Gemeinsame genetische Ursache für bipolare Störung und Schizophrenie
Eine Analyse von 9 Millionen Schweden aus einem Zeitraum von 30 Jahren zeigt auf, dass bipolare Störung und Schizophrenie gemeinsame genetische Ursachen haben. Die Ergebnisse werden in einem aktuellen, von Dr. Paul Lichtenstein und Dr. Christina Hultmann vom schwedischen Karolinska Institutet Stockholm sowie Kollegen verfassten Artikel präsentiert.

Ob diese beiden Erkrankungen nun die klinischen Folgen verschiedener oder gemeinsamer Prozesse sind, wird innerhalb der Psychiatrie lebhaft diskutiert. Die Autoren versuchten daher, dieses Dilemma aufzulösen, indem sie die im schwedischen ‘Multi-Generation Register‘ hinterlegten Daten von 9 Millionen Personen aus 2 Millionen Familien aus dem Zeitraum 1973 bis 2004 heranzogen. Untersucht wurden hierbei die Risiken für Schizophrenie und bipolare Störung sowie deren gemeinsames Auftreten bei biologischen und Adoptiveltern, Nachkommen, sowie Voll- und Halbgeschwistern von Menschen mit einer dieser Erkrankungen.

Verwandte ersten Grades einer Person mit Schizophrenie (35 985 Personen) oder bipolarer Störung (40 487) hatten ein erhöhtes Risiko, ebenso zu erkranken. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung lag bei Vollgeschwistern die Wahrscheinlichkeit einer schizophrenen Erkrankung um das Neunfache höher und für die bipolare Störung um das Achtfache. Halbgeschwister mütterlicherseits hatten im Verhältnis zur Allgemeinbevölkerung ein 3,6-fach höheres Risiko für Schizophrenie und ein 4,5-fach höheres Risiko für bipolare Störung. Bei Halbgeschwistern väterlicherseits lagen die Risiken für Schizophrenie 2,7-fach und für bipolare Störung 2,4-fach höher, somit insgesamt niedriger. Die Analyse von Verwandten von Menschen mit bipolarer Störung ergab, dass für alle Verwandtschaftsgrade ebenfalls ein erhöhtes Risiko für Schizophrenie vorlag. Dies gilt auch für adoptierte Kinder, wenn ihre biologischen Eltern unter bipolarer Störung leiden. Die Erblichkeit, wobei hier der Anteil eines Merkmals gemeint ist, das genetisch vererbt und nicht über die Umwelt erlernt oder von dieser beeinflusst wird, lag für Schizophrenie bei 64 Prozent und für bipolare Störung bei 59 Prozent. Die Ursachen der Komorbidität zwischen den beiden Erkrankungen hatten zu einem großen Teil (63 Prozent) genetischen Hintergrund.

Die Autoren folgern: “Ähnlich den molekulargenetischen Studien präsentieren wir Hinweise darauf, dass Schizophrenie und bipolare Störung zum Teil gemeinsame genetische Ursachen haben. Diese Ergebnisse stellen die gegenwärtige nosologische Dichotomie zwischen Schizophrenie und bipolarer Störung in Frage und stimmen mit der Neubewertung dieser Erkrankungen überein, die bislang noch als zwei deutlich verschiedene diagnostische Einheiten gesehen werden. Innerhalb der klinischen Praxis könnten die zugrundeliegende Struktur der Psychosen und das Wissen um die allgemeinen Ursachen dieser Störungen für Behandlungsoptionen und Entwicklung einer Medikation der Psychosen von Nutzen sein.“

In einem begleitenden Kommentar werfen Professor Michael Owen und Professor Nick Craddick von der britischen University of Cardiff die Frage auf, welches Szenario als Ersatz diene, wenn die beiden Erkrankungen nicht länger als verschieden betrachtet würden. Sie diskutieren den Aufwand, das ‘Diagnostische und Statistische Handbuch Psychischer Störungen‘ (DSM) der ‘Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung‘ (APA) wie auch die ‘Internationale Klassifikation der Krankheiten‘ (ICD) der Weltgesundheitsorganisation WHO neu zu formulieren und folgern: “Nach unserer Meinung müssen die neuen diagnostischen Kriterien die sorgfältige Bewertung und Neueinschätzung der Psychopathologie unterstützen. Die daraus resultierende ausführliche klinische Diagnose wird es ermöglichen, die Wirksamkeit gegenwärtiger und zukünftiger Therapien beim Einzelnen zu überwachen. Sie wird auch der Erforschung von Ursachen, Klassifikation und Behandlung besser dienen können.“

Quelle: P Lichtenstein and others. Common genetic determinants of schizophrenia and bipolar disorder in Swedish families: a population-based study. Lancet 2009; 373: 234

http://www.thelancet.com
 
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