Freilassing: Psychische Krankheiten sind "fast normal"
Freilassing (wür). Psychische Krankheiten sind mittlerweile so etwas wie Volkskrankheiten geworden. Diese Erkenntnis vermittelte Dr. Marcus Neumann, der Leiter der psychiatrischen Klinik in Freilassing, den zahlreichen Zuhörern bei einem Vortrag im Rathaussaal. Ein Indiz für die steigende Zahl dieser Erkrankungen sind die Wartezeiten, die die Patienten für eine Aufnahme in die Tagesklinik in Kauf nehmen müssen. Die 15 Plätze seien meistens ausgebucht. Und auch die mittlerweile 60 stationären Betten seien gut belegt.

Diese Informationen vermittelte Dr. Neumann in der regen Diskussion im Anschluss an seinen Vortrag. Der stand unter der plakativen Überschrift "Hilfe in der Not". Der Mediziner hatte sie mit Absicht gewählt. Zum einen wollte er die Freilassinger einmal mehr über das Angebot des neu strukturierten Krankenhauses informieren und zum Zweiten demonstrierte er, dass man auch bei einer psychischen Erkrankung helfen kann. Er wählte dazu das Krankheitsbild der Depression. Sie ist eine von sieben, allerdings weit verbreiteten, psychischen Erkrankungen. Die anderen sind Schizophrenie- und Angsterkrankungen, Suchterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, Hirnerkrankungen sowie Alterserkrankungen.

Hilfe in Not leiste das Krankenhaus, wenn in krisenhaften Situationen schnelles Eingreifen erforderlich werde. Bestes Beispiel ist eine Selbstmordabsicht. Dr. Neumann war es ganz besonders wichtig, auf eine Tatsache hinzuweisen: Psychische Erkrankungen, auch Selbstmordabsicht, seien Krankheiten wie andere auch, mit vielen Möglichkeiten der Behandlung, medikamentös oder psychotherapeutisch mit Verhaltenstherapie und Psychoanalyse. Zur Behandlung der Depression stünden mehr als 20 verschiedene Medikamente zur Verfügung. Am Beispiel dieser Krankheit erläuterte der Mediziner, der viele Jahre an der Tagesklinik in Rosenheim und in der Klinik in Gabersee gearbeitet hat, den Verlauf der Krankheit und die Vorgehensweise des Krankenhauses. "Depression ist nicht gleich Depression", meinte der Arzt, "es gibt viele verschiedene Krankheitsbilder und Symptome. Die häufigsten sind Interessenverlust, Freudlosigkeit und Antriebsmangel." Die Ursachen für solche krisenhaften Entwicklungen könnten seelischer und körperlicher Natur sein, aber auch zurückzuführen auf negative Lebensereignisse. Wenn jemand mit den genannten Symptomen die Klinik aufsucht, dann könne der Patient nach einer intensiven Diagnose auf mannigfache Art und Weise behandelt werden. Möglichkeiten seien Einzelgespräche, Gruppenpsychotherapie, Hilfe bei sozialen Problemen, Ergo- und Lichttherapie, sogar Schlafentzug habe sich bei Depression bewährt.

Wer neigt zur Depression? Dr. Neumann sieht die Hauptursache in einem gestörten Gleichgewicht zwischen Belastung und Belastbarkeit. Weil heute berufliche Stress-Situationen oft zu solch einem Ungleichgewicht führen, sei diese Krankheit auf dem Vormarsch. Der Mediziner nannte beeindruckende Zahlen: Im Landkreis Berchtesgaden erkranken jedes Jahr neu an Depression zwischen 1.500 und 4.500 Menschen, 20 bis 30 begehen aufgrund dieser Erkrankung Selbstmord. Dafür, dass es erst gar nicht so weit kommt, könne man in gewisser Weise auch selbst sorgen, meinte der Arzt. Sinnvolle Ernährung, eine positive Lebenseinstellung und ausreichend Bewegung würden das Risiko vermindern.

Drei Stationen gibt es derzeit in Freilassing: die Allgemeine Psychiatrie, wo Depressionen und Schizophrenie behandelt werden, eine Station für Suchterkrankungen und eine für Gerontopsychiatrie, also Alterserkrankungen. Eine vierte Station wird demnächst eröffnet.

In der anschließenden Diskussion wurde oft kein Blatt vor den Mund genommen, auch konkreter ärztlicher Rat eingeholt, die verschiedensten Themen wurden angesprochen. Kann man Alzheimer behandeln? Kann man den Verlauf medikamentös verlangsamen? Wie geht man mit einem kranken Angehörigen um, der sich nicht behandeln lassen will? - Motivieren, aber keinen Zwang ausüben. Wie lang dauert bei Depression eine stationäre Behandlung im Durchschnitt? - Vier bis sechs Wochen, aber danach geht die Behandlung weiter. Wie sieht die Finanzierung aus? - Die psychiatrische Klinik ist nicht an Fallpauschalen gebunden, sie hat ein Gesamtbudget. Wie ist die Zusammenarbeit mit der Abteilung für Innere Medizin und mit dem medizinischen Versorgungszentrum? - "Wir sind froh, dass wir einander haben", beantwortete Dr. Neumann auch diese Frage.

Fazit der Veranstaltung: Erstens interessieren sich die Freilassinger nach wie vor sehr für ihr Krankenhaus. Bei steigender Anzahl psychischer Erkrankungen ist es Zweitens für die Bewohner des Landkreises von Vorteil, eine psychiatrische Klinik in der Nähe zu wissen.

Quelle: http://www.chiemgau-online.de
 
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