«Ich hatte wirklich seltsame Gedanken»
Als Schülerin war sie noch gesellig, ein fröhlicher Mensch. Doch als die heute 21-jährige Studentin auf die Universität wechselte, begann ein düsteres Kapitel ihres Lebens.

Auf der Schule war sie noch gesellig und fröhlich. Aber an der Universität änderte sich plötzlich alles. Die junge Frau wurde schwermütig, zog sich immer stärker zurück und kam manchmal tagelang nicht mehr aus dem Bett. Dann kam es noch schlimmer. «Ich hatte echt merkwürdige Gedanken», erzählt die 21-Jährige, die ihren Namen nicht nennen will. Wenn sie über den Campus der Universität von Southern Maine in Portland ging, «fühlte ich manchmal, als ob Menschen direkt hinter mir seien, die mich anspringen könnten».

Zwar wusste sie, dass niemand hinter ihr ging, aber sie konnte das Gefühl einfach nicht abschütteln. Beim Autofahren sah sie zuweilen schattenhafte Gestalten auf dem Bürgersteig. Und in den Vorlesungen hörte sie diese Frauenstimme im Ohr oder bestimmte Geräusche wie das Klacken beim Öffnen einer Coladose.

In ihrer Verzweiflung wandte sich die Studentin schliesslich an den Gesundheitsdienst der Universität. Hinter den Symptomen vermutete die Krankenschwester den Beginn einer ausbrechenden Schizophrenie.

Dieses Prodrom oder Vorläuferstadium tritt meist bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen auf und kann nach Monaten oder auch nach Jahren wieder spurlos verschwinden. Aber bei manchen Menschen mündet es in eine Psychose, jenen zunehmenden Realitätsverlust, der auch bestimmte Formen der Depression begleitet.

Seltsame Dinge sehen

Während des Prodroms können Menschen seltsame Dinge sehen und hören oder einfach nur skurrile Gedanken haben. Aber in dieser Phase wissen sie noch, dass ihre Wahrnehmung entweder auf Einbildung beruht oder einen rationalen Grund hat. Bei der Psychose dagegen klammern sich die Betroffenen an fantastische Erklärungen, wie Thomas McGlashan von der Universität Yale erläutert. Wenn jemand etwa einen Lichtstrahl im Schlafzimmer als dringende Botschaft eines Verstorbenen interpretiert, «dann ist er auf die psychotische Seite gewechselt», sagt der Psychiater.

Die ersten Anzeichen eines Prodroms sind subtil. «Manche Jugendliche sagen, das Licht leuchte irgendwie anders oder die Fenster seien zu hell», berichtet Ann Lovegren Conley, die bei der Studentin in Portland das Prodrom bemerkte. Solche kleinen Details können anzeigen, «dass hier keine Depression oder situationsbedingter Stress vorliegt», sagt sie. «Da ist dann noch etwas anderes.»

Drei Viertel der Patienten nehmen Antipsychotika ein

Experten kennen das Vorläuferstadium schon seit Jahrzehnten, aber wirksame Therapien werden noch immer erforscht. Drei von vier Patienten nehmen Antipsychotika ein. Diese Mittel dämpfen zwar die Symptome, aber ob sie tatsächlich eine Psychose verhindern können, ist völlig offen. Zudem verursachen sie Nebenwirkungen wie etwa eine deutliche Gewichtszunahme, was Patienten abschreckt.

Vielen Betroffenen hilft allein schon der Kontakt zu einem erfahrenen Menschen. Als der Psychiater McGlashan eine junge Frau auf ihre Symptome ansprach, brach sie in Tränen aus und schluchzte: «Ich dachte, ich wäre der einzige Mensch, der so etwas erlebt.»

Conley schickte die Studentin zu einer spezialisierten Klinik der Organisation PIER (Portland Identification and Early Referral). Diese setzt bei ihren Patienten im Alter von zwölf bis 25 Jahren weniger auf medikamentöse Therapien als vielmehr auf psychosoziale Ansätze. Die Patienten sollen einerseits lernen, ihre Symptome zu verstehen. Zudem sollen sie mit ihren Freunden und Verwandten erörtern, wie sie mit den täglichen Herausforderungen umgehen sollen. Ziel ist es, das Abgleiten in die soziale Isolation zu verhindern.

«Allmählich öffnete ich mich wieder den Menschen»

Experten halten es für besonders wichtig, dass die Betroffenen ihre Ausbildung abschliessen, eine Arbeit finden und weiterhin ihre Kontakte in Familie und Freundeskreis pflegen. «Wenn sie sich erst einmal abriegeln, nach der Schule heimkommen und die ganze Zeit im Schlafzimmer verbringen, wird das Fortschreiten in eine Psychose beschleunigt», sagt McGlashan. «Wenn man das soziale Leben abdämpft, kann das Gehirn leichter halluzinieren und merkwürdige Ideen entwickeln.»

Der Studentin aus Portland half letztlich eine Kombination aus psychosozialer Therapie und der Einnahme von Medikamenten wie etwa Antidepressiva. «Allmählich öffnete ich mich wieder für Menschen», erzählt sie. Sie begann Tennis zu spielen, trat der Turngruppe bei und engagierte sich in der Studentenschaft. Zunächst liess ihre permanente Schwermut nach. Und schliesslich sah und hörte sie keine Dinge mehr, die nicht da waren.

Quelle: http://www.20min.ch/
 
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