Pharmaindustrie in der Kritik

Stefan Weinmann: "Erfolgsmythos Psychopharmaka", Psychiatrie-Verlag, Bonn 2008, 264 Seiten

Einen profunden Überblick über die weltweit vorliegende Forschung zur Wirksamkeit von Psychopharmaka liefert Stefan Weinmann in seinem Buch "Erfolgsmythos Psychopharmaka". Gleichzeitig stellt der Autor den starken Anstieg bei der Verordnung von Medikamenten gegen Psychosen grundlegend in Frage.

Seit den 70er-Jahren gibt es in Deutschland einen dramatischen Anstieg in der Verordnung von Medikamenten gegen Psychosen. Das sind Krankheiten, die mit Wahn, Halluzinationen und Realitätsverlust einhergehen. Bei Kindern haben sich die Verordnungen antipsychotischer Medikamente allein zwischen den Jahren 2000 und 2006 vervierfacht.

"Das ist überhaupt nicht gerechtfertigt", schreibt Stefan Weinmann in seinem Buch "Erfolgsmythos Psychopharmaka". Grundlage seiner Behauptung ist ein profunder Überblick über die weltweit vorliegende Forschung zur Wirksamkeit von Psychopharmaka.

Wenn Stefan Weinmann über diese Forschung aufklärt, geht es ihm vor allem um die ärztliche Einstellung zum Kranken. Oft fühlten sich Psychiater gezwungen, bei psychischen Krankheiten etwas zu tun, statt viele Störungen als vorübergehend zu werten. Denn Medikamente seien selbst eine Art Heilungsritus der westlichen Gesellschaften.

In Entwicklungsländern nämlich, in denen es weniger Medikamente gibt, nimmt die Mehrzahl der Psychosen einen besseren Verlauf. Nur bei den ganz schweren Erkrankungen ist es anders. Bei leichter psychotischen Menschen sei für ihren Krankheitsverlauf die Einstellung ihres sozialen Umfelds, auch die der Behandelnden, wichtiger als die Medikamente.

Diese Patienten aber kommen in industrialisierten Ländern oft ins Krankenhaus und werden mit Medikamenten versorgt. Dadurch aber würden sie eher chronisch krank. Vielleicht, so Weinmann, eine Folge von "Exzessen" der Behandlung.

Diese beginnen mit der Diagnose, der der Autor am Anfang ein langes und für den Laien etwas schwer zu verdauendes Kapitel widmet. Die meisten Diagnosen seien unscharf. Außerdem würde die Verfügbarkeit von Medikamenten oft erst Diagnosen befördern. Nach dem Motto: Hat man ein Mittel, braucht es auch die Krankheit. Das ist ein Grund, warum die Pharmaindustrie in großem Umfang Patientenverbände finanziert.

Der nächste Schritt ist die Verordnung von Medikamenten. Ist eine Psychose ausgebrochen, kann nur jeder fünfte Patient ohne Medikamente erfolgreich behandelt werden. Langfristig aber geht es denjenigen Patienten besser, bei denen die Medikamente wieder abgesetzt werden. Rückfälle hängen mehr vom emotionalen Klima in der Familie ab als von der Medikation.

Hierzulande, kritisiert Stefan Weinmann, würde der Erfolg einer Behandlung viel zu sehr daran gemessen, ob Symptome verschwinden. Weniger aber daran, ob die Menschen durch die Behandlung ein besseres Leben führen können. Dies aber müsse sich die Psychiatrie zum Ziel machen.

Weinmann warnt zudem vor den Nebenwirkungen langfristiger Medikation. Neuere teure Mittel fördern Diabetes und Stoffwechselstörungen. Gibt man Demenzkranken Antipsychotika, sterben sie im statistischen Schnitt eher. In Finnland wird daher fast die Hälfte der Psychotiker ohne Medikamente behandelt. Auch Forschungen in den USA zeigen, dass es den Erkrankten vor allem durch eine intensive Betreuung besser geht.

Das alles gilt übrigens nicht nur für die Behandlung von Psychosen. Auch für die Antidepressiva, die Medikamente gegen Depressionen, stellt Stefan Weinmann die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zusammen. Bei ihnen häufen sich die Zweifel, ob manche der neuen Mittel gegenüber Scheinmedikamenten überhaupt einen Vorteil haben.

Weinmann springt in seinem Buch teilweise zwischen Themen hin und her und packt viel hinein. Dennoch liest man es mit Gewinn. Zahlreiche Informationen regen zum Nachdenken an. Am Ende bleibt der Leser zurück mit nur einer Gewissheit: Dass Vieles nicht so eindeutig ist, wie es Psychiatrie und Pharmaindustrie glauben machen.

Auch die Ärzte hätten das gerne anders, weil sie genauso nach Sicherheit suchen wie die Patienten. Weinmann stellt dieser Unsicherheit eine andere Sicherheit gegenüber: mit den Betroffenen gemeinsam zu überlegen, was ihnen bei der Bewältigung ihrer psychischen Krisen hilft. Das Buch von Weinmann ist auch ein Plädoyer für eine Psychiatrie, die sich am Patienten orientiert und nicht an seiner Krankheit.

Von Ulfried Geuter

Quelle: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/898547/
 
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