Wahn und Wirklichkeit
Sie hören Stimmen, wissen nicht mehr, wer sie sind. Einige bringen sich um: Schizophrene leiden an einer gefährlichen Krankheit mit vielen Gesichtern. Was fühlen Menschen, die sich in Wahnvorstellungen verloren haben? Ein Besuch im Klinikum am Urban und im St. Joseph-Krankenhaus

Eines Tages wachte Leon Richter* auf und alles besaß plötzlich eine andere Bedeutung. Agenten verfolgten ihn. Nächtelang wanderte er rastlos durch die Straßen. Fernseher sprachen zu ihm, übermittelten verschlüsselte Botschaften. Jedes Autokennzeichen war eine geheime Nachricht, die nur er verstand.

Das war vor zwei Jahren. „Im Wahn kann man nicht unterscheiden, was Albtraum ist, was Realität“, sagt der 37-Jährige mit leiser, aber fester Stimme. Der Wahn, die überreizten Sinne, kamen ihm wie ein grauenvoller, endloser Drogentrip vor. Richters Paranoia hat einen Namen: Schizophrenie. Betroffene verlieren den Bezug zur Realität, die Umwelt wird zur Bedrohung. In der Psychiatrie des St. Joseph-Krankenhauses in Weißensee wird Leon Richter behandelt.

An seine erste schizophrene Psychose kann sich auch Paul Fischer sehr genau erinnern. „Das war am 1. Mai“, sagt der kräftige Musiker mit dem kahlrasierten Schädel. „Ich stand mit meiner Band auf der Bühne. Plötzlich hat es in meinem Kopf Klick gemacht – alles war verzerrt.“ Einen Tag lang hatte er Halluzinationen. Nur ein Sonnenstich, hoffte er. Als der 44-Jährige einige Wochen später auf Tournee ging, passierte es wieder.

Wenn Paul Fischer von sich erzählt, wirkt er gelassen, als spreche er über jemand anderen. Mit multiplen Identitäten hat Schizophrenie allerdings wenig zu tun. Dass es sich dabei um eine Persönlichkeitsspaltung handelt, ist ein weit verbreiteter Irrtum. Zwar stammt das Wort „schizo“ aus dem Griechischen und bedeutet „spalten“. Gespalten fühlt sich Fischer aber nicht, im St. Joseph-Krankenhaus hat er gelernt: Die Psychose ist ein Teil von ihm.

„Menschen, die an Schizophrenie erkranken, haben eine dünne seelische Haut“, sagt die Chefärztin der Psychiatrie im St. Joseph-Krankenhaus, Iris Hauth. Neben dem roten Backsteinbau mit Kirchturm liegen die sechs Psychiatriestationen, einstöckige Häuser, mit Efeu bewachsen. Morgens laufen Kinder durch das Gelände, weil es der kürzeste Weg zur Schule ist. Im Hof der Klinik sitzen Patienten im Schatten von vier riesigen Kastanien. Der Lärm des Rasenmähers stört sie nicht, einige spielen Volleyball.

In einem der einstöckigen Häuser sitzen vier Patienten an einem Tisch. Einer von ihnen betrachtet fassungslos seine zitternden Hände, als wären sie ihm fremd, als hätten sie ein Eigenleben. Ein Arzt verteilt Hefte, die nächste halbe Stunde erinnert an Schulunterricht. Was die kleine Gruppe hier lernen soll, ist für sie lebenswichtig. Alle leiden unter der selben Frage: Wie lebe ich mit der Krankheit?

Den Patienten fällt es schwer, sich zu konzentrieren. In den Heften ist ein Segelboot abgebildet – eine Metapher für Schizophrenie. Das Boot hat eine Last: Stress. Und es hat einen großen Kiel, der gefährlich nah am felsigen Untergrund vorbei schrammt. Jemand mit großem Kiel hat viel Tiefgang. Er könne sehr kreativ sein, aber auch verletzlicher als andere, sagen Psychiater, empfindlicher für Schicksalsschläge. Die Psychiatrie soll helfen, das Boot zu steuern.

„Risperdal, Zyprexa, Clozapin – wie nennt man diese Medikamente?“ fragt Arzt. „Neuroleptika“, antwortet einer der Patienten und lehnt sich stolz in seinem Sessel zurück. Während der auffällig heitere Mann auf jede Frage des Arztes eine Antwort weiß, ist ein anderer in sich gekehrt, sein Blick misstrauisch. „Welche positiven Wirkungen haben die Medikamente auf Sie gehabt“, fragt der Arzt vorsichtig. Er könne den Lärm nun besser ertragen, sagt der Patient. Unerträglich laut muss es gewesen sein, wenn ein Lastwagen an ihm vorbeidonnerte.

Schizophrenie ist eine komplexe Krankheit, jeder Patient hat eigene Symptome. Bei einigen Menschen wirkt erst das dritte Neuroleptikum. „Wir müssen bei jedem genau hinschauen“, sagt Detmar Trostdorf, Chefarzt der Psychiatrie im Vivantes Klinikum Am Urban. „Selbst die Übergänge zwischen krank und gesund sind fließend.“ Rund 1000 Betroffene sieht Trostdorf jedes Jahr in der Kreuzberger Klinik. Einige leiden für Tage, andere lebenslang.

Während einer schizophrenen Psychose, in der Medizin Episode genannt, schüttet das Gehirn zu viel vom Botenstoff Dopamin aus. Übererregung ist die Folge. Die Synapsen verändern sich, einige Betroffene werden sich nie wieder vollständig zusammenhängend unterhalten können. Neuroleptika senken den Dopaminspiegel, können jedoch schwere Nebenwirkungen haben. „Ich habe 25 Kilo zugenommen“, sagt Leon Richter. Aber die Agenten sind weg.

Die Hälfte aller Schizophrenen ist übergewichtig. Regelmäßig geben die Patienten Blut ab und bekommen Ernährungstipps. Egal was Leon Richter macht, das Gewicht bleibt. Er nennt es „Kunstfett“, es belastet ihn sehr. Ebenso die andere Nebenwirkung: Impotenz.

Schizophrenien haben soziale und biologische Ursache und kommen in allen Kulturen vor. Auffällig ist, dass akute Schübe meist in Stresssituationen auftreten. „Am Anfang steht die akute, seelische Krise“, sagt Chefarzt Trostdorf. Etwa eine Scheidung oder der Tod eines Freundes. Neben Medikamenten würden vor allem Gespräche, Erfolgserlebnisse und Ermunterung helfen. Viele Betroffene kommen von sich aus. „Wer Bauchschmerzen hat, geht ja auch zum Arzt.“ Einige werden von Freunden oder dem Hausarzt geschickt, fast 15 Prozent werden von Gerichten in die Kreuzberger Klinik verwiesen. Statistisch gesehen durchlebt jeder Hundertste mindestens einmal im Leben eine schizophrene Episode.

Wer nachts verwirrt in der Notaufnahme des Urban-Klinikums ankommt, wird von einem Psychiater begutachtet: Besteht Suizidgefahr, verweist er den Patienten vorerst in die geschlossene Abteilung, wo drei Viertel der Patienten schizophren sind. Einige sind erleichtert, die meisten für ärztliche Hilfe dankbar.

Auch der ältere Herr, ein Blumenhändler, ist freiwillig auf der geschlossenen Station. Raus kann er nur, wenn die Ärzte ihn lassen. Vor Jahrzehnten wurde der duldsame Mann in seiner Heimat wegen seiner Herkunft verfolgt. Unklar ist, ob dies die Ursache ist – fest steht: Regelmäßig verliert er für Tage oder Wochen den Bezug zur Wirklichkeit und meldet sich in der Klinik. Bald erkennt er dann seine Ärzte nicht mehr, verschanzt sich im Zimmer, wird gewalttätig. In solchen Fällen drücken die Pfleger auf den Alarm – in einer Minute sind zehn, zwölf Mitarbeiter versammelt. Manchmal müsse man ihn fesseln. Ein Merkblatt im Schwesternzimmer erklärt: „Professionelles Handeln beim Fixieren eines Patienten“.

Einen Flur weiter steht eine friedliche Frau, ehemalige Sekretärin, 45 Jahre, blasse Haut, blauen Adern. „Ich war schon mehrfach hier“, sagt die Raucherin. „Abhauen will ich nicht“, erklärt sie sachlich. Über sich selbst erzählt sie nicht viel und scheinbar ohne Zusammenhang. Dann steht sie plötzlich auf, verabschiedet sich höflich und geht in ihr Zimmer.

Müsste er Schizophrenie mit einem Wort beschreiben, würde Chefarzt Trostdorf „Misstrauenskrankheit“ dazu sagen. Ein junger Patient hatte immer stärker das Gefühl, andere könnten seine Gedanken hören, Paranoia. Er zog sich zurück, galt als irre, vereinsamte schließlich. Erst in der Klinik merkte er, dass er die vergangenen drei Jahre „in der Krankheit verbracht hatte“, wie die Ärzte sagen.

Die Krankheit hinterlässt auch körperliche Spuren: Beim Gruppengespräch in der offenen Abteilung haben fast alle Patienten dunkle Augenringe, viele haben kaum geschlafen, einige spüren starkes Kribbeln. Zönästhesie oder Gürtelgefühl nennen Ärzte Wahnvorstellungen am eigenen Körper. Manche glauben, ihr Rumpf oder ihre Beine schrumpften. Vor allem nachts, wenn sie sich im Bett wälzen, hören viele Patienten Stimmen, manche sogar zwei, die sich über den Patienten unterhalten.

Ob die Stimmen jemanden zum Selbstmord treiben, muss Detmar Trostdorf rechtzeitig erkennen. Nicht jeden Suizid können die Ärzte verhindern, manche Patienten sprechen kaum mit ihnen, sie sind in ihrem „Wahngebäude“ völlig aufgegangen. Studien zeigen, dass sich doppelt so viele schizophrene Menschen umbringen wie gesunde.

Am Rande des Klinikgeländes in Kreuzberg gibt es einen Garten, dem man auf den ersten Blick ansieht, dass sich jemand persönlich für die bunten Beete und Blumen verantwortlich fühlt: Es sind Patienten der Tagesklinik, die tagsüber gärtnern, kochen, reden und abends wieder nach Hause fahren. „Hier kann ich Kraft sammeln“, sagt eine junge Frau in einer Trainingsjacke. Nach dem Studium hat sie der Mut verlassen, der Berufseinstieg scheiterte, die Frau – eine begabte Geigenspielerin – verzweifelte.

Auch Leon Richter und Paul Fischer, die immer noch in Weißensee behandelt werden, sind erwerbsunfähig. Das soll nicht so bleiben, sagt Leon Richter. Er studiert nun, will Ingenieur werden und hofft, eines Tages auf seine Tabletten verzichten zu können. Paul Fischer würde lieber jeden Tag zehn Stunden auf dem Bau arbeiten. Aber er hat Angst, wieder die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Als er das letzte Mal die Medikamente absetzte, sprang er vom Dach eines fünfstöckigen Hauses – und überlebte. Ein leichtes Hinken zeugt noch davon.

„Aber letztendlich ist Schizophrenie eine Erkrankung wie jede andere – und kann mit Medikamenten und Psychotherapie behandelt werden“, meint Chefärztin Iris Hauth. Bei zwei Dritteln der Patienten können die Symptome geheilt werden. Über kurz oder lang. Leon Richter ging zehn Jahre lang in der Psychiatrie ein und aus. „Dabei ist Berlin an sich schon eine offene Anstalt“, sagt er und lacht dabei zum ersten Mal.

* Alle Namen von Patienten geändert

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 09.07.2008)

Quelle: http://www.tagesspiegel.de
 
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Kommentar schreiben
Bitte logge dich ein, um ein Kommentar zu verfassen.
 
Bewertungen
Bitte logge dich ein, um eine Bewertung abzugeben.

Es wurden noch keine Bewertungen abgegeben.
 
Werbung
cleverALLNET