschutz, um nicht allein an das Harte zu denken.

Es gibt ja auch anderes. Sogar Humor. Einmal sagte ein Schüler zu Birgit Anders: "Da ist jemand unter meinem Tisch." Und weil sie wusste, dass der Junge manchmal unter Wahnvorstellungen litt, dachte sie zunächst: "Ja, klar, jetzt geht's los." Um ihn zu beruhigen, schaute sie nach. Über das, was sie unterm Tisch fand, muss sie noch heute lachen: Da hockte dann ein Mitschüler mit großen, treuen Augen auf allen Vieren, ein kindlicher Seehund.

Birgit Anders kichert und ihr ganzer Körper wird dabei kräftig durchgeschüttelt. Auch der kleine schwarze Apparat, den sie unauffällig am Hosenbund trägt. Das ist unproblematisch, so lange sie nicht aus Versehen den kleinen roten Knopf drückt. Dann würden in den nächsten Sekunden Mitarbeiter des Klinikums die kleine Treppe hoch und in den Flur der Schule stürmen. So ist es gedacht für den Notfall. Falls ein Jugendlicher durchdreht, vielleicht ein Fenster öffnet und sich herunterstürzen will. Der Knopf existiert, weil niemand hier einen solchen Fall ganz ausschließen kann. Aber so lange sie hier ist, sagt Birgit Anders, hat sie ihn noch nicht gebraucht.

*Alle Schülernamen geändert

Quelle: http://www.fr-online.de/
 
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