Antidepressiva: Vom Johanniskraut bis zur "chemischen Keule"
Antidepressiva: Vom Johanniskraut bis zur "chemischen Keule"

Niemand ist gefeit vor Depressionen. Bei dem einen verdrängen sie schleichend Selbstvertrauen und Optimismus. Beim anderen attackieren sie die Psyche überfallartig. Michael Freudenberg wollte seine Depressionen erst gar nicht wahrhaben. "Plötzlich bin ich morgens früh aufgewacht und habe angefangen zu grübeln, und schließlich habe ich überhaupt nicht mehr geschlafen, habe gleichzeitig aber noch normal gearbeitet, was natürlich einen unglaublichen Kraftaufwand bedeutet hat, den ich selbst aber nach außen und auch vor mir selbst relativ gut und leider auch erfolgreich verbergen konnte."

Sich einzugestehen, unter Depressionen zu leiden, fiel Michael Freudenberg besonders schwer. Denn er ist gewissermaßen "vom Fach", Psychiater am AMEOS-Klinikum in Neustadt, Schleswig Holstein. Schließlich entschloss er sich, die Krankheit anzunehmen und mit Medikamenten zu bekämpfen. Als erstes griff er zu Johanniskraut. Es gibt eine Reihe von Studien, die Johanniskraut bei leichten bis mittelschweren Depressionen eine recht gute Wirkung bescheinigen. Das bestätigt auch Professor Detlef Dietrich aus der Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover: "Man kann das nutzen, aber in diesen höheren Dosierungen kann es ganz ähnliche Nebenwirkungen haben wie die klassischen Antidepressiva. Es hat vielleicht den Vorteil, dass es frei erhältlich ist in der Apotheke. Aber ob das immer ein Vorteil ist, weiß ich auch nicht, denn es verhindert manchmal natürlich den Gang zum Experten."

Gang zum Experten wählen

Diesen Gang scheuen viele Betroffene. Bei Schlafstörungen greift man zu Baldrian, bei innerer Unruhe zu einer Tasse Hopfen- oder Melissentee. Darüber hinaus werden auch bestimmte Omega-3-Fettsäuren im Fischöl wegen möglicher antidepressiver Wirkung diskutiert, und sogar Incensol, ein Wirkstoff im Weihrauch, reduziert angeblich Angstgefühle. Doch wenn eine trübe Stimmung, Schuldgefühle, mangelnde Motivation oder Ängste nicht verschwinden, sollte man sich nicht gegen die Einnahme von Antidepressiva sperren, so der selbst betroffene Psychiater Michael Freudenberg: "Nachdem ich nach Wochen immer noch keinen Erfolg hatte, habe ich dann endlich mit einem modernen Antidepressivum angefangen."

Es handelt sich dabei um ein Medikament, das direkt bestimmte chemische Botenstoffe beeinflusst, die im Gehirn Nervensignale weiterleiten. Es wird vermutet, dass Störungen in der Aktivität dieser Neurotransmitter Depressionen hervorrufen können. Während viele klassische Antidepressiva oft Nebenwirkungen zur Folge haben - wie Zittern, Mundtrockenheit oder Herzrhythmus-Störungen - haben moderne Antidepressiva weniger unangenehme Begleiterscheinungen. Manch eines dieser Medikamente wird jedoch nicht nur im Rahmen einer ärztlichen Therapie, sondern im wahrsten Sinne des Wortes "just for fun" genutzt. Professor Detlef Dietrich von der Medizinischen Hochschule Hannover: "In den USA wurde es als Lifestyle-Medikament eingesetzt, um die Stimmung zu verbessern, die Befindlichkeit zu verbessern. Das mag vielleicht auch bei dem einen oder anderen gewirkt haben, aber man weiß, dass diese Medikamente bei leichten Formen der Depression eigentlich gar nicht so gut wirken."

Angstfreies Leben führen

Insbesondere die Wirkung des Inhaltsstoffes Fluoxetin wurde jüngst von einigen Forschern in Zweifel gezogen. Bei schweren Depressionen sind Antidepressiva jedoch immer noch alternativlos. Die Forschungen konzentrieren sich derzeit auf mögliche genetische Faktoren und es wird untersucht, inwieweit ein gestörtes Immunsystem Depressionen begünstigt. Für Detlef Dietrich bleiben die Forschungserfolge jedoch bisher hinter den Erwartungen zurück: "Wenn man mal betrachtet, dass in 50 Jahren in anderen Fachbereichen sehr viel Fortschritt passiert ist, würde man denken, auch hier hätte eigentlich noch ein bisschen mehr Fortschritt passieren können."

Trotzdem bleibt es dabei: Für viele Menschen sind Antidepressiva, insbesondere kombiniert mit einer Psychotherapie, eine gute Chance, ihre Depressionen in den Griff zu bekommen und ein angstfreies Leben zu führen.

Quelle: http://www.ndrinfo.de
 
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