Tatort Hollywood - Die Familie ist der Katastrophenfall
Mai 1990: Christian Brando bringt den Freund seiner Halbschwester Cheyenne um

Los Angeles - Es ist alles da, was ein Familiendrama braucht. Die Zwölfzimmervilla am Mulholland Drive in Beverly Hills, dort, wo Hollywood-Stars hinter Mauern wohnen. Ein übermächtiger Vater, ein drogenabhängiger Sohn, eine schwangere Halbschwester, ihr Freund, eine Pistole.

Die Szene spielt im Haus des Hollywood-Schauspielers Marlon Brando (66). Am 16. Mai 1990 erschießt sein Sohn Christian (32) den 26-jährigen Freund seiner schwangeren Halbschwester Cheyenne (20). Marlon Brando ruft die Polizei.

Christian Brando wird wegen Mordes angeklagt. Er beteuert, er habe Dag Drollet (26), Sohn einer mondänen französischen Familie auf Tahiti, nicht töten wollen. Der Schuss habe sich unbeabsichtigt gelöst. Brando bekennt sich des Totschlags schuldig.

Zeuge der Anklage ist ein Polizist. Er sagt, es hätte keinen Hinweis gegeben, dass sich der Schuss bei einem Handgemenge zufällig gelöst habe. Drollet habe zurückgelehnt auf einer Couch gelegen, in einer Hand die Fernbedienung für den Fernseher, in der anderen ein Feuerzeug.

Christian Brando erklärt, er habe Drollet nur erschrecken und davor warnen wollen, seine Halbschwester Cheyenne noch einmal zu schlagen. Dass er sie geschlagen habe, wisse er von Cheyenne. Es war ein Unfall, sagt er. Cheyenne sagt, ihr Halbbruder habe ihren Freund vorsätzlich getötet. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt sie der Komplizenschaft. Cheyenne entzieht sich weiteren Vernehmungen und fliegt nach Tahiti, zweimal versucht sie, sich das Leben zu nehmen. Cheyenne, die schon als Teenager an Schizophrenie leidet, wird später sagen, ihr Freund habe sie nie geschlagen.

Der Vater leistet dem Sohn demonstrativ Beistand. Auf einem Foto aus dem Gerichtssaal beugt sich der Schauspieler, ein Monument des alten Hollywood, gottväterlich über seinen Sohn. Filmische Realität und Wirklichkeit fließen auf diesem Bild ineinander. Sehen wir doch in Wahrheit eine Szene aus dem Mafia-Film "Der Pate" (im Original "The Godfather", 1972) von Francis Ford Coppola zwischen Marlon Brando und Al Pacino, seinem Filmsohn. Vielleicht trägt die Maxime des Paten zur Klarheit bei: Ein Mann hat nur ein Schicksal.

Noch einmal tritt der alte Brando in den Zeugenstand, das graue Haar zu einem Zopf gebunden. Als Zeuge der Verteidigung sagt er, sein Sohn habe niemals eine Chance im Leben gehabt. In seiner Kindheit sei er von seiner "kranken und grausamen" Mutter, der Schauspielerin Anna Kashfi, misshandelt worden. Wie das Magazin "Vanity Fair" berichtet, habe er Kashfi, als sie von ihm schwanger war, nur geheiratet, weil das Kind nicht mit dem Makel der Illegitimität leben sollte. Christian Brando wird zu zehn Jahren Haft verurteilt. Nach viereinhalb Jahren kommt er frei.

Blitzartig erhellt der tödliche Schuss aus einer Pistole vom Kaliber 45 die unauflösbaren psychotischen Verstrickungen einer Familie, wie man ihr in griechischen Tragödien oder auf dem Boulevard des alltäglichen Wahnsinns begegnet. Am Fall des Christian Brando zeigt sich die Familie als Katastrophenfall.

Jede Geschichte hat eine Vorgeschichte. Kashfi und Marlon Brando lassen sich nach einem Jahr Ehe 1958, Christians Geburtsjahr, scheiden. Zwölf Jahre lang streiten sie wie Besessene um das Sorgerecht. Sie hatte sich als Inderin ausgegeben, tatsächlich ist sie eine Waliserin. Kashfi nennt das Kind nach einer indischen Gottheit, Devi, Brando nennt es nach seinem schwulen Liebhaber und Saufkumpan, dem französischen Schauspieler Christian Marqand. Christian Brando weiß nicht, wohin er gehört. Er ist hin- und hergerissen, bis er nur noch das Falsche tun kann. Mit 16 bricht er die Schule ab, Jobs wechselt er so häufig wie seine Beziehungen. Christian Brando wird als kleiner, ängstlicher Junge beschrieben, der immer schon getrunken, gekifft und gekokst hat. Zur Zeit der Tat firmiert er als Schauspieler.

In der Rückblende sehen wir Marlon Brando, das Kind alkoholkranker Eltern, deren außereheliche Affären, die Versuche der Mutter, sich das Leben zu nehmen. Marlon hat Rechtschreibprobleme, Stotteranfälle, es gibt psychische Krisen mit Angstzuständen und Depressionen. Den Mangel an Selbstwertgefühl verbirgt er hinter der Maske des starken Mannes.

2004 stirbt Marlon Brando. Zwischen Angehörigen und Nachlassverwaltern kommt es zum Streit biblischen Ausmaßes. Die Nachlassverwalter werfen Christian Brando aus dem Haus des Vaters. Nach drei Monaten Ehe lässt er sich von Deborah Presley scheiden. Obdachlos geworden, zieht er in das Ein-Zimmer-Apartment einer Frau. Im Januar 2008 stirbt Christian Brando an einer Lungenentzündung.

Cheyenne ist eines von neun oder mehr Kindern von Marlon Brando. Sie stammt aus der Beziehung mit der polynesischen Tänzerin Terita Tumi Teriipaia, seiner Partnerin in dem Film "Die Meuterei auf der Bounty" (1962). 25 Jahre alt, nimmt Cheyenne einen Strick und hängt sich auf. Ihr Sohn, Tuki, ist fünf, sein Vater ist Dag Drollet. Heute ist Tuki 18 und läuft als Model für Versace. Bilder im Internet zeigen einen Jungen mit weichen Zügen. Er trägt das Kainsmal des jungen Brando. Gerade die Macho-Attitüde auf den Fotos von Bruce Weber zeigt die verletzliche und verletzte Seele von Brandos Enkel. Das Brando-Gen.

Quelle: http://www.stuttgarter-nachrichten.de
 
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Kommentar schreiben
Name:

Sicherheitscode:
Sicherheitscode


 
Bewertungen
Bitte logge dich ein, um eine Bewertung abzugeben.

Es wurden noch keine Bewertungen abgegeben.
 
Werbung
cleverALLNET