Sparefroh auf Kosten von psychiatrischen Patienten
Manipulation Britische Medien kolportierten nur Sekundärergebnis einer EU-Studie über Schizophrenie-Arzneien. Neue, teurere Generation von Neuroleptika ist laut Forschern unabdingbar, laut Journalisten sinnlos

Innsbruck/London. Alte, billige Medikamente wirken gleich gut wie neue, teure, daher seien die neuen nur Geldverschwendung, berichteten zuletzt britische Medien. „An einer solchen Berichterstattung sieht man, dass nicht nur Pharmafirmen die Öffentlichkeit manipulieren, sondern auch Medien in scheinbarer Übereinkunft mit der Gesundheitspolitik“, ärgert sich Wolfgang Fleischhacker. Der Vizevorstand der Innsbrucker Uniklinik für Psychiatrie hat sein Vertrauen in britische Laien-Medien verloren. Grund ist die Berichterstattung über die größte EU-Vergleichsstudie über die Effizienz von Schizophrenie-Medikamenten der alten und neuen Generation. Fleischhacker ist Co-Autor dieser Studie, die vor zwei Wochen im britischen Fachmagazin The Lancet erschien. Und von der die Medien nur jenes eingangs erwähnte sekundäre Ergebnis berichteten, das den Sparefrohs der britischen Gesundheitspolitik zupass kommt. Für Patienten aber fatal sein könne.

Überall dieselbe Diskussion

„Die Diskussion um explodierende Kosten im Gesundheitssystem und mögliche Einsparungspotenziale ist keine österreichische“, konstatiert der Psychiater. Und in fast allen Ländern seien die Medikamentenkosten Ziel von möglichen Sparkursen. Dies treffe auch die Psychiatrie, ganz besonders sein Spezialgebiet Schizophrenie, erklärt Fleischhacker. Es seien von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit immer wieder Vorwürfe erhoben worden, wonach die ab Mitte der 1990er-Jahren eingeführte neue Generation von Neuroleptika im Vergleich mit der älteren um ein Vielfaches teurer sei, außer Milliardenumsätze für die Pharmaindisutrie nichts brächte. Als Reaktion darauf taten sich vor einigen Jahren unter Leitung von Fleischhacker und René Kahn von der niederländischen Uni Utrecht etliche Psychiater zur ersten nicht industriegesponserten EU-Schizophrenie-Therapiestudie zusammen, deren Ergebnisse nun vorliegen.

Untersucht wurden 500 Patienten zwischen 18 und 40 Jahren in der ersten schizophrenen Episode. Getestet wurde das 1958 zugelassene Medikament Haldol (Janssen) im Vergleich mit den modernen Arzneien Seroquel (AstraZeneca), Geodon (Pfizer), Solian (Sanofi-Aventis) und Zyprexa (Eli Lilly). Das Ergebnis: Mehr als 60% der Patienten unter Haldol brachen die Therapie bald ab. Im Vergleich dazu brachen Patienten unter modernen Arzneien die Therapie viel später und nur zu 20 bis 30% ab. „Und darauf kommt es an“, sagt Fleischhacker: „Bis zu 80 Prozent der Patienten, die eine Therapie abbrechen, erleiden einen Rückfall. Und die Behandlung wird von Rückfall zu Rückfall schwerer.“ Daher seien moderne Arzneien besser.

Darüber schwiegen jedoch britische Medien, von The Times bis zur Nachrichtenagentur Reuters, von der auch österreichische Medien abschreiben. Sie kolportierten dafür ein Ergebnis, das laut Fleischhacker quasi als Zufallsprodukt abfiel: Die Wirkung, die Linderung der Symptome, war bei allen Schizophrenie-Arzneien gleich gut. Der Schluss der Medien: Die neuen, teureren Medikamente seien sinnlos. „Für die Patienten fatal“, analysiert Fleischhacker.

Nicht aber für Sparefrohs, denn die Kosten variieren im Schnitt um das Zehnfache, die Bandbreite der täglichen Therapiekosten ist enorm: Haldol in niedrigster Dosis kostet fünf Cent, Zyprexa in höchster Dosierung zehn Euro. 1993, vor Einführung moderner Neuroleptika, hatte der weltweite Umsatz 500 Mio. USD betragen. 2004 betrug er bereits 14 Mrd. USD, 13 Mrd. fuhren die neuen Neuroleptika ein. Heute werden rund 30 Mrd. USD im Jahr umgesetzt.
(ANDREAS FEIERTAG)

Quelle: http://www.medianet.at
 
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