Wenn der Druck hoch genug ist, geht jeder in die Knie
Wenn der Druck hoch genug ist, geht jeder in die Knie

Essen. Mangelnder Antrieb, wenig Energie, Angstzustände? Fünf Prozent der Deutschen leiden an Depressionen. Im Kampf gegen die Krankheit engagiert sich jetzt auch Entertainer Harald Schmidt. Ewald Proll, Arzt für Psychiatrie, erklärt das Krankheitsbild.

Fünf Prozent der Deutschen erfüllen laut der „Deutschen Depressionshilfe“ die Kriterien einer depressiven Störung, also rund vier Millionen Menschen. Zehn Prozent der Bundesbürger erkranken einmal oder mehrmals in ihrem Leben an einer schweren depressiven Episode. Warum ist die Krankheit „Depression“ dennoch so unbekannt?

Proll: Man kann sagen, dass fünf Prozent an einer manifesten Erkrankung leiden. Meine Erfahrung ist sogar, dass die Dunkelziffer sehr viel höher liegen dürfte. Leider ist es aber immer noch tabuisiert und stigmatisiert, darüber zu sprechen. Deswegen werden Depressionen lange Zeit verleugnet.

Woran erkennt man denn , dass man depressiv ist ?

Proll: Es gibt ganz mannigfaltige Anzeichen für eine Depression. Die reichen von Schlafstörungen über das so genannte Früherwachen, bei dem Menschen früh wach werden und lange Zeit im Bett liegen und grübeln, bis hin zu Magendrücken, Übelkeit sowie Kopf- und Rückenschmerzen. Die Ärzte können dann für diese Beschwerden keine physischen Ursachen entdecken. Viele Patienten haben oft eine wahre Odyssee von Ärztebesuchen hinter sich, bevor sie endlich zum Psychiater kommen.

Und was sind die psychischen Anzeichen für eine Depression?

Proll: Die Patienten haben Schwierigkeiten, Freude zu empfinden. Sie orientieren sich vielmehr an Misserfolgen. Im Extremfall empfinden sie gar nichts mehr, dann können auch Selbstmordgedanken hinzu kommen.

Wenn Depressionen immer noch ein Tabu - Thema sind , wie kommen dann die Patienten zu Ihnen , also zum Psychiater?

Proll: Oft werden sie in letzter Instanz dann doch vom Hausarzt zu uns geschickt. Die Schwelle, zum Psychiater zu gehen, ist aber immer noch sehr hoch. Die Leute erwidern dann: ,Ich bin doch nicht verrückt.’ Deswegen kommen viele erst, wenn es ihnen schon sehr schlecht geht. Sie werden etwa nach einem Selbstmordversuch vom Krankenhaus überwiesen. Manche werden aber auch von der Agentur für Arbeit geschickt, wenn sie stark unter ihrer Arbeitslosigkeit leiden.

Arbeitslosigkeit wäre also ein Grund. Warum werden Menschen denn ansonsten depressiv?

Proll: Im Grunde genommen, kann jeder depressiv werden. Man geht zwar davon aus, dass es eine gewisse Veranlagung dazu gibt, wenn zum Beispiel Vater oder Mutter auch depressiv sind. Das wäre die biologische Ebene. Aber es gibt natürlich auch den lerntheoretischen Ansatz, nach dem bestimmte Verhaltensweisen und Denkprozesse von Vorbildern übernommen werden. Wir sprechen dann von einer erlernten Hilflosigkeit. Wer zum Beispiel seinen Beruf verliert, der kann in eine Abwärtsspirale geraten und in Resignation und Hilflosigkeit enden.

Man kann also auch ohne biologische Faktoren depressiv werden?

Proll: Man kann definitiv jeden Menschen depressiv machen. Den einen eben schneller, der andere ist resistenter. Manche erfolgreiche Menschen werden etwa durch den Verlust des Kindes oder des Partners in die depressive Situation gebracht. Ich sage immer: Wenn der Druck hoch genug ist, dann geht jeder in die Knie.

Wie sehen denn die Maßnahmen gegen Depressionen aus?

Proll: Zunächst müssen Psychiater im Gespräch herausfinden, wie stark die Symptomatik ist. Wenn körperliche Begleitumstände ausgeschlossen werden konnten – also eine Schilddrüsen-Fehlfunktion oder eine Herzinsuffizienz, die ähnliche Symptome verursachen können –, dann muss man besprechen, wie die persönliche Situation war, ist und wie man wieder da heraus kommen kann. Meist geben wir Antidepressiva, um die Stimmung anzuheben. Eine Psychotherapie empfiehlt sich aber in jedem Fall. Damit kann man allerdings nicht in vier Wochen die Probleme lösen, da braucht man schon etwas mehr Zeit. Außerdem sind Selbsthilfegruppen für viele Patienten sehr hilfreich. Sie sehen dann, dass auch erfolgreiche Geschäftsleute in die Depressions-Falle tappen können.

Was würden Sie sich als Psychiater wünschen?

Proll: Es wäre gut, die Zugangsschwelle zu begrenzen. Wir würden uns wünschen, dass die Kontakte eher erfolgen – selbst wenn dann nach den Gesprächen heraus kommt, dass man nicht depressiv ist. Um das Tabu um die Depression zu brechen, gehen wir als „Netzwerk gegen Depression“ auch an die Öffentlichkeit.

Dann ist es sicherlich auch hilfreich, wenn Personen wie Harald Schmidt Schirmherren für Projekte wie die „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ werden.

Proll: Ja, das ist wichtig. Schwieriger ist es jedoch, auch Prominente zu gewinnen, die eigene Erfahrungen mit Depressionen gemacht haben.

Das Interview führte Vera Kämper.

Dr. Ewald Proll ist Arzt für Psychiatrie und 48 Jahre alt. Seit 22 Jahren arbeitet er in seinem Beruf und leitet die Einzelpraxis in Wuppertal.

Quelle: http://www.derwesten.de
 
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