Patienten mit Essstörungen werden immer jünger
Patienten mit Essstörungen werden immer jünger

Schlank gleich schön? Immer mehr junge Menschen eifern diesem übertriebenem Schönheitsideal nach. Essstörungen gehören zu den häufigsten chronischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen – und die Betroffenen werden immer jünger. Waren Patientinnen mit Magersucht in den 1970er Jahren bei Erkrankungsbeginn im Mittel noch 20 Jahre alt, setzte die Krankheit in den 90er Jahren bereits mit 15 Jahren ein. Parallel leiden immer mehr Kinder und Jugendliche unter starkem Übergewicht. Ihre Zahl nahm in den letzten 20 Jahren um 50 Prozent zu. Je früher eine Therapie einsetzt, desto besser sind die Chancen, dass die Erkrankung junge Patienten nicht bis ins Erwachsenenalter hinein belastet.

Das Robert-Koch-Institut befragte 2006 im Rahmen einer repräsentativen Studie mehr als 7.000 Kinder und Jugendliche zwischen 11 bis 17 Jahren. Dabei zeigte sich bei jedem Fünften (21,9%) ein auffälliges Essverhalten; besonders stark betroffen war die Gruppe der 16-jährigen Mädchen (35,2%). Das deckt sich mit klinischen Untersuchungen: Bei Magersucht liegt das Alter mit der höchsten Erkrankungsrate zwischen 15 und 19 Jahren; bei Ess-Brechsucht zwischen 20 und 24. Auf zwölf Frauen mit selbst herbeigeführter Mangel- und Unterernährung kommt statistisch gesehen ein Mann. Wer Essstörungen als Phase innerhalb der Pubertät abtut, unterschätzt ihren Schweregrad. Magersucht hat die höchste Sterblichkeit aller psychischen Erkrankungen: Langzeitstudien zeigen, dass Betroffene gefährdet sind, an den körperlichen Folgen der Mangelernährung oder einem Suizid zu versterben.

Genetische Disposition sowie psychische und soziale Faktoren führen zu Erkrankung

Ärzte und Therapeuten unterscheiden bei der Behandlung von Essstörungen zwischen Magersucht (Anorexia nervosa), Ess-Brechsucht (Bulimia nervosa), Essattacken (Binge Eating) und Adipositas im Rahmen einer Essstörung. In den westlichen Industrieländern wird die Diagnose Adipositas zu einem immer größeren Problem. In Deutschland sind laut Robert Koch Institut 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig und mehr als 6 Prozent adipös – ein Anstieg von 50 Prozent gegenüber Vergleichsdaten zwei Jahrzehnte zuvor. Von Essstörungen, die zu Mangel- und Unterernährung führen, ist jeder Zwölfte betroffen. Laut Studien erkranken bis zu 3,7 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an Anorexie und bis zu 4,2 Prozent an Bulimie.

Warum ein Mensch psychisch krank wird, erklären Experten mit dem „Biopsychosozialen Krankheitsmodell“, d.h. mit einem Zusammenspiel aus psychischen, sozialen und genetischen Faktoren. Bei übergewichtigen Kindern spielen soziale Einflüsse wie Herkunft, zu fettes Essen und zu wenig Bewegung in der Familie eine vergleichsweise wichtige Rolle. Die Anorexie, bei der Patienten extrem abmagern, äußert sich durch ein gestörtes Körperbild und starke Ängste vor Gewichtszunahme. Zwillingsstudien legen nahe, dass genetische Faktoren Menschen anfälliger für diese Form der Essstörung machen. Dazu kommen psychische Konflikte: Viele anorektische Patientinnen verfügen über ein niedriges Selbstwertgefühl und verschaffen sich über das Schlanksein die gewünschte Anerkennung und eine Gefühl der Kontrolle und Autonomie.

In Deutschland gibt zu wenig spezialisierte Kliniken für junge Patienten

Weil Patienten mit Essstörungen immer jünger werden, ist ein frühzeitiger Behandlungsbeginn entscheidend. Studien belegen, dass Psychotherapie die wirksamste Behandlungsform ist und Klinikaufenthalte eine besonders hohe Erfolgsquote haben, weil sie eine intensivere Therapie bieten und so eine Chronifizierung der Erkrankung vermeiden helfen. So betonen Experten der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen, dass eine stationäre Therapie gerade bei der Behandlung von Magersucht eine besonders wichtige Rolle spiele. In der Klinik kann die entscheidende Gewichtszunahme besser begleitet und unterstützt werden. In der Behandlung der Bulimie ist auch die Wirksamkeit einer zusätz-lichen medikamentösen Therapie belegt.

Bei jungen Patienten sollte sich das klinisch-therapeutische Angebot zudem auf die besonderen Bedürfnisse dieser Altersgruppe einstellen. Leider gibt es bisher noch zu wenige stationäre Einrichtungen, die sich auf das Störungsbild und diese Altersgruppe spezialisiert haben. So müssen junge Patienten derzeit bis zu sechs Monate warten, bevor sie eine Therapie in einer spezialisierten Fachklinik beginnen können.

Kontakt:
Prof. Dr. med. Ulrich Voderholzer
Schön Klinik Roseneck
Am Roseneck 6
D-83209 Prien am Chiemsee
Telefon: +49 8051 68-3510
Telefax: +49 8051 68-3532
E-Mail: UVoderholzer[at]schoen-kliniken.de
http://www.schoen-kliniken.de
 
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