Betroffene können Spannung nicht abführen
Professor Böker über Selbstverletzung

Wer sich selbst Schmerzen zufügt, will häufig eine unerträgliche innere Spannung abbauen. Dies sagt Heinz Böker, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.
Interview: fri.

Herr Böker, Sie kennen den Fall bloss aus der Ferne. Allgemein gesagt, wie kommt ein Mensch dazu, sich weh zu tun?

Heinz Böker: Selbstverletzungen treten in der Psychiatrie relativ häufig auf, und zwar bei Menschen, die in eine Situation geraten sind, in der sich eine unerträgliche Spannung aufgebaut hat. Diese Spannung lässt sich für die Betroffenen auf eine andere Weise nicht mehr abführen. Oft spüren die Betroffenen ihren Körper nicht mehr; sie nehmen sich selbst erst wieder wahr, wenn sie zum Beispiel Blut auf ihrer Haut sehen.

Ist es bei solchen Einritzungen üblich, dass politische Zeichen gewählt werden?

Nein, bestimmte Zeichen, Symbole oder Buchstaben spielen bei Selbstverletzung in der Regel keine Rolle. Die Betroffenen möchten Körperschmerz auslösen; dabei geht es ihnen nicht um die Vermittlung einer Botschaft.

Wie erklären Sie sich die falschen Angaben zur angeblichen Schwangerschaft und zu den Neonazis?

Ich kenne die Umstände dieser Aussagen nicht. Es kommt aber gelegentlich vor, dass tief verunsicherte Menschen Geschichten konstruieren. Das kann aus Schamgefühlen geschehen. Die Betroffenen können ihrer eigenen Lebensrealität nicht in die Augen sehen und schlüpfen deshalb in eine Rolle, die eine andere Form von sozialer Anerkennung zulässt. Bei Frauen kann dann das Thema Schwangerschaft in den Mittelpunkt rücken, wobei sich entsprechende Wünsche und Ängste gleichermassen ausdrücken.

Wie kann man solchen Menschen helfen?

Die Betroffenen sind in grosser Not und benötigen jemanden, der ihnen eine Tür öffnet. Dafür gibt es psychotherapeutische Verfahren. Diese zielen auf ein vertieftes Verständnis der eigenen Geschichte und des konflikthaften Hintergrunds ab. Ferner können neue Abläufe im Verhalten eingeübt werden, mit dem die Betroffenen ihre Spannungen abbauen können.

Der Fall hat eine enorme Öffentlichkeit. Was kann dies bei den Betroffenen auslösen?

Die öffentliche Diskussion kann zu einer weiteren Verzerrung beitragen und verstärkt damit im Grunde die Einsamkeit und die Widersprüchlichkeit eines Betroffenen. Zudem wird der Mensch erneut instrumentalisiert, da es eigentlich gar nicht mehr um ihn als Einzelperson geht. Und das ist die Tragik selbst.

Quelle: http://www.nzz.ch/
 
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