Tötung in extremer Ausnahmesituation
Tötung in extremer Ausnahmesituation
Der Psychiater Klosinski über Kindsmord

Eine außergewöhnliche Extremsituation muss vorliegen, wenn eine Mutter ihr Kind nach der Geburt tötet, sagt der Tübinger Professor Gunther Klosinski.

Tübingen Es klingt unvorstellbar und unbegreiflich: Eine Mutter packt, wie in Horb (Kreis Freudenstadt) geschehen, ihr Kind gleich nach der Geburt in eine Plastiktüte und steckt es in den Gefrierschrank. Das Kind stirbt. Wie kann eine Frau so etwas tun? In welcher Verfassung muss sie sich befinden, dass sie dazu fähig ist? Gunther Klosinski, Tübinger Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie, kennt solche Fälle aus eigener Erfahrung sowie aus der medizinischen und forensischen Literatur.

Weil ihm die genauen Umstände des Horber Falls unbekannt sind, äußert sich Klosinski allgemein zu dieser Problematik. Klosinskis Fazit: Nur in einer äußerst ungewöhnlichen Extremsituation vermag eine Mutter ihr eigenes Neugeborenes zu töten. Es sei unvorstellbar, dass sie dies rational und mit kühlem Kopf tue.

Schwangere geraten laut Klosinski in eine schwierige Lage, wenn sie ihre Schwangerschaft verheimlichen müssen. Wenn beispielsweise die Eltern sagen: Komm bloß nicht mit einem Kind heim. Im Normalfall geht dann eine junge Frau zur Familienberatungsstelle oder vertraut sich ihrem Freund oder einer anderen Person an. "Es gibt aber Menschen, die das nicht fertig bringen", sagt Klosinski. Solche Menschen verheimlichen die Schwangerschaft gegenüber ihrer Umwelt.

Manchmal gelingt dieses Versteckspiel bis zur Geburt. Möglich auch, dass die Frau selbst ihre Schwangerschaft nicht bemerkt oder erst spät Gewissheit erhält. Das kann bei Frauen geschehen, die auch während der Schwangerschaft alle vier Wochen eine menstruationsähnliche Blutung haben - was durchaus vorkommt. Klosinski: "Das kann eine Mutter darin bestärken, dass sie nicht schwanger ist."

Eine unerfahrene, ganz auf sich gestellte Frau gerät in eine Extremsituation, wenn dann die Geburt eintritt, möglicherweise ganz plötzlich, eventuell sogar auf der Toilette. Sie weiß nicht, wie sie sich verhalten soll, sie kennt nicht die Technik oder sie sieht sich nicht in der Lage, das Kind abzunabeln. Bei einem hohen Blutverlust, etwa bei eingerissener Plazenta, gerät die Frau sogar in einen objektiv lebensbedrohlichen (Schock-)Zustand, in der sie nicht mehr Herr ihrer Sinne ist. Klosinski: "Sie handelt konfus, macht Dinge, an die sie sich gar nicht mehr erinnern kann." Er kennt den Fall, wo eine junge Frau probierte, ihr neugeborenes Baby durchs Klosett zu spülen - ein völlig unüberlegter und grotesker Versuch.

Klosinski beschreibt eine solche Situation der Kindstötung als "Fahrerflucht vor sich selbst". Die Frau möchte die Schwangerschaft nicht wahrhaben, die Geburt ungeschehen machen und aus ihrem Gedächtnis ausblenden.

Ein ganzes Bündel ungünstiger Faktoren müsse zusammenkommen, meint Klosinski, wenn eine Mutter sich entschließt, ihr Kind zu töten. Auch Drogen oder eine psychische Erkrankung wie eine beginnende Psychose oder Schizophrenie können Voraussetzungen sein.

Quelle: http://www.suedwest-aktiv.de
 
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