"Tiergartenstraße 4" von Christoph Klimke
Uraufführung am 11. April 2008, 20 Uhr, Tribüne (Berlin)

"Niemand hat was gewusst, niemand war in der Partei und niemand hat getötet, wie ich."

In der Berliner Tiergartenstraße 4, auf dem heutigen Vorplatz der Philharmonie, stand bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges eine Stadtvilla, von der aus im Nationalsozialismus der systematische Massenmord an hunderttausenden Menschen geplant und organisiert wurde.
Über 300 Ärzte, Beamte und Angestellte zeichneten hier im Rahmen der so genannten "Euthanasie"-Maßnahmen verantwortlich für die Erfassung, die Selektion und den Transport der Menschen in sechs Tötungsanstalten, in denen allein in einer ersten Geheimaktion "T4" von Oktober 1939 bis August 1941 70.263 wehrlose und hilfsbedürftige Menschen mit psychischen Krankheiten oder körperlichen Missbildungen bei grausamsten medizinischen Versuchen oder in Gaskammern ums Leben kamen.

In einer späteren, an die "Aktion T4" anschließenden "Aktion 14 f 13", wurden bis 1944/45 weitere 200.000 Menschen ermordet, darunter Tuberkulosekranke, Alte, Wohnungslose, Künstler und Angehörige "nicht-arischer" Bevölkerungsgruppen. Die Gaskammern in den Tötungsanstalten galten als Modell für die noch weit größeren Massenmorde zur sogenannten "Endlösung der Judenfrage", die "Euthanasie"-Zentrale Tiergartenstraße 4 schickte 1942 über 100 ihrer Fachleute nach Osten.

In seinem jüngsten Stück "Tiergartenstraße 4" bettet der Autor Christoph Klimke biografisches Material von Tätern und Opfern in einen fiktionalen Kontext im Hier und Jetzt:

Im Altersruhesitz am Tiergarten bittet Dr. Ullrich alias Dr. Schmitt, ein auf den ersten Blick demenzkranker alter Mann, seinen Enkel um die Verabreichung eines tödlichen Medikamentes. Als der ihm das Medikament verweigert, wendet sich der lebensmüde alte Mann an den ehrenamtlich behandelnden Arzt Dr. Niemand. Dieser musste als neunjähriges Kind im Tötungslager Brandenburg-Goerden den Tod seiner Schwester miterleben, während er selbst fliehen konnte. Und Niemand konfrontiert nun Dr.
Schmitt, den verantwortlichen Lagerarzt von damals, der - wie zahlreiche seiner Kollegen - nach dem Krieg unangefochten weiter praktizieren durfte, mit der gemeinsamen Geschichte.

Durch die enge Verwebung fiktionalen und historischen Materials in einer zunächst fast alltäglich scheinenden Situation gelingt es dem Autor, einen nachhaltigen Beitrag zu einem bisher in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Verbrechen unserer Vergangenheit zu leisten. Darüber hinaus leistet das Stück einen brisanten Beitrag zur aktuellen gesellschaftspolitischen und bioethischen Diskussion, wenn Dr. Schmitt
fragt: "Möchtest du so enden wie ich, Karl Niemand? Wie möchtest du denn sterben? Wärest du nicht auch, Karl Niemand, froh, wenn dir ein Arzt helfen kann? Noch bist du was wert, ich bin nichts mehr wert..."

Die Schirmherrschaft für die Uraufführung hat der Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten, André Schmitz, übernommen.

Als Rahmenprogramm zur Inszenierung werden verschiedene Veranstaltungen zum Thema angeboten, so auch die Ausstellung Lebensunwert - zerstörte Leben vom Bund der "Euthanasie"-Geschädigten und Zwangssterilisierten e.V.

Besetzung: Hannes Hametner (Regie); David König (Ausstattung); Gernot Schedlberger (Musik); mit Friederike Frerichs, Katharina Spiering, Manfred Borges, Thomas Rudnick, Ulrich Voß

Information/Reservierung: montags - freitags von 11 bis 18 Uhr und sonnabends von 15 bis 18 Uhr, Abendkasse zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn, Telefon 030.341 26 00

Spielort: Tribüne, Bühne, am Ernst-Reuter-Platz, 10585 Berlin; Termine, jeweils 20 Uhr: 11.04., 16.04., 17.04., 19.04., 23.04., 24.04., 25.04.
http://www.tribuene-berlin.de
 
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