Schlüssel zum Wahn
Schlüssel zum Wahn
Entdeckungen und Versuche in Wien Von Otto F. Beer

Daß das eigene Ich zertrümmert wird, nahestehende Personen den Charakter von Fratzen und Dämonen annehmen, daß der Raum sich spiralenförmig auf einen zubewegt und die Zeit stillsteht, zu existieren aufhört, das sind Erlebnisse, die der Welt der Schizophrenen angehören. Niealand, der nicht selbst in geistige Umnachtung verfiel, konnte sie nacherleben oder auch nur ahnen, VAS in der Vorstellung des Psychotikers vor sich jeht. Eine Versuchsreihe, die nun an der Wiener Psychiatrischen Universitätsklinik Prof. Hoffs von Jessen Assistenten Dr. Arnold durchgeführt worden st, hat die Tore zu dieser Welt der verschobenen Koordinaten, schreckhaften Wahnideen und unerklärlichen Doppelbedeutungen geöffnet. An gesunden, zumeist hochintelligenten Versuchspersonen wurden Experimente mit LSD 25 — dem Lyserg-Säurediätbylamid — durchgeführt. Und die Erlebnisse, die etwa 300 Personen, bald rauschhaft glücklich, bald fassungslos erschreckt in einer uns sonst "erschlossenen Wirklichkeit hatten, Öffnen zumindest einen Spalt weit das Tor in eine Welt, die zu letreten dem Menschen sonst nur um den Preis der geistigen Umnachtung möglich ist.

Die minimale Menge von 100 Gamma Lyserg bringt in unserem Gehirn die Grundlagen unseres Weltbildes zum Einsturz. Aber es handelt sich rieht um Phantasien, die das Rauschgift hervorruft. Nicht um eine Euphorie oder flüchtig voriberhuschende Bilder und Farben geht es hier, sondern um einen tiefen Eingriff in die Ichsxuktur. Nach einigen Stunden ist freilich dieser Ausnahmezustand des Geistes beendet, und der Mensch hat die Tür zur paranoiden Welt wieder hinter sich ins Schloß geworfen. Der Blick in cie Bereiche des Wahns ist vorbei, und kaum vermag die Versuchsperson an Hand ihres eigenen Protokolls die irrealen Erlebnisse wiederzuerkennen, die ihr einige Stunden lang Angst, rauschhaftes Glücksgefühl oder Schrecken eingejagt haben.

Bewußter Rausch

Von diesen Protokollen geht eine seltsame geistige Fiszinationaus. Aber es ist keine echte, nicht einmal eine temporäre Schizophrenie, die da erzeugt wird. Auch unter Einwirkung von LSD 25 behält der Mensch seine kritischen Fähigkeiten, stellt sich den bedrohlichen Eindrücken und sucht sie zu deuten. Ein bekannter Wiener Psychologe hat alle Stadien des an ihm vorgenommenen Experiments auf Tonband abgenommen. Im Gespräch mit Dr. Arnold ringt ei da um seine Realität, will das rosige Licht über alen Dingen auf die untergehende Sonne oder den Ofen zurückführen und gibt sich nur zögernd den Ftrbräuschen des Anfangsstadiums hin. Dann aber ist das Erlebnis stärker als der um seine Bewältigung bemühte Geist; der Raum wird schief, wird wellenförmig, Personen und Gesten nehmen eine hintergründige Bedeutung an.

Arnold hat im Einvernehmen mit seinen Versuchspersonen das Körperschema der Lysergierten aufzuzeichnen versucht. Es erwies sich als die vollendete Negation dessen, was wir als schön zu empfinden gewohnt sind.

Tatsächlich deutet man in der Wiener Universitätsklinik das Körperschema der Lysergierten als eisen Rückfall ins Atavistische, ins primitiv Kindliebe. Man fand dafür einen Anhaltspunkt in dem Körpermodeill, das der amerikanische Physiologe Peafield entworfen hat. Penneid untersuchte, wieval Gehirnsubstanz jedem menschlichen Körperteil zugeordnet sei und zeichnete dann sein schematiscr.es Männchen. Mit einem großen Maul, riesigen Daumen, großem Bauch und knapp daran sitzenden Füßen stellt es gleichsam den Menschen dar, wie er ursprünglich konzipiert war: ohne die Vorgänge, di« das spätere Heranwachsen mit sich bringt. Und zur Verblüffung dex Wiener Psychiater erwies sich das „Penfield-Männchen" als naher Verwandter de: Lyserg-Körperschemas. Mit anderen Worten: der unter LSD-Einwirkung Stehende schreitet in seiner Entwicklung bis zu einer urtümlichen Phase zurück. Eine archaische Vorstellung vom eigenen Körper, die durch einen ungeheuer langen Wadistumsprozeß zu dem als schön empfundenen langgestreckten Körperbau überlagert schien, bricht im Lyserg-Rausch wieder durch. Der Mensch kehrt zu seinem ontogenetischen Ursprung zurück.

Das Lyserg-Experiment, zu dem sich in Wien zahlreiche Studenten, Künstler, Ärzte und andere Intellektuelle gedrängt haben, stellt ohne Zweifel einen Griff in Bereiche dar, die bisher dem gesund gebliebenen Menschengeist versagt waren. Ist dies „künstliche Schizophrenie", wie man in einigen, den Erlebniswert des Experiments verbilligenden. Darstellungen lesen konnte? Arnold wehrt sich gegen diese Auffassung. Gewiß stelle das Lyserg- Experiment ein Modell des schizophrenen Erlebens dar.-So oder so ähnlich müssen die Eindrücke eines Erkrankten beschaffen sein. Aber erst dadurch, daß er sie von seiner Persönlichkeit her deutet, auf sie reagiert, sie in sein Weltbild einbaut, wird er zum Schizophrenen. Eine Vision mag sich so vollziehen, wie man es aus dem Lyserg-Experiment kennengelernt hat. Aber erst wenn der Patient darauf mit der Deutung reagiert: man verfolgt mich — und wenn er aus Jahren ähnlicher Erlebnisse und ihrer Verarbeitung seine kranke Persönlichkeit geformt bat, ist er schizophren.

Der Wert der Wiener Versuche liegt nicht darin, daß mit Hilfe einer neuen Droge eine bisher ungekannte psychische Sensation geschaffen wurde. Die Experimente an der Klinik Hoffs beweisen vielmehr den Zusammenhang zwischen dem seelischen Erlebnis der Schizophrenie und gewissen biochemischen Vorgängen. Daß es das Lysergsäurediäthylamid ist, das diesen tiefen Eingriff in die menschliche Persönlichkeit hervorruft, ist ein Resultat von weittragender Konsequenz.

Denn man blieb an jener Klinik nicht beim LSD- Experiment stehen. Die nächste Frage lautete: Wenn es möglich ist, auf chemischem Weg die Grundfesten unserer Vorstellungswelt einschließlich Raum-Zeitgefühl, Körperschema und Logik zum Einsturz zu bringen — gibt es dann «auch einen Weg, diesen Zusammenbruch einer Persönlichkeit auf chemischem Weg zu unterbrechen? Und an diesem Punkt, wo es um die Wurzeln menschlicher Existenz geht, hat man immerhin den Ansatz eines erfolgverheißenden Weges gefunden.

Künstliche Schizophrenie

Unter den Substanzen des dem Chemiker vertrauten Zitronensäure-Zyklus hat man einige gefunden, die der gespenstischen Kraft des LSD 25 entgegenzuwirken vermögen. Besonders die Bernsteinsäure erwies sich dabei als erfolgverheißend. Mit ihrer Hilfe gelang es, Lyserg-Räusche zu „kupieren". Es lag also nahe, sie nicht nur dort anzuwenden, wo schizophrene Erlebnisse künstlich hervorgerufen wurden, sondern auch dort, wo sie in einem Krankheitsverlauf auftauchten. Und nun erwies sich die „Echtheit" der unter LSD-25-Einwirkung produzierten paranoiden Zustände. Nicht nur gesunde Versuchspersonen lernten die den Rausch unterbrechende Wirkung der Bernsteinsäure kennen. Auch Kränke, die sich in schizophrenen Anfällen wanden, spürten ein Abebben der sie bedrängenden Flut der Gesichte, des Gedankenschwundes, der angstvollen Erlebnisse. Freilich ist dieser Weg nur unter günstigen Bedingungen beschreitbar. Und die schizophrene Persönlichkeit wird durch diesen chemischen Eingriff nicht angetastet: nur das akute Wahnerlebnis kann auf Stunden gebannt werden. Aber die extreme Vorsicht, mit der man in Wien diese ersten therapeutischen Schritte unternimmt, nimmt dem Lyserg-Experiment nichts von seiner promethaischen Kühnheit. Es ist ein erregender Blick in bisher verbotene Regionen des Ichs, der sich unter seiner Einwirkung auftut.

Quelle: http://www.zeit.de
 
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