Borderline-Syndrom - Dem eigenen Körper fremd
Leidet jemand an Borderline, leidet auch sein Umfeld. Denn die schwere Persönlichkeitsstörung entlädt sich oft durch realitätsferne Wankelmütigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen. Aber auch der eigene Körper wird häufig Opfer des fatalen Zerrbildes.

Viele Borderline-Betroffenen verletzen sich selbst, um ihren entfremdeten Körper über den Schmerz zu spüren.In einen Moment wird das Gegenüber noch idealisiert. Niemand ist großartiger. Doch auf einmal schlägt die gerade noch so intensive Zuneigung ins Gegenteil um. Ein Anlass ist nicht zwingend nötig, um die Zuneigung eines Borderline-Betroffenen zu verspielen oder zu bekommen. «Menschen, die an Borderline leiden, denken in Schwarz und Weiß. Es gibt keine Zwischentöne», erklärt Dr. Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater (BVDP).

Borderline bedeutet «Grenze». Der Begriff sei entstanden, weil das Borderline-Syndrom zwischen Neurose und Psychose angeordnet wurde. Auch glaubte man noch vor einigen Jahrzehnten, dass Persönlichkeitsstörungen von der Schwere wie bei Borderline nicht behandelbar sei. «Heute weiß man, dass man die Krankheit therapieren kann», so Roth-Sackenheim.

Bei Borderline leiden die Betroffenen unter einer schwerwiegenden Störung mit vielen Instabilitäten. Die Ursachen können vielfältig sein. So haben die Patienten oft in der Kindheit häufig Vernachlässigung erlebt und konnten sich einer zuverlässigen Zuwendung durch Bezugspersonen nicht sicher sein. Eine These sei einmal gewesen, dass diese Menschen als Kind nicht gelernt hätten zu erkennen, dass die Mutter gute und schlechte Eigenschaften in sich vereinen kann, also eine komplexe Person sei, sagt Roth-Sackenheim als mögliche Erklärung für das Schwarz-Weiß-Denken. Bewiesen wurde dies bisher nicht. Auch stehe häufig ein Trauma – durch Gewalt, die auch sexueller Art sein kann, - hinter der Störung.

In den meisten Fällen leide das Umfeld noch mehr als der Borderline-Betroffenen selbst. Denn Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung seien emotional ein Fass ohne Boden. Nicht nur, dass die Beziehungen zwischen idealisierend und entwertend schwanken, auch sind sie geprägt durch sich abwechselnde Ängste vor Nähe und dem Alleinsein. Häufig werden Partner, Freund, Familienmitglieder manipuliert oder gegeneinander ausgespielt.

So würde etwa ein Partner unter Druck gesetzt etwas zu tun, um seine Liebe zu beweisen. «Sie geraten dann in ein Hamsterrad», warnt die Psychiaterin. Denn selbst eine Erfüllung der Forderung verlaufe im Nichts und habe keine Wirkung.

Gefühlsreaktionen auf Ereignisse können zudem manchmal zeitverzögert einsetzen oder bei geringfügigen negativen Mitteilungen unangemessen heftige Reaktionen hervorrufen. Das lege daran, dass die Impulskontrolle nicht funktioniere. Hass, Wut oder auch Rachegefühle könnten dann ungefiltert zum Ausbruch kommen.

Zwar gelten Borderline-Kranke nicht zwangsläufig als gewalttätig, aber, so räumt Roth-Sackenheim, könne etwa die Familie in solchen Situationen in Gefahr geraten. Immer wieder berichteten die Medien über Fälle, bei denen von ihren Frauen verlassene Männer die Kontrolle verlieren und ihre Frau, ihre Kinder sowie sich selbst umbringen. «Ich bin überzeugt, dass es sich in solchen Fällen oft um Männer mit Borderline handelt», sagt Roth-Sackenheim. Belege gebe es dafür aber nicht.

Die Borderline-Kranken erleben ihre Persönlichkeitsstörung dagegen oft eher als diffusen Zustand. Manchmal geht dieser einher mit Depressionen oder Selbstverletzungen. Aber auch das Suizidrisiko sei bei Borderline sehr hoch. Die Selbstverletzungen können sich in verschiedenen Formen manifestieren. Etwa in Ritzen und Verbrennen oder Essstörungen, aber auch in der Jagd nach Extremsituationen, wie etwa viel zu schnelles Autofahren oder Drogen.

Viele Borderline-Patienten haben ein verzerrtes Selbstbild, dass sich nicht nur Selbstüberschätzung oder einem niedrigen Selbstwertgefühl niederschlägt, sondern auch durch eine Fremdheit des eigenen Körpers. Der als Borderline-Kranker diagnostizierte englische Schriftsteller Will Self beschreibt diesen Zustand in seinem Roman «Spass» so: «Meine Finger und Zehen sind jetzt entlegene Provinzen. Dacia und Hibernia, jahrelang ohne Kontakt zum imperialen Nervenzentrum.»
Die Fremdheit zum eigenen Körper könnte im Missbrauch zu finden sein, erklärt Roth-Sackenheim. «Es ist ein Schutzmechanismus», sagt sie. «Ich gehe aus meinem Körper heraus, um den Schmerz nicht zu spüren.»

Tatsächlich haben Studien ergeben, dass Borderline-Patienten eine wesentlich niedrigere Schmerzempfindlichkeit haben als andere Menschen. So spüren sie etwa Verbrennungen erst, wenn die Temperatur um drei Grad höher ist. Die Selbstverletzungen sollen einen Bezug zum Körper über Schmerz wieder herstellen.Trotz dieser Verletzungen berichten viele Patienten immer wieder von Schmerzlosigkeit.

Doch ist das Ritzen, Selbstverletzung durch Schneiden an den Armen oder Beinen, wie es bei Jugendlichen häufig vorkommt, nicht zwangsläufig ein Zeichen für Borderline. «Nicht jeder der ritzt, ist auch ein Borderline-Fall, und nicht jeder Borderline-Betroffene ritzt», so die Expertin. Das Ritzen bei Jugendlichen habe dagegen oft andere Hintergründe, wie etwa ein Hilfeschrei nach Aufmerksamkeit oder Zugehörigkeitsgefühl in einer Clique, ist Roth-Sackenheim überzeugt.

Borderline ist inzwischen gut behandelbar. Nicht nur verschiedene Therapieformen haben sich bewährt, auch hätten einige Psychopharmaka eine Verbesserung der Situation gebracht. Eine Psychotherapie sei für den Therapeuten aber eine besondere Herausforderung und verlange nach großer Belastbarkeit. «Mehr als einen Patienten mit Borderline kann man pro Tag nicht verkraften», sagt Roth-Sackenheim aus Erfahrung.

Denn es sei nicht nur schwer ein stabiles Vertrauensverhältnis zwischen Therapeut und dem Patient aufzubauen. Auch wird der Therapeut für den Patienten zum Übungsobjekt und spiegelt das Verhalten seines Gegenübers wider. In einer anderen Therapieform lernen Borderline-Betroffene in einer Gruppe Einschätzungen zum Gegenüber zu überprüfen. «Ein Borderline-Patient kann Gesten nur schwer deuten und glaubt schnell, dass ihm jemand feindlich gesinnt ist.»

Nach derzeitigen Erhebungen sollen 70 Prozent aller Borderline-Betroffenen Frauen sein. Doch Roth-Sackenheim sieht diese Einschätzung kritisch. «Ich glaube, dass genauso viele Männer unter Borderline leiden wie Frauen», sagt sie. Doch diese Zahlen seien nicht erfasst, weil Männer die Krankheit anders handhaben und eher auf narzisstische Weise über ihren Beruf nach Bestätigung suchen als in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen. Auch sei das Verhalten, nach Hilfe zu suchen, bei Frauen stärker ausgeprägt. In Deutschland geht man davon aus, dass 1,5 Millionen Bundesbürger von Borderline betroffen sind.
 
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