Verrückt erklärt
Sprechen, Zuhören, Verstehen lernen, Verständnis entwickeln: Das Psychose-Seminar öffnet Beteiligten den Raum dafür

POTSDAM / BABELSBERG - Ich war 25, es war Sommer und alles fühlte sich gut an. Durch den Park laufend, genoss ich die wiedergewonnene Lust am Leben. Ich erträumte Kleinkunsträume, eine Begegnungsstätte, märchenhafte Orte. Einen Verein wollte ich gründen, Menschen von meinen Ideen begeistern. Ich ging auf die Leute zu. „Darf ich ihnen eine Perle schenken? – Sie rollt zum Berg von Babel“. Die Menschen sollten neugierig werden. Ich wollte mit ihnen ins Gespräch kommen, sie ins Gespräch bringen, mich ins Gespräch bringen. Ich spürte meine besondere Rolle. In mir pulsierte eine unbändige Energie. Schlafen wurde überflüssig. Dinge, die ich sah, wurden zu Zeichen, die ich deuten musste. Jedes Schild, jede Begegnung, alles was ich wahrnehmen konnte, enthielt verschlüsselte Botschaften, die mich zu meinen neuen Aufgaben führten.

Mit dem Auto fuhr ich Richtung Caputh. Caputh, Caputh, kaputt – wenn ich weiterfahre würde alles kaputt sein. Ich kehrte um. Ich las Autokennzeichen, verwandelte Zahlen in Worte und die Bedeutungen, die ich fand, hatten alle einen Bezug zu mir. Dinge, die ich beobachtete, Lieder die ich im Radio hörte, was ich innen fühlte, alles fügte sich zusammen. Ein Autofahrer führte mich. Meine Sinne waren geschärft, ich spürte sein Blinken bevor es geschah, reagierte schnell und folgte. In einem Neubauviertel hielten wir. Er stieg in mein Auto. „Warum folgst du mir?“ – „Weil du so gut führst“. Er fragte, wohin ich wolle und ich antwortete „zum Kreis und zur Mitte vom Kreis und zum Kreis“. Die nächtliche Fahrt ging ohne ihn weiter. Eine Frau, der ich gefolgt war, stieg aus und ging in ein Gebäude. Das Auto ließ ich offen und mit Licht stehen. Nichts konnte mir passieren. Auf einmal befand ich mich in einer Fabrik-etage. Die Arbeiter gossen Metall, und ich war sicher, es musste Gold sein. Sie erklärten bereitwillig, dass es kein Gold sei, dass sie aber unterschiedliche Metalle zu einem verbinden. Genau das wollte ich auch – unterschiedliche Menschen zusammenführen. Ich musste weiter. Eine Polizeistreife wurde auf mich aufmerksam und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich bejahte, sie fuhr weiter, kam zurück. Die Polizisten baten mich, mitzukommen und mir erschien dies die nächste Aufgabe zu sein. In der Polizeistelle wurde ich in einen Raum geführt. Ein Kreis mit Stühlen, in der Mitte ein blauer Stuhl. Ich setzte mich in die Mitte – ich war angekommen. Erst jetzt spürte ich die Müdigkeit in mir, doch ich wusste, mein Weg würde weitergehen. Ich hatte diese besondere Kraft in mir, ich würde sein und die Menschen würden mich sehen, es war das Jahr 2000 und man hatte auf mich gewartet.

Mein Vater holte mich ab, und am nächsten Tag wurde ich in die Psychiatrie eingewiesen. Die gelben Türklinken gefielen mir. So würde nun also hier der Ort sein, an dem ich die Menschen empfangen würde. Die ganze Welt ist ein Irrenhaus und hier war die Zentrale. Nach drei Monaten verließ ich die Psychiatrie. Die Medikamente hatten ihre Wirkung, auch ihre Nebenwirkungen. Binnen kurzer Zeit nahm ich 20 Kilo zu und in Alltagssituationen versuchte ich, das Zittern meiner Hände zu verbergen. Mit nahm ich meine Diagnose: manisch-depressiv oder bipolare Störung. Man hatte mich für verrückt erklärt, und ich wollte lernen, was das heißt. Bei meiner Psychiaterin fand ich einen Zettel: „Psychose-Seminar“.

Ich betrat den Raum 4070. Tische und Stühle zum Viereck verrückt, Menschen jeden Alters. Ich war bereit, Antworten auf meine Fragen zu den unerklärlichen Hoch- und Tiefphasen zu bekommen. Der Professor eröffnet, und das Seminar beginnt mit Schweigen. Schwer auszuhalten. Ich spüre Unsicherheit und Enttäuschung. Irgendwann sagt einer was. Langsam finden wir ins Gespräch. Menschen erzählen ihre Geschichten, suchen und finden Antworten zu Fragen wie: Was ist eine Psychose? Macht Wahn Sinn? Warum gehen Menschen in die Irre? 40 bis 60 Menschen sitzen da, einige erzählen, viele schweigen. In kurzer Zeit entsteht eine Offenheit, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Der Raum füllt sich mit unterschiedlichen Sichtweisen von Psychiatrie-Erfahrenen, Angehörigen, Professionellen und wird so zu einem Ort, der Wissen schafft.

Heute erkläre ich mich für verrückt, ohne immer zu wissen, was das genau heißt. Es ist ein Teil von mir. Das Seminar hat mir geholfen, diesen Teil besser zu verstehen und anzunehmen. (Von Anja Henke)

Quelle: http://www.maerkischeallgemeine.de/
 
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