„Das ganze System entgleist“
Frührentner seit 33 Jahren: Burghard Schütte spricht beim spontanen Kaffeetrinken über die physischen Veränderungen durch Transzendentale Meditation, über Psychosen und Wahnvorstellungen.

Köln - Die drei oder vier Male, die ich vorbeikomme und ihn da vor seinem Glas Wasser sitzen sehe, frage ich mich, ob er brummig, bedrückt oder missmutig dreinblickt. Dann beschließe ich, es herauszufinden. Burghard Schütte wirkt zunächst befremdet, als ich mich zu ihm setze, lässt es aber zu. „Ich wollte mal schauen, ob ich Sie ein wenig aufheitern kann“, beginne ich. Er bekomme öfter zu hören, dass er brummig wirke, entgegnet er. Das sei wohl so, wenn er einfach seinen Gedanken nachhänge. Sein Ton ist auffallend ernst. Hier sitzt niemand, mit dem sich mal eben locker plaudern lässt, denke ich, noch bevor er erwähnt, dass er Frührentner ist - seit 33 Jahren.

Eine Andeutung, dass damals „etwas passiert“ sei, weckt meine Neugierde, und ich frage vorsichtig, ob er einen Schicksalsschlag erlitten habe. Auch wenn er abweisend wirkt, eigentlich will er reden, sonst hätte er diese Andeutung nicht gemacht, denke ich. Und dann beginnt er auch schon zu erzählen.

Angefangen habe es damit, dass ihn ein Klassenkamerad mit Transzendentaler Meditation (TM) in Berührung brachte. Nicht nur in der Theorie, er habe ihn auch dazu angeleitet. In der Folge sei er zunächst manisch depressiv geworden, später habe man ihm eine affektive Schizophrenie attestiert.

Ich frage nach den Auswirkungen. - „Das ganze System entgleist“, erläutert Schütte. Er habe Wahnvorstellungen gehabt. „Ich bin total aus mir rausgegangen, habe fremde Leute angesprochen. Aber das, was ich sagte, hatte weder Hand noch Fuß“, erklärt der 59-Jährige, der nach eigener Einschätzung „sonst eher sehr zurückhaltend“ ist.

In der darauf folgenden Dreiviertelstunde erzählt er mir von seiner jahrelangen, intensiven Beschäftigung mit der Meditation einerseits, von seinen Psychosen und Klinikaufenthalten andererseits, von den Phasen des „Ver-rückt-Seins“, von seinen Versuchen, „Gott immer ähnlicher zu werden“, von den Medikamenten, die ihm geholfen hätten, von seiner heutigen Leidenschaft für Musik und von der Frau, mit Hilfe derer er den Albtraum hinter sich lassen konnte.

Bei der Hochzeit 1989 sei er nämlich ganz bewusst zu seinen christlichen Ursprüngen zurückgekehrt. „Jetzt habe ich Klarheit, vorher war ich verwirrt“, sagt er. „Die Meditation berauscht das Selbstbewusstsein!“ Ihm als schüchternen Menschen sei das natürlich entgegengekommen. Heute ist Schütte ganz davon ab, obwohl er sich die euphorischen Zustände, die er erlebte, manchmal zurückwünscht. Ihm ist jedoch auch bewusst, dass diese zumeist mit einem „Sturz vom Himmel in die Hölle“ einhergingen.

Die letzte Psychose habe er 2003 gehabt. „Da ist bei einem Medikamentenwechsel wohl was schief gegangen.“ Allerdings hätte er diese mit Unterstützung seiner Frau ohne Klinikaufenthalt in den Griff gekriegt. Angst vor neuen hat er nicht. Er bleibt jedoch weiter auf Medikamente angewiesen und leidet unter den Nebenwirkungen, vor allem unter der Müdigkeit und Antriebslosigkeit. „Ich seh die Krankheit heute als Kreuz, das ich tragen muss.“

Quelle: http://www.ksta.de/
 
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Kommentar schreiben
Name:

Sicherheitscode:
Sicherheitscode


 
Bewertungen
Bitte logge dich ein, um eine Bewertung abzugeben.

Es wurden noch keine Bewertungen abgegeben.
 
Werbung
cleverALLNET