Klassifizierung von Antipsychotika sollte aufgegeben werden
Eine Metaanalyse von randomisierten kontrollierten Studien über die Wirkungen von antipsychotischen Medikamenten hat zwischen den einzelnen Präparaten wichtige Unterschiede ergeben, die durch die Einteilung in erste und zweite Generation jedoch verwischt werden. Die Autoren eines vorab online veröffentlichten Artikels sowie eines begleitenden Kommentars fordern, diese Einteilung daher aufzugeben.

Dr. Stefan Leucht von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Technischen Universität München, Dr. John Davis von der University of Illinois in Chicago und Kollegen vergleichen neun Antipsychotika der zweiten mit Medikamenten der ersten Generation. Kriterien hierbei waren Gesamtwirkung (Hauptergebnis), positive, negative und depressive Symptome, Rückfall, Lebensqualität, extrapyramidale Nebenwirkungen, Gewichtszunahme und Beruhigung.

Die Metaanalyse umfasste 150 Studien und über 21 000 Teilnehmer, und die Analyse ergab, dass vier jüngere Medikamente (Amisulprid, Clozapin, Olanzapin, Risperidon) mit nur kleineren bis mittleren Unterschieden bezüglich ihrer Gesamtwirkung besser abschnitten als die der ersten Generation. Andere Antipsychotika der zweiten Generation zeigten keine besseren Ergebnisse. Die jüngeren Medikamente induzierten im Vergleich mit dem hochwirksamen älteren Medikament Haloperidol (auch bei geringer Dosierung) weniger extrapyramidale Nebenwirkungen. Im Vergleich mit geringer wirksamen Medikamenten der ersten Generation induzierten jedoch nur noch einige Antipsychotika der zweiten Generation weniger dieser Nebenwirkungen. Mit Ausnahme von Aripiprazol und Ziprasidon verursachten die moderneren antipsychotischen Medikamente eine größere Gewichtszunahme in verschiedenen Stufen als Haloperidol, jedoch nicht so ausgeprägt wie geringer wirksame Antipsychotika der ersten Generation.

Die Autoren folgern: "Da sich die antipsychotischen Medikamente der zweiten Generation in vielen Eigenschaften unterscheiden, darunter Wirksamkeit, Nebenwirkungen, Kosten (einige sind Generika) und Pharmakologie (Amisulprid ist kein Serotonin-Rezeptor-Blocker), bilden sie wie auch die Medikamente der ersten Generation keine homogene Klasse. Die ungeeignete Verallgemeinerung hinterlässt Verunsicherung, und daher sollte diese Klassifizierung aufgegeben werden." Die Forscher fügen hinzu: "Diese Metaanalyse liefert auf Wirksamkeit, Nebenwirkungen und Kosten antipsychotischer Medikamente basierende Daten, die Klinikärzte für eine individuelle Behandlung von Patienten mit Schizophrenie nutzen können."

Im begleitenden Kommentar stellen Professor Peter Tyrer vom Department of Psychological Medicine am Imperial College London und Dr. Tim Kendall vom National Collaborating Centre for Mental Health der Londoner Royal College of Psychiatrists' Research Unit fest: "Individuelle Reaktionen fallen unterschiedlich aus, und daher ist eine Reihe von Medikamenten für eine qualitätsorientierte klinische Praxis notwendig. Also, was machen wir nun? Zunächst ist es an der Zeit, die Begriffe der ersten und zweiten Generation von Antipsychotika aufzugeben, da sie diese Abgrenzung nicht verdienen. Das einzige Medikament der zweiten Generation, das offensichtlich besser als andere Antipsychotika geeignet ist, einer Schizophrenie entgegenzuwirken, ist Clozapin, und das ist nun wirklich ein altes Medikament. Zweitens, Klinikärzte müssen das Nutzen-Risiko-Verhältnis eines jeden Antipsychotikums permanent im Auge behalten, da alle auf verschiedene Art und Weise mit ernsten Nebenwirkungen verknüpft sind, die wichtige Ergebnisparameter sein sollten. Schlussendlich ist es vernünftig, sich daran zu erinnern, dass während der Medikamentenentwicklung die Wissenschaft vorherrscht, der Markt jedoch die Kontrolle übernimmt, sobald das Medikament zur Behandlung von Patienten freigegeben ist."

Quelle: http://www.wissenschaft-online.de/artikel/975814
 
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