"Es gibt keine Unmenschen"
"Es gibt keine Unmenschen"

VON STEPHANIE GEIGER28. Februar 2010, 04:00 Uhr

Franz Joseph Freisleder ist einer der bekanntesten Kinder- und Jugendpsychiatern.Der Münchner ist gefragt, wenn jugendliche Gewalttäter vor Gericht stehenHinter dem Schreibtisch von Franz Joseph Freisleder stapeln sich Pappkladden.In ihnen ist gesammelt, was Polizei und Staatsanwaltschaft über jugendliche Straftäter zusammengetragen haben. Nüchterne Worte beschreiben zum Beispiel die Gewaltexzesse der Schüler aus der Schweiz, die Ende Juni vergangenen Jahres aus einer Klassenfahrt nach München eine Prügeltour machten.

Franz Joseph Freisleder ist einer der bekanntesten Kinder- und Jugendpsychiatern. Der Münchner ist gefragt, wenn jugendliche Gewalttäter vor Gericht stehen

Das brandneue BlackBerry®
Elegant und tragbar mit Bluetooth® Fähigkeit - Das BlackBerry® Pearl™
www.BlackBerry.com/DE
Hinter dem Schreibtisch von Franz Joseph Freisleder stapeln sich Pappkladden. In ihnen ist gesammelt, was Polizei und Staatsanwaltschaft über jugendliche Straftäter zusammengetragen haben. Nüchterne Worte beschreiben zum Beispiel die Gewaltexzesse der Schüler aus der Schweiz, die Ende Juni vergangenen Jahres aus einer Klassenfahrt nach München eine Prügeltour machten. Einen "Amoklauf ohne Waffen" nannte das damals Staatsanwalt Laurent Lafleur, für den sich die drei damals 16-jährigen Jugendlichen ab 8. März vor Gericht verantworten müssen.

Auf Freisleders Sideboard liegen auch die Akten der zwei 17- und 18-Jährigen, die im September Dominik Brunner am S-Bahnhof in München-Solln zu Tode prügelten. Über sie soll vermutlich im Sommer geurteilt werden.

Doch bevor ein Gericht das Urteil spricht, landen Fälle wie diese auf dem Schreibtisch von Franz Joseph Freisleder. Der Kinder- und Jugendpsychiater, der seit 1997 ärztlicher Direktor der Münchner Heckscher-Klinik ist, sucht in seinen strafrechtlichen Gutachten nach den Ursachen, die möglicherweise zu den Verbrechen geführt haben. Wieder und wieder spricht er mit Jugendlichen und blickt dabei oft in Abgründe.

Wo die Öffentlichkeit sich oft schnell eine eigene Meinung zurechtlegt und Gewalttäter pauschal aburteilt, achtet Freisleder darauf, genau zu differenzieren: "Selbst die Täter schlimmster Exzesse bleiben Menschen und sind niemals Unmenschen. Im Interesse der Gemeinschaft müssen wir uns für sie interessieren", sagt er. Freisleder warnt davor, hinter jedem Gewaltexzess vorschnell eine psychische Erkrankung erkennen zu wollen: "Damit würde man es sich zu einfach machen." Freilich, bei schweren Aggressionen sei es natürlich unbedingt notwendig, zu prüfen, ob eine psychische Störung vorliege. Oft sei zum Beispiel eine Depression Auslöser von Aggressivität. "Doch nicht jeder Gewaltausbruch hat solche Ursachen."

Rund 20 strafrechtliche Gutachten schreibt Franz Joseph Freisleder jedes Jahr. "Gewalt von Jugendlichen hat es immer gegeben und wird es immer geben", sagt er. Ein neues Phänomen sei aber die Hemmungslosigkeit, mit der manche Täter vorgehen würden, fasst er seine Erfahrung zusammen.

Freisleder kommt gerade aus der Morgenbesprechung mit seinen Mitarbeitern. Schnell läuft er über den Flur. Das Auto noch schnell umparken, dann könne es losgehen. Freisleder bietet Kaffee an, beginnt zu erzählen. Journalist wollte er, der Sohn des Lokalteil-Leiters der "Süddeutschen Zeitung", früher einmal werden. Ein Praktikum am Schwabinger Krankenhaus schürte dann aber das Interesse des Gymnasiasten an Psychologie und an der Arbeit mit jungen Menschen. Noch als Schüler besuchte Freisleder fortan jeden Donnerstagabend an der Nervenklinik in der Nußbaumstraße die Vorlesungen für forensische Psychiatrie, die er heute von Zeit zu Zeit selbst hält.

Nach dem Medizinstudium und der Facharztausbildung in Psychiatrie und Neurologie kam Freisleder 1986 an die Heckscher-Klinik des Bezirks Oberbayern. Die Klinik geht auf eine Stiftung des Deutsch-Amerikaners August Heckscher zurück. Mit dessen Geld konnte nach dem Ersten Weltkrieg in München ein Heim für Soldaten mit neurologischen Schädigungen eröffnet werden. Max Isserlin, damals Chefarzt des Heims, richtete sein Augenmerk aber auch auf psychisch auffällige Kinder und Jugendliche. Unter seiner Leitung wurde schließlich 1929 in Schwabing die Heckscher-Klinik eröffnet, in der damals vor allem Kinder und Jugendliche betreut wurden, die hirnorganisch auffällig und minderbegabt waren.

Heute beherbergt die Klinik überwiegend Patienten, die unter Ess-Störungen, Psychosen, dem Zappelphilippsyndrom ADHS, Depressionen, Alkohol- und Drogenmissbrauch leiden. Und deren Zahl steigt. Rund 800 000 Kinder und Jugendliche gibt es in München und Oberbayern. Wurden noch vor zehn Jahren pro Jahr fünfhundert Patienten voll- und teilstationär und etwa 1600 Patienten in der Ambulanz behandelt, zählt man jetzt an den sieben Klinikstandorten in München, Rosenheim, auf der Rottmannshöhe am Starnberger See, in Wolfratshausen und in Waldkraiburg schon 1000 Kinder und Jugendliche auf den Stationen und in der Tagesklinik. Hinzu kommen noch mehr als 10 000 junge Patienten in der Ambulanz. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts geht sogar davon aus, dass bei etwa 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen geklärt werden müsse, ob eine psychische Störung vorliege.

Dramatische Zahlen, die Jugendpsychiater Freisleder zurechtrückt: "Dieser deutliche Zuwachs bei den Patientenzahlen bedeutet aber nicht, dass die Zahl der psychisch kranken Kinder und Jugendlichen dramatisch gestiegen ist", sagt er. Vielmehr sei heute die Aufmerksamkeit der Umwelt einfach größer. Auch Vorurteile gegenüber der Psychiatrie und Schwellenängste hätten in den vergangenen 25 Jahren deutlich abgenommen, sagt Franz Joseph Freisleder. Auffällig sei aber, dass insbesondere die Zahl der stationär behandelten Patienten mit der Diagnose "Sozialverhaltensstörung" in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen hat: "Mehr als ein Drittel unseres psychiatrischen Patientenspektrums fällt inzwischen in diese Kategorie und häufig liegen psychische Begleitstörungen vor."

Dass auffälliges Sozialverhalten nicht allein auf schwierige soziale Umstände, sondern oft auf lange Zeit nicht erkannte Teilleistungsstörungen zurückzuführen ist, macht Freisleder an einem fiktiven Beispiel deutlich: Ein Vierzehnjähriger wird zum dritten Mal volltrunken in eine Kinderklinik eingeliefert. Vordergründig wird die Ursache der wiederholten Alkoholexzesse darin gesehen, dass er auf der Schule gescheitert ist. Die Mutter arbeitet ganztags und kann sich nur wenig um den Sohn kümmern. Der Vater ist arbeitslos und Alkoholiker. Einen wichtigen Aspekt für den übermäßigen Alkoholkonsum des Jugendlichen deckt aber erst die eingehende jugendpsychiatrische Untersuchung auf: Der Junge ist Legastheniker, hat auch deshalb schlechte Noten, verfällt in Depressionen und beginnt zu trinken.

Schlimmstenfalls wird hier die Grundlage gelegt für schwere Aggressivität. Wird nicht rechtzeitig gegengesteuert, kann es deshalb zu einer brutalen Gewalttat kommen. Freisleder selbst hat wiederholt die Erfahrung gemacht, dass viele Jugendliche dann zum ersten Mal gemeinsam mit ihm bei den Untersuchungen zu einem Gutachten über ihr Leben nachdenken. "Gutachten können eine Chance für Jugendliche sein, ihr Verhalten zu überdenken und zu ändern", sagt Freisleder. Auch wenn das, wie im Fall der Schläger von Solln, die ein Menschenleben auf dem Gewissen haben, häufig zu spät kommt.

Quelle: http://www.welt.de/
 
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Kommentar schreiben
Name:

Sicherheitscode:
Sicherheitscode


 
Bewertungen
Bitte logge dich ein, um eine Bewertung abzugeben.

Es wurden noch keine Bewertungen abgegeben.
 
Werbung
cleverALLNET