Stigma als Krankheit
Stigma als Krankheit
Strategien helfen gegen Ausgrenzung und Diffamierung

Schwul, behindert, Opfer – Grundschüler nutzen diese Begriffe als Schimpfwörter. Ein deutlicher Hinweis darauf, welche Gruppen in unserer Gesellschaft mit einem Stigma versehen sind. Es gibt Strategien, wie Betroffene dagegen angehen können.

Das ursprünglich körperliche Mal – gebrannt oder in die Haut geschnitten – sollte bei den vorchristlichen Griechen Ungewöhnliches oder Schlechtes über die Moral des Trägers offenbaren. Eine derartige Abwertung findet sich in vielen Epochen und existiert in Varianten bis heute. Zu den Betroffenen gehören psychisch Kranke oder HIV-Infizierte. Für diese Menschen und ihr Umfeld kann das Stigma eine so große Belastung werden, dass es wie eine Krankheit wirkt. Deshalb gibt es inzwischen weltweit Antistigma-Programme für verschiedene Zielgruppen, etwa für Schulkinder und Jugendliche oder auch die Polizei. Neue Ansätze aus Praxis und Forschung wurden auf dem jüngsten Psychiatriekongress in Berlin vorgestellt.

Biologische Krankheitsmodelle erklären psychische Leiden als reine Hirnstoffwechselstörungen. Von diesem Ansatz erwarteten Forscher und Betroffene eine geringere Stigmatisierung, da Patienten damit weniger »Schuld« und Verantwortung für ihre Krankheit zugewiesen würde. Diese Hoffnung bestätigte sich nicht, wie Nicolas Rüsch bei einer Studie in Chicago feststellen konnte. Denn Gesunde wie psychisch Kranke suchten auch mit einer geringeren Schuldzuweisung mehr Distanz zu Betroffenen. Entsprechend sollten öffentliche Instanzen und Selbsthilfegruppen nicht auf Vereinfachungen hoffen, sondern eher Krankheitsmodelle mit ihren Auswirkungen thematisieren. Auch bei einer repräsentative Telefonumfrage, die Greifswalder Forscher durchführten, hatten aktuell Depressive das Bedürfnis nach sozialem Abstand zu anderen Betroffenen, würden selbst aber Hilfe in Anspruch nehmen. Frauen waren eher bereit, Unterstützung zu suchen, Männer mit zunehmendem Alter immer weniger. Eine weitere Studie zeigte, dass mit höherer Selbststigmatisierung die Häufigkeit stationärer Behandlungen steigt. Bereits die Überweisung zu einem Psychiater wird oft schon als kritisch empfunden.

Wie können Psychiatriepatienten nun mit Diffamierungen umgehen? Die bisherige Forschung nennt drei Strategien: Geheimhaltung, Vermeidung von Aussagen sowie aktive Aufklärung. Sie geht jedoch auch davon aus, dass keiner der Ansätze wirksam sei. Alle richteten nur noch mehr Unheil an und verstärkten das Stigma. Dieser Einschätzung widerspricht eine Befragung von Beate Schulze, die das »Zürcher Empowerment Programm« leitet. Danach werden die verschiedenen Strategien variabel von Patienten angewendet. Die Psychiatrie-Erfahrenen differenzieren dabei nach Situation, eigener Verfassung, Art und Ausmaß der Reaktion und Erfolgswahrscheinlichkeit. Sie lernten aus eigener Erfahrung und entwickelten komplexere Strategien. Diese reichen von Umbewertung der Krankheit, Widerstand, Stolz über Humor bis hin zur Forderung nach Unterstützung. Sie seien, so die Forscherin, nicht als passive und hilflose »Stigma-Empfänger« zu sehen. Auch Therapeuten sollten mehr Vertrauen in die Kompetenzen der Betroffenen setzen.

An der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf wurde eine zweitägige Fortbildung zur Anti-Stigma-Kompetenz für Psychiatriemitarbeiter entwickelt, die auch oft ausgegrenzt werden. Das Konzept bezieht Psychiatrie-Erfahrene als Co-Trainer ein und fordert die Professionellen als Multiplikatoren. Zivilcourage, sensibler Sprachgebrauch und Aufklärung sollen helfen, Diskriminierung zu stoppen.

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/
 
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