Psychotherapie für alle psychisch Kranken!
Psychotherapie für alle psychisch Kranken!
Johannes Scholten, Pressestelle
Philipps-Universität Marburg


31.10.2008

Psychotherapien helfen effizient gegen seelische Erkrankungen - und zwar umso besser, je eher damit begonnen wird. Darauf weist der Leiter der Marburger Psychotherapie-Ambulanz Professor Dr. Winfried Rief in einem Aufsatz hin, der Ende November als Editorial der Zeitschrift "Verhaltenstherapie" erscheint. Der Psychologe bezieht sich dabei auf aktuelle Ergebnisse aus Großbritannien.
"Psychotherapie ist bei Depressionen oder Angststörungen kurzfristig mindestens so erfolgreich wie eine medikamentöse Behandlung, langfristig sogar oft erfolgreicher", betont Rief. Während eine Pharmakotherapie jedoch jedem psychisch Kranken zur Verfügung steht, bekommen in Deutschland mehr als 80 Prozent der psychisch Kranken keine Psychotherapie. Für einen Therapieplatz muss man mit einer relativ langen Wartezeit rechnen.

In Großbritannien zum Beispiel beträgt diese durchschnittlich 18 Monate. Mit einer beispiellosen Aktion soll hier Abhilfe geschaffen werden: Allein in den nächsten drei Jahren sollen bereits 3.600 neue Psychotherapeuten in das Gesundheitssystem integriert werden, die besonders darin geschult sind, evidenzbasierte psychologische Behandlungen durchzuführen. Das britische Gesundheitsministerium investiert in diesem Zeitraum Sondermittel in Höhe von 300 Millionen Englischen Pfund, das entspricht 450 Millionen Euro.

Nun hat das Ministerium erste Ergebnisse von Vorstudien über das Großprojekt berichtet. Sie stützen sich auf Untersuchungen mit 3.500 Patienten in den Regionen Newham und Doncaster. Dabei bestätigte sich, dass psychologische Therapien kosteneffizient sind: Mehr als die Hälfte der behandelten Personen konnte durch eine kurze Psychotherapie geheilt werden, weiteren geht es zumindest deutlich besser, und viele arbeitsunfähige oder zeitberentete Personen konnten wieder in den Arbeitsprozess integriert werden.

Außerdem verlaufen die Behandlungen besser, wenn die Betroffenen direkt zum Psychotherapeuten gehen können. Werden die Patienten hingegen durch ihren Hausarzt überwiesen, beginnen sie erst später eine ambulante Therapie; sofern die aktuelle Krankheit bei Behandlungsbeginn erst weniger als sechs Monate lang besteht, liegen die Heilungsraten aber bei über 70 Prozent, während bei einer Erkrankungsdauer von über vier Jahren nur noch etwa die Hälfte der Patienten geheilt werden kann.

Die Lage in Deutschland ist aus Sicht der Patienten kaum besser als in Großbritannien, obwohl 30.000 anerkannte psychologische Psychotherapeuten bei deren Standesvertretung gemeldet sind; hinzu kommen viele ärztliche Psychotherapeuten. Zwar beträgt die durchschnittliche Wartezeit auf eine Psychotherapie in Deutschland nur vier bis sechs Monate, aber auch dies hält Rief für "unerträglich lang, wenn man unter schweren Ängsten leidet, zutiefst verzweifelt ist, wenn Magersucht zu lebensbedrohender Gewichtsabnahme führt, wenn man nicht mehr arbeitsfähig ist oder die Familie auseinander zu brechen droht."

Um die Versorgungssituation zu verbessern, sind Rief zufolge daher auch in Deutschland kürzere und effektivere psychologische Behandlungen notwendig, wie sie in England nun realisiert werden. Während dort die meisten Behandlungen nicht einmal zehn Therapiestunden lang dauern, benötigt in Deutschland schon eine ambulante Kurzzeitpsychotherapie 30 Therapiesitzungen; die häufigeren Langzeittherapien dauern im Mittel 70 Stunden.

Eine verbesserte Versorgungssituation ist deshalb nur zu erreichen, wenn auch die durchschnittliche Behandlungsdauer beim Psychotherapeuten kürzer wird, schreibt Rief. "Während Deutschland in der Vergangenheit vielleicht mit etwas Hohn auf das englische Gesundheitssystem geschaut hat, schauen psychisch Kranke künftig womöglich mit Neid auf die englische Insel", so der Ausblick des Psychologen. "Wer an den psychisch Kranken im Gesundheitssystem spart, spart an der falschen Stelle. Nicht nur, aber auch aus ökonomischen Gründen ist eine adäquate Behandlung zwingend indiziert. Dazu muss sich auch in Deutschland noch vieles ändern."

Weitere Informationen:
Ansprechpartner: Professor Dr. Winfried Rief,
Fachbereich Psychologie
Tel. 06421 282-3657
E-Mail: rief@staff.uni-marburg.de
Veröffentlichung im Internet: http://www.karger.com/ver

URL dieser Pressemitteilung: http://idw-online.de/pages/de/news286343

Merkmale dieser Pressemitteilung:
Psychologie
überregional

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