Fremde Welten – so fern, so rätselhaft
Die einen fühlen sich von ihren Mitmenschen verfolgt und bedroht, die anderen haben den Eindruck als beeinflusste ein fremdes Wesen ihr Denken und Handeln: Schizophrene Menschen leiden häufig unter Verfolgungswahn oder Beeinflussungserleben. Eine zentrale Ursache hierfür ist das Unvermögen schizophrener Personen, sich in die Emotionen, Intentionen und Gedanken Anderer einzufühlen. Das geht aus einer Überblicksarbeit hervor, die soeben in der Fachzeitschrift "Fortschritte der Neurologie Psychiatrie" (Georg Thieme, 2008. Stuttgart) publiziert wurde. Darin kommen die Medizinerin Dr. med. Katja Koelkebeck vom Universitätsklinikum Münster und Kollegen zu dem Schluss, dass Schizophrenie-Erkrankte soziale Defizite aufweisen, die sich bereits früh in ihrer Kindheitsentwicklung manifestieren.

So deuten Schizophrene beispielsweise das verbale und emotionale Verhalten von Mitmenschen falsch und sind sich über ihre eigenen Intentionen und Gefühle im Unklaren. Die Konsequenz: Sie "scheitern" in sozialen Interaktionen, weil sie verdeckte Sprachbotschaften, emotionale Reaktionen oder bloß taktisch gemeinte Höflichkeiten missdeuten. Aus diesen kommunikativen Missverständnissen resultiert dann irgendwann ein Gefühl der Bedrohtheit und der Unsicherheit. Zwei kommunikative Schwächen werden in der neueren Forschungsliteratur detailliert beschrieben. Zum einen ist da die Unfähigkeit, visuell dargestellte Witze, Cartoons oder ironische Äußerungen zu verstehen. "Diese Defizite treten besonders deutlich hervor, wenn zwischen Sarkasmus und ernst gemeinten Äußerungen unterschieden werden muss", so Koelkebeck. Schizophrenie-Kranke tun sich schwer, den "indirekten" Gehalt eines Gedankens zu erschließen. Aus diesem Grund tendieren sie dazu, Sprichwörter oder Metaphern wörtlich zu nehmen. Zum anderen sind sie meist unfähig, zwischen taktisch und ehrlich gemeinten Äußerungen anderer zu unterscheiden. Psychiater attestieren Schizophrenen denn auch eine "soziale Naivität", die in ihrem Unvermögen wurzelt, die eigentliche Intention hinter den Worten zu erschließen.

Das Vermögen, die Perspektive eines anderen Menschen einzunehmen, wird in älteren psychiatrischen Schriften als "Fähigkeit zum Überstieg" bezeichnet. In neueren Arbeiten sprechen Psychiater und Psychologen von "Mentalising" oder von der "Theory of Mind" (ToM). Menschen mit gut ausgeprägten "ToM-Fähigkeiten" sind imstande, die Handlungsabsichten ihrer Umwelt adäquat zu deuten. Diese Fähigkeit ist bei Schizophrenen reduziert – und zwar bereits vor Ausbruch der Erkrankung. "Störungen der sozialen Kompetenz, insbesondere Defizite der ToM-Fähigkeiten gehören zu den auffälligsten Merkmalen schizophrener Psychosen", erläutert Koelkebeck. Außerdem ist das Vermögen zur kognitiven oder emotionalen Perspektivübernahme auch bei den Verwandten von Schizophrenen eingeschränkt. Vor kurzem erst wurde eine genetische Basis für die "ToM-Fähigkeiten" entdeckt. Nichtsdestotrotz ist es möglich, die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel durch Training zu verbessern. Koelkebeck verweist auf mehrere Studien, aus denen eindeutig hervorgeht, dass schizophrene Menschen lernen können, sich in die mentale Welt ihres Gegenübers einzudenken.

Quelle: Georg Thieme Verlag
 
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Kommentar schreiben
Name:

Sicherheitscode:
Sicherheitscode


 
Bewertungen
Bitte logge dich ein, um eine Bewertung abzugeben.

Es wurden noch keine Bewertungen abgegeben.
 
Werbung
cleverALLNET