Medikamente gegen Depressionen können wirkungslos sein
Überfluss an Serotonin-Erkennungsstellen macht Menschen unempfindlich gegenüber Antidepressiva

US-Forscher haben möglicherweise entdeckt, warum Antidepressiva bei über der Hälfte der Patienten nicht oder nicht sofort anschlagen: Die Betroffenen haben vermutlich überdurchschnittlich viele Andockstellen für den Gehirnbotenstoff Serotonin an bestimmten Nerven in ihrem Hirnstamm. Kommen diese als Rezeptoren bezeichneten Andockstellen mit dem Botenstoff in Kontakt, drosseln sie die Eigenproduktion von Serotonin im Gehirn. Eine künstliche Erhöhung des Serotoninspiegels, die durch viele Antidepressiva herbeigeführt wird, hat in solchen Fällen also kaum eine Wirkung, weil sie zu einem Stopp der Serotoninbildung führt und damit im Endeffekt keine echte Erhöhung des Spiegels erreicht. Zwar stammen die Ergebnisse bisher lediglich aus Versuchen mit Mäusen, es gibt jedoch bereits Hinweise, dass es beim Menschen einen ähnlichen Mechanismus gibt, berichten die Forscher um Jesse Richardson-Jones von der Columbia-Universität in New York.


Serotonin gilt als Schlüsselfaktor sowohl beim Entstehen als auch beim Behandeln einer Depression. Der Botenstoff wirkt, indem er wie ein Schlüssel in ein Schloss an speziell geformte Eiweiße, die sogenannten Serotoninrezeptoren, auf den Oberflächen der Nervenzellen andockt. Ein höherer Serotoninspiegel wirkt dabei nach aktuellem Stand des Wissens einer Depression entgegen, ein Zusammenhang, den auch die meisten Medikamente gegen Depressionen wie beispielsweise die sehr häufig verwendeten "Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer" (SSRIs) ausnutzen, indem sie den Serotoninspiegel künstlich erhöhen.

Die Serotoninrezeptoren haben im Gehirn allerdings zwei völlig unterschiedliche Funktionen: In den meisten Bereichen vermitteln sie die antidepressive Wirkung des Botenstoffs, und eine Zunahme der Rezeptoranzahl würde hier den Effekt steigern. Sitzen sie jedoch auf den Nerven im Hirnstamm, die für die Serotoninproduktion zuständig sind, haben sie genau die entgegengesetzte Wirkung: Dort überwachen die Rezeptoren den Serotoninspiegel und drosseln die Neuproduktion des Botenstoffs, wenn dieser ansteigt. Je mehr Rezeptoren dabei vorhanden sind, desto geringere Serotoninspiegel reichen aus, um die Neubildung zu unterdrücken.

Bereits früher gab es den Verdacht, dass Menschen, die sehr viele dieser sogenannten Autorezeptoren besitzen, schlechter auf Antidepressiva ansprechen. Untersuchen ließ sich das allerdings nicht, weil jeder Versuch, die Autorezeptoren zu beeinflussen, gleich auch alle anderen Serotoninrezeptoren mit erfasste. Jetzt gelang es Richardson-Jones und ihren Kollegen jedoch, Mäuse gentechnisch so zu verändern, dass sie die Zahl der Autorezeptoren in deren Gehirnen gezielt erhöhen und verringern konnten. Und tatsächlich: Mäuse mit überdurchschnittlichen vielen Autorezeptoren reagierten kaum oder gar nicht auf einen SSRI. Wurde die Zahl jedoch gesenkt, stellte sich die Wirkung relativ schnell ein. Sollte es gelingen, das Prinzip auch beim Menschen nachzuweisen, könnte schon vor einer Behandlung getestet werden, ob ein Betroffener auf die Medikamente anspricht oder nicht, schreiben die Forscher. Zudem bestehe die Hoffnung, dass sich die Autorezeptoren mit Hemmstoffen ausschalten lassen.

Jesse Richardson-Jones (Columbia-Universität, New York) et al.: Neuron, Bd. 65, S. 40

ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel

Quelle: http://www.wissenschaft.de/
 
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