Zeit schenken und Vorurteile abbauen
Ehrenamt
Zeit schenken und Vorurteile abbauen
Dortmund, 01.02.2010, Anja Frenzel

Zwei Dutzend Menschen sitzen in dem spärlich eingerichteten Raum. Auf den Tischen stehen frische Blumen. In der Couchecke lesen einige die Tageszeitung. Kaffee trinken, plaudern, ungezwungener Austausch. Der samstägliche Kontaktklub der Diakonie ist eine feste Bank.


Seit 35 Jahren treffen sich hier Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Fast alle haben entweder Psychosen, leiden unter Schizophrenie oder Depressionen, erklärt der Leiter Nikolaus Schirmers. Der offene Treff biete „ein Stück Normalität”. Der Großteil nähme Medikamente, sei schon einmal in einer Klinik gewesen. Schirmers kennt den Alltag in der Psychiatrie. Er hat 1986 seine berufliche Laufbahn dort gestartet. „Ich habe Leute betreut, die 15, 20 Jahre im Krankenhaus gewohnt haben.” Heute seien sehr viel kürzere Aufenthalte üblich. Die Menschen wohnten betreut, teils eigenständig. Dennoch brauchten sie einen Anker in der Gesellschaft.

»Die Gesellschaft ist viel zu voreingenommen«

Seit zehn Jahren leitet Schirmers den Kontaktklub. Der Sozialpädagoge und seine ehrenamtlichen Helfer sitzen zwischen den Besuchern. Wer sie nicht kennt, würde sie nicht erkennen. „Ich finde, alle sind gleich”, sagt Hong-Lin Chang. Der 38-Jährige promoviert im Bereich Sonderpädagogik, war schon Berater für Studenten mit Behinderung in Taiwan. Ob er anfangs Probleme hatte im Kontaktklub? „Nein, gar nicht. Die Gesellschaft ist viel zu voreingenommen”, sagt er. Manche denken die Menschen seien aggressiv, „aber die meisten sind total sympathisch und nett.”

Am Nebentisch sitzt Gabi Duhnke. Sie besucht seit 2002 den Kontaktklub. Die regelmäßigen Treffs geben ihr Halt, sagt sie. Vorher hatte sie fast zwei Jahre nichts dergleichen. Nach dem Verlust der Arbeit und dem Tod der Mutter folgte der Zusammenbruch. Über den sozialen Dienst hat sie vom Kontaktklub erfahren. Das Alleinsein, die Einsamkeit. Sie würde nicht mehr gut auf sich aufpassen, wenn der Kontakt fehlt, sagt die 51-Jährige. „Ich brauche diese Tagesstruktur.”

Auch Britta Özkurt schätzt das Beisammensein. Die 45-Jährige erinnert sich genau an ihren ersten Besuch vor vier Jahren. „Ich hab erst keine Unterhaltung gesucht. Habe gewartet, bis die Leute auf mich zukommen”, erzählt sie. Heute würde sie vielleicht den ersten Schritt machen. Wenn sich jemand zurückzieht, ist das aber seine persönliche Entscheidung. Auch von den Ehrenamtlichen wird Taktgefühl verlangt. Berührungsängste sind aber überflüssig.

»Die Leute werden abgestempelt«

Gudrun Cohaus ist schon seit neun Jahren ehrenamtlich im Klub. Die Arbeit mit psychisch Erkrankten sei „ein Thema, vor dem viele Angst haben”, sagt sie. „Die Leute werden abgestempelt.” Wer allerdings mal hinter die Kulissen schaue, könne sich vom Gegenteil überzeugen.

Die Ehrenamtlichen „haben nicht die professionelle Brille auf”, sagt Nikolaus Schirmers. Dennoch brauchen sie manchmal Unterstützung. Gespräche sind wichtig, um manches besser einordnen und bewerten zu können. Denn Betreuer und Ehrenamtliche lassen sich persönlich auf die Begegnungen ein. „Was wir machen ist Beziehungsarbeit”, sagt Schirmers. Beziehung, nicht Therapie. Drei Stunden für lockere Gespräche ohne Vorurteile und Erklärungszwang. Zeit, die jeder gut gebrauchen kann.

Quelle: http://www.derwesten.de/
 
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Kommentar schreiben
Name:

Sicherheitscode:
Sicherheitscode


 
Bewertungen
Bitte logge dich ein, um eine Bewertung abzugeben.

Es wurden noch keine Bewertungen abgegeben.
 
Werbung
cleverALLNET