"Gegen die Tyrannei der Normalität"
Psychiater Lütz im Interview
"Gegen die Tyrannei der Normalität"


Herr Lütz, wären Sie eigentlich gerne psychisch krank?

Ehrlich gesagt, diese Frage habe ich mir noch nicht gestellt. Aber es wäre wohl zynisch gegenüber psychisch Kranken, das zu bejahen. Wenn es mir allerdings passieren würde, wäre es mir wichtig, das nicht nur als Defizit zu sehen.

Sie wissen natürlich, warum ich das frage: Schließlich sagen Sie ja schon im Titel Ihres Buchs: "Unser Problem sind die Normalen". Normale kommen bei Ihnen schlecht weg: Sie sind gehässig, eher dumm und öde.

Das ist natürlich ironisch gemeint. Deshalb habe ich das im Nachwort relativiert. Ich sehe es aber durchaus als Buch gegen die Tyrannei der Normalität, die seit einigen Jahren noch verschärft wird durch das strenge Regelwerk der Political Correctness, das uns vorschreibt, was man sagen darf und was nicht.

Und was haben psychisch Kranke damit zu tun?

Verrückte halten sich nicht an die Regeln. Ich meine: Das hält die humane Temperatur in unserer Gesellschaft über dem Gefrierpunkt. Auf die Idee zu dem Buch bin ich ja gekommen, weil ich Tag für Tag mit rührenden Dementen, hinreißenden Manikern, liebenswerten Schizophrenen zu tun habe und abends in der Tagesschau aggressive Kriegstreiber, aalglatte Egomanen und hemmungslose Wirtschaftskriminelle präsentiert bekomme.

Sie behaupten: "Wir behandeln die Falschen, unser Problem sind die Normalen!"

Nicht selten werden Verbrecher wie Stalin oder Hitler als verrückt bezeichnet. Doch das Erschreckende ist ja gerade: Die waren normal, jedenfalls nicht psychisch krank. Diagnosen sind dazu da, leidenden Menschen zu helfen, sie dürfen nicht dazu missbraucht werden, das Böse zu verharmlosen.

Stalin wird oft auch als Sozio- oder Psychopath bezeichnet...

Bei den Persönlichkeitsstörungen, die Sie da ansprechen, sind selbst wir Fachleute uns nicht einig. Otto Kernberg etwa hält antisoziale Persönlichkeiten für nicht behandelbar. Ich frage mich, ob wir in solchen Fällen überhaupt noch den Krankheitsbegriff verwenden sollten? Abgesehen davon finde ich es eine Frechheit, außergewöhnliche Menschen gleich mit Diagnosen zu belegen. Nicht jeder, der sich gerne auf die Bühne stellt, ist gleich hysterisch oder histrionisch und ein gewissenhafter Archivar ist nicht gleich zwanghaft.

Sie kritisieren ja auch den falschen Gebrauch des Begriffs "Schizophrenie"...

Über Magersucht gibt es alle zwei Wochen einen Artikel in der Zeitung. Aber was Schizophrenie ist, weiß kaum einer, dabei ist das eine viel häufigere Erkrankung. Darüber soll das Buch aufklären. Die Normalen missbrauchen Diagnosen gerne als Schimpfwörter, "schizophren" soll da selbstwidersprüchlich heißen. Dabei ist der Schizophrene in seinem Wahn völlig konsequent. Nur seine Grundannahmen sind falsch.

Der Gedanke, psychisch Kranke nicht als Störung, sondern als Bereicherung wahrzunehmen, ist ja charmant. Aber geben Sie es zu: Manche nerven auch ganz schön.

Das kann sich aber ändern, wenn man sie näher kennenlernt. Wenn man versteht, warum ein Ekel und Widerling so geworden ist, dann sieht man plötzlich eine tragische Lebensgeschichte mit vielen Enttäuschungen. Und da erscheint das "Ekel" dann in einem anderen Licht.

Wenn man nicht so nah dran ist, mag das ja funktionieren. Aber wie ist das bei Verwandten, die ja oft schon schwer von ihren kranken Lieben verletzt wurden?

Ein wichtiges Ziel des Buches ist es, besser über psychische Krankheiten zu informieren. Wenn man nämlich weiß, dass der Demenzkranke am aggressivsten auf jene reagiert, die er am meisten liebt, ist es für die Angehörigen leichter, das zu ertragen. Oder wenn man weiß, nicht meine Mutter stellt haltlose Behauptungen auf, sondern das ist ihre Krankheit, die Manie; die aber geht wieder vorbei, und dann ist sie wieder meine Mutter - dann kann man besser damit umgehen.

Wer soll Ihr Buch lesen?

Das eine Drittel der Deutschen, das statistisch in seinem Leben eine psychische Erkrankung erleidet - und die anderen zwei Drittel, die psychisch kranke Angehörige haben. Sein Zweck ist erfüllt, wenn so ein alerter Manager, der nie ein Psychobuch lesen würde, es liest, weil es unterhaltsam ist. Und dadurch so viel begreift, dass er zum ersten Mal seinen schizophrenen Vetter anruft. Es gibt immer noch Berührungsängste. Wäre schön, wenn sich das ändert.

Interview: Frauke Haß

Zur Person
Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut und Theologe. Er ist Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln .

Weil die meisten Menschen Lütz zufolge zu wenig über psychische Krankheiten wissen, nahm er sich vor, "die ganze Psychiatrie und Psychotherapie verständlich auf 185 Seiten" zu erklären.

Quelle: http://www.fr-online.de/
 
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