Wenn Kameras Qualen auslösen
Wenn Kameras Qualen auslösen

von Maurice Thiriet

Diese Woche hat der Nationalrat den Umgang mit Videoaufnahmen in den ÖV neu geregelt. Die Folge: Mehr Kameras und längere Aufbewahrungszeiten der Aufnahmen. Für eine kleine Bevölkerungsgruppe bedeutet jede neue Kamera zusätzliche Qualen.
Bruno Wiesner* geht hastig und eigentümlich gekrümmt durch die RailCity im Basler Bahnhof. Mit dem Oberkörper schirmt er sein Handy nach hinten ab, mit der Handfläche nach vorne. Zum Tippen der SMS bleibt ihm nur die rechte Hand. Wiesner blickt gehetzt immer wieder über die Schulter nach hinten. Er hat Angst. Panische Angst vor Kameras.


Eine halbe Million Beobachter

Und davon gibt es auch künftig immer mehr. Am Dienstag hat der Nationalrat mit den ersten Erlassen zur «Bahnreform 2» eine schweizweite Rechtsgrundlage für den Einsatz von Überwachungskameras in öffentlichen Verkehrsmitteln beschlossen. Die Aufnahmen dürfen künftig 100 Tage aufbewahrt werden. Bisher existierende kantonale Restriktionen für den Einsatz von Überwachungskameras fallen weg.

Für Leute wie Bruno Wiesner ist die Flut der elektronischen Augen eine Qual. Im Alter von 18 Jahren erkrankte der heute 30-Jährige an Schizophrenie. Eines der häufigsten Symptome der psychischen Krankheit: Paranoide Wahnvorstellungen, Verfolgungswahn.

«Das gilt nur mir allein»

«Ein Schizophrener bezieht alles auf sich, auch Kameras sind in seinem Denken alleine für ihn angebracht. Er existiert nie in der Masse», beschreibt Christian Bernath von der Zürcher Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, das Gefühlsleben eines Schizophrenen. «’Fährt ein Polizeiauto vorbei, dann gilt das mir’, sagen diese Leute und versuchen, solche Situationen zu vermeiden», sagt Bernath.

Exakte Zahlen, bei wie vielen Menschen in der Schweiz Schizophrenie diagnostiziert ist, existieren nicht. Lediglich für den Kanton Zürich weist eine Studie der Psychiatrischen Universitätsklinik von vergangenem Jahr 38 000 Ersterkrankungen zwischen 1977 und 2005 aus. Heilung für die Krankheit gibt es nicht.

Peilsender orientiert den Geheimdienst

Auch Wiesner leidet nach wie vor. Seine Arbeit als Botenfahrer hat er aufgeben müssen. «Videoüberwachte Banken konnte ich nicht mehr betreten, und das Funkgerät arbeitete für den Geheimdienst», sagt Wiesner. Seit Wiesner Ende der 90er-Jahre nach einem Verkehrsunfall der mehrfach gebrochene Fuss zusammengeschraubt werden musste, ist er überzeugt, dass ein Peilsender im Knöchel die Kameras und die hinter den Monitoren sitzenden «Geheimdienstler» jederzeit über seinen Aufenthaltsort orientieren.

Die Psychiater kennen die Angst der Schizophrenen vor Kameras: «War früher eher religiöser Wahn verbreitet, sind in unserer hochtechnologisierten Welt eher Kameras, Microchips und Funksender Gegenstand der Wahnvorstellungen», sagt Daniel Heller, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli in Zürich.

«Sichergehen, dass ich nicht konspiriere»

So auch bei Wiesner. Er erlebt die Präsenz der Kameras als sehr einschneidend. «Ich kann im Zug oder im Bahnhof meine Freundin nicht küssen. Ich gehe davon aus, dass die Art, wie ich küsse, vom Geheimdienst psychologisch ausgewertet wird», sagt Wiesner. Die Kameras verfolgen ihn bis nach Hause auf die Toilette. «Ich bin ein Staatsfeind, verstehst du. Da müssen die doch sichergehen, dass ich auch in meinen eigenen vier Wänden nicht konspiriere», erklärt Wiesner.

Für Wiesner und seine Leidensgenossen indes ist es schwierig geworden, sich den Kameras und damit den Verfolgern zu entziehen und es wird immer vertrackter. Nur mit seiner speziellen Körperhaltung kann sich Wiesner einigermassen schützen. Und so wird er sich in Zukunft noch öfter in komisch anmutender Weise verrenken müssen, um in Bahnhöfen ungesehen SMS zu schreiben.

*Name geändert

Persönliches Statement:
Diese News bezieht sich zwar auf die Schweiz, doch die Bemühungen unseres Bundes-Schäuble zielen ebenfalls darauf ab und haben für deutsche Betroffene die selben Folgen. Daher sollten sich Vereinigungen in Deutschland, die sich für die Belange und Rechte psychisch kranker Menschen einsetzen, stark machen und mit all den ihnen zur Verfügung stehenden Mittel für einen Verzicht auf den totalen Überwachungsstaat eintreten. Zumal das Vorhaben des Staates alles und jeden überwachen zu wollen immense Kosten mit sich zieht. Es ist noch nicht lange her, dass es 2 deutsche Staaten gab, einen mit einem gewissen Maß an Freiheitsbewusstsein und einen totalitären Staat in dem alles und nahezu jeder überwacht wurde. Da klingt es fast wie Hohn, dass genau dieser Staat so verflucht wurde und wird in dem alles so überwacht wurde. Scheinbar haben unsere heutigen Politiker aus der Geschichte nicht gelernt, frei nach dem Motto "Dumm geboren, nichts dazugelernt und doch wieder die Hälfte vergessen.".

MfG
Andreas Liebke
 
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