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Neuer Therapieansatz in der Schizophrenie
Neuer Therapieansatz in der Schizophrenie
Montag, 3. September 2007

Indianapolis – Für die Behandlung der Schizophrenie deutet sich eine Alternative zu den atypischen Antipsychotika an. Ein neuartiges Medikament, ein Agonist am mGlu2/3-Rezeptor, hat sich in einer Phase-II-Studie in Nature Medicine (2007; doi:10.1038/nm1632) vergleichbar wirksam erwiesen wie ein Standardmedikament und war zudem weitgehend frei von den extrapyramidalen Komplikationen und anderen Nebenwirkungen dieses Mittels.

Alle bisher verfügbaren Neuroleptika entfalten ihre Wirkung an Dopaminrezeptoren, was bei allen Neuroleptika zu extrapyramidalen Nebenwirkung führen kann, die im Fall der tardiven Dyskinesie irreversibel sein können. Viele Patienten setzen die Medikamente hingegen schon früher ab, weil sie mit der Wirkung nicht zufrieden sind, oder häufiger noch, weil sie die Nebenwirkungen stören. Für eine erfolgreiche Therapie mit Neuroleptika ist deshalb die Verträglichkeit fast so wichtig wie die Wirksamkeit. Seit langem ist bekannt, dass in der Pathogenese der Schizophrenie auch Glutamatrezeptoren eine Rolle spielen.

Der Wirkstoff LY2140023 ist der erste, der hier eingreift. LY2140023 ist ein selektiver Agonist an sogenannten mGlu/3-Rezeptoren. Nachdem das Medikament in Tierversuchen eine antipsychotische Wirkung erzielte, führte der Hersteller Lilly eine Phase-II-Studie durch, an der 118 Patienten teilnahmen. Sie wurden über 4 Wochen entweder mit LY2140023 (2 x 40 mg/die), Olanzapin (15 mg/die) oder Placebo behandelt.

Primärer Endpunkt war der PANSS-Gesamtscore (Positive and Negative Syndrome Scale), wobei eine Verbesserung um 25 Prozent oder mehr als Response gewertet wurde. Wie Sandeep Patil von Lilly in Indianapolis und Mitarbeiter berichten, erzielten nach 4 Wochen mit LY2140023 32 Prozent der Patienten eine Response, womit die Wirkung etwas schlechter war als unter Olanzapin (Response 41,2 Prozent), aber deutlich besser als unter Placebo (Response bei 3,2 Prozent).

Die Verträglichkeit war jedoch deutlich besser. Das Medikament induzierte keine extrapyramidalen Störungen und führte auch nicht zum Anstieg der Prolaktinspiegels, der mit ungenehmen Spannungsgefühlen in der Brust, Brustvergrößerung oder sogar einer Milchabsonderung verbunden ist. Anders als unter Olanzapin, bei dem die Patienten um 0,74 kg an Gewicht zulegten, – die Gewichtszunahme ist bei Olanzapin ein häufiger Grund für einen Therapieabbruch – nahmen die Patienten unter LY2140023 sogar ab, im Mittel 0,51 kg an Körpergewicht.

In der aktuellen Studie gab es – wie erwartet – die meisten Studienabbrecher im Placebo-Arm. Der Unterschied zu den beiden Wirkstoffen war jedoch nicht signifikant, was an der geringen Studiendauer gelegen haben könnte – oder doch daran, dass LY2140023 nicht frei von Nebenwirkungen ist? Die häufigste Nebenwirkung unter LY2140023 sind Schlafstörungen, Schläfrigkeit, Übelkeit und eine Affektlabilität. Labormedizinisch wurde ein Anstieg der Kreatinphosphokinase festgestellt.

Dies zeigt einmal mehr, dass ein neuartiger Wirkungsmechanismus allein noch kein Durchbruch ist. Ob mit dem Medikamente gar eine neue Ära in der Behandlung der Schizophrenie beginnt, bleibt abzuwarten. Ein Experte verglich gegenüber den Medien die Substanz schon mit Chlorpromazin, nach deren Einführung 1952 nach und nach die Verwahrung in psychiatrischen Anstalten aufgegeben wurde. Das mag voreilig sein. Die jetzige Studie belegt sicherlich, das ein mGlu2/3-Agonist wirksam ist (“Proof-of-principle”), der klinische Stellenwert wird sich aber erst in größeren Phase-III-Studien ermitteln lassen. © rme/aerzteblatt.de

Quelle: http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=29684
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