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Cannabis und Psychose
Rose1902
Hallo,
das Thema Cannabis und Psychose, sowie Schizophrenie beschäft mich schon eine ganze Weile.
Mein Sohn leidet seit 3 Jahren unter einer schizophrenen Psychose und man hat mir mittlerweile mitgeteilt, dass er sehr schwer an Schizophrenie erkrankt wäre und eher ein chronischer Verlauf zu erwarten ist. Deshalb bekommt er mittlerweile vorläufig eine 100%ige Rente, bei der sein Zustand natürlich von Zeit zu Zeit überprüft wird.
Medikamente lehnt er strikt ab und er hat auch keinerlei Krankheitseinsicht.

Seit früher Jugendzeit konsumiert er Cannabis, wobei sein Konsum zwischenzeitlich unverhältnismäßig hoch war. Er ist ein Scheidungskind, hat sehr darunter gelitten und evtl. miit den Drogen versucht Defizite auszugleichen. Das Gymnasium hat er damals abgebrochen, später aber einen sehr guten FOR Abschluss nachgemacht. Da er damals seine Lehre abbrach, sehr unumgänglich war und nur seine eigenen Regeln befolgte, habe ich ihn schweren Herzens aus der elterlichen Wohnung rausgeschmissen und ihm geholfen, in einer eigenen Wohnung zurechtzukommen. Er lernte da auch seine Freundin kennen, mit der er fast 5 Jahre zusammen war.
In den 5 Jahren haben die beiden leider sehr viel gekifft und hatten oft Streit. Nach einem Schicksalsschlag haben die beiden das oft übertrieben und auch teilweise Selbstmordgedanken gehabt. Dann fingen sie sich wieder und begannen beide eine Lehre. Zum Ende der Lehre begann bei meinem Sohn die Psychose. Die Freundin trennte sich von ihm und mein Sohn litt so stark darunter, da er sie noch sehr liebte, dass er sie monatelang regelrecht stalkte und in Konflikt mit dem neuen Partner der Freundin geriet. Irgendwann hörte er damit auf, als er bemerkte, dass er seine Freundin nicht zurückbekam.
Nun frage ich mich schon seit längerer Zeit, ob seine Schizophrenie wohl schon vorher da war, oder vielleicht erst durch den Cannabiskonsum entstanden ist?
Tatsächlich gab es in seiner Krankheitsgeschichte durchaus Anzeichen, die auf eine Schizophrenie hindeuten könnten.
seine Kindheit verlief, bis auf plötzliche seltsame Krampfanfälle mit ca.8 Wochen, die auch nicht mehr auftraten ,völlig normal. Im Kindergarten war er sehr lebhaft und beliebt. Unsere Scheidung, als er 6 Jahre alt war, hat ihm sehr weh getan und ihn sehr lange beschäftigt. Mit ca. 12 Jahren hatte er ein sehr einschneidendes Erlebnis. Er lief mit mir eine Strasse entlang mit einem kleinen Park in der Mitte. Plötzlich hielt er an, war sehr verwirrt und hatte Atemnot. Ich beruhigte ihn und setzte mich mit ihm auf eine Bank. Dort ging es ihm zunächst besser, doch plötzlich kam die Atemnot zurück. Irgendetwas schien ihn zu beunruhigen. Eine Autofahrerin sah unsere Notlage, hielt an und brachte uns ins nahegelegene Krankenhaus. Dort wurden keine organischen Schäden gefunden, man sagte mir er habe hyperventiliert. Ich habe nie herausgefunden warum. Mein Sohn war noch einige Wochen in stationärer Behandlung, da er plötzlich aufstossen bekam, immer wenn er herumgelaufen ist und sich anstrengte. Deshalb sollte er sich schonen. Allerdings zogen die Ärzte auch eine psych. Ursache in Betracht.
Mit 13-14 Jahren kam er dann auf dem Gymnasium mit anderen Jugendlichen in Kontakt, die Cannabis konsumierten. Er schloss sich ihnen an und kam auch in den nächsten Jahren mit dem Gesetz in Konflikt, indem er Mutproben wie stehlen im Einkaufscenter oder besprühen mit graphitispray usw. mitmachte.
Manchmal benahm er sich allerdings seltsam. Er sagte nämlich mal zu seiner Schwester und mir, er hätte nur verschlafen, weil wir absichtlich seinen Wecker manipuliert hätten. Das kam mir schon sehr merkwürdig vor und manchmal hatte er sehr merkwürdige Ansichten, die ich nicht verstehen konnte. Aber damals hielt ich das alles für pubertäres Gerede und habe nicht lange darüber nachgedacht. na ja, leider hab ich damals bemerkt, dass sein Cannabiskonsum sehr angestiegen ist. von einmal am WE ist er auf täglich und dadurch, dass ich oft wegen meiner Arbeit nicht zu Haus war, auch auf mehrmals täglich gestiegen, weshalb ich ihm das Kiffen in der Wohnung dann auch verboten habe.Seine Schwester war damals schon ausgezogen und hatte geheiratet. Danach habe ich auch wieder neu geheiratet und wir sind umgezogen. Mein Mann hat sein Kiffen gar nicht toleriert und ihn jedesmal nach draussen geschickt.

Mein Sohn erzählte mir vor kurzem, dass diese Zeit, in der er sich beworben hatte das erste Mal und weit und sehr früh zum Lehrbetrieb unterwegs sein musste, eine ganz harte Zeit für ihn war, die sich wohl niemand vorstellen könne. Hatte er damals schon Anzeichen einer Schizophrenie, die unbemerkt blieben?
Was war eher da? War es die Schizophrenie oder wurde sie erst durch den Cannabiskonsum ausgelöst?

Weiss jemand eine Antwort darauf?

LG Rose 1902

Zusammengefügt am 08.03.2016 19:41:10:
hallo noch mal,
was mich ebenfalls sehr beschäftigt, ist die Frage. Wie soll es jetzt weitergehen?
Mein Sohn sagt, Cannabis wäre das beste Mittel. Er hat es als Heilversuch benutzt. Ausserdem sagt er, ist mittlerweile bewiesen, dass Cannabis bei vielen Krankheiten als Heilmittel eingesetzt wird, zB. bei chronischen Schmerzen und sogar bei Krebs, wo er nicht ganz Unrecht hat.
Bemerkt habe ich auf jeden Fall, dass es ihn beruhigt, wenn er grade einen krassen Schub hat. Er ist dann vorher wütend, beschimpft und beleidigt uns. Dann geht er raus vor die Tür, wo er dann kifft. und oft kommt er dann eine halbe Stunde später völlig ruhig nach Hause, setzt sich aufs Sofa und schläft manchmal sogar ein- Man kann ihn dann auch normal ansprechen.

Im Klinikum in der Geschlossenen Abteilung konnte er 5 Wochen lang nicht kiffen, war also eher auf Entzug. Da konnte man beobachten, dass sich sein Zustand und seine Wahnvorstellungen eher verschlechterten, als sich zu verbessern. Medikamente nahm er nicht ein. Allerdings bemerkte ich, dass er durch das " Einsperren" und das Weglassen aller Medien und Therapien, gezwungen war, sich mit dem Thema Schizophrenie auseinander zu setzen.
Nach Cannabis hat er nicht gefragt. Er hat am Anfang viel geraucht, normalen Tabak, was er zum Schluss aber auch nicht mehr gebraucht hat. Nach den 5 Wochen liess man ihn gehen, da er gegen den Beschluss ihn dort zu behalten und zu behandeln erfolgreich Widerspruch eingelegt hatte.
Nun weiss ich nicht. Sollte er eher damit aufhören, obwohl es ihn teilweise beruhigt? Könnte er sich die Schizophrenie durch zuviel Kiffen erworben haben? Oder war die Schizophrenie schon länger vorhanden und das Kiffen hilft ihm nur, die Folgen zu meistern?
Wer kann mir dazu etwas sagen? Frown
LG Rose1902
Bearbeitet von Rose1902 am 08.03.2016 20:41
 
Andreas
Hallo Rose,

Cannabis-Konsum kann durchaus Auslöser einer Psychose sein. So wie du es beschreibst ist dein Sohn, aufgrund seiner Erfahrungen schon im frühen Kindesalter, sehr sensibel und wahrscheinlich auch sehr leicht verletzlich.

Grundsätzlich ist schon zu sagen, wie du es auch beschreibst, dass der Konsum von Cannabis beruhigend wirkt, aber er löst bei deinem Sohn auch die psychotischen Gedanken aus. Daher würde ich empfehlen, das dein Sohn das Kiffen sein lässt und vielleicht noch dazu ein Stressbewältigungstraining oder Anti-Agressionstraining absolviert, damit dein Sohn lernt nicht mehr so impulsiv zu reagieren. Weiterhin wäre für deinen Sohn wahrscheinlich auch eine kognitive Verhaltenstherapie sinnvoll und der Besuch einer Selbsthilfegruppe. Wenn dein Sohn keine Medikamente einnehmen möchte und auch ansonsten nicht Krankheitseinsichtig ist, kann man nichts weiter machen, als ihm die von mir genannten Trainings und Therapien vielleicht vorzuschlagen, ohne darauf zu bestehen, dass er dies auch macht. Dein Sohn muss es von sich aus wollen, ansonsten geht soetwas schnell nach hinten los.

Viele Grüße
Andreas
Wir Menschen werden geboren um Fehler zu machen.
 
Web
Rose1902
hallo Andreas,
vielen Dank für deine Antwort. Tatsächlich hab ich auch schon darüber nachgedacht, dass er das Kiffen eher aufgeben soll. Allerdings glaube ich kaum, dass er darauf verzichten würde. Ich kann ihm ja nicht mal klar machen, dass er krank ist und Hilfe braucht. Er ist fest davon überzeugt, dass wir alle krank sind und die Wahrheit nicht sehen wollen. Er sagt, es ist nicht das Jahr 2016, sondern schon 2018. Das würden böse Menschen uns nur einreden wollen. Er erlebt jeden Tag schon mindestens zum 2. Mal. Fragt uns ständig, ob wir uns denn gar nicht daran erinnern könnten, dass sich bestimmte Situationen schon mal genau so abgespielt hätten. Er hätte das alles schon mal erlebt und erinnert sich an jede Kleinigkeit. Dann sagt er, wir stecken da mit drin, weil wir uns nicht erinnern wollen. Das könnte gar nicht anders sein.
Das so etwas von Cannabis ausgelöst werden könne, weist er ganz weit weg. Wir werden schon sehen, dass er Recht hat, meint er. Spricht dann von Islamisierung und dass man gar keine Autos mit Verbrennungsmotoren mehr fahren müsse, weil es längst schon andere Möglichkeiten gibt. Wie z.B. Motoren, die durch Magnetband angetrieben werden. Das soll so sein, damit böse Menschen, wie die ölscheichs sich weiter die Taschen vollstopfen können. Und wir werden alle ferngesteuert.
Ja, leider muss ich mir eingestehen, dass er in vielen Dingen gar nicht so Im Unrecht ist. Auch der Psychologe in der Klinik sagte, dass mein Sohn sehr klug ist. Aber sich halt mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen eine Behandlung wehrt. Denn er glaubt, dass nur er die Wahrheit kennt und uns alle retten kann. Ausserdem denkt er, dass man ihn nur mundtot machen will, damit das Böse weiter ungehindert herrschen kann. Man habe ihm sowieso schon alles genommen, was ihm lieb ist. Vor sowas würden die auch nicht mehr zurückschrecken.
Ich habe da kaum eine Chance an ihn heranzukommen. Allerdings ist er in der Lage alle Arbeiten zu verrichten , die im Haushalt anfallen, hilft mir bei vielen Dingen, kocht auch schon mal für alle leckere Gerichte. Er kann also sein Leben sehr gut meistern. Bekommt nur keine Arbeitsstelle, weil er sagt, dass er überall schon mal gewesen ist.
Trotz allem, werde ich noch mal versuchen, mit ihm über Cannabis zu sprechen. Allerdings glaubt er ja, dass es das Wundermittel schlechthin ist und Alkohol, was ja legal ist, viel, viel schlimmer ist. Und jetzt, wo sogar über Legalisierung von Cannabis gesprochen wird und die gute medizinische Wirkung nicht mehr von der Hand zu weisen ist, wird das sehr schwierig werden. Aber vielleicht gibt es eine Chance, dass er irgendwann merkt, dass es auch andere Möglichkeiten der Beruhigung gibt.
Was muss ich mir denn unter einer kognitiven Verhaltenstherapie vorstellen und wo oder wie kommt man daran? Das heisst, weisst du einen Weg, wie ich ihm den Weg zu so einer Therapie zeigen oder deren Wirksamkeit erklären kann?
Mit freundlichen Grüßen
Rose1902
 
Andreas
Bei einer kognitiven Verhaltenstherapie habe ich gelernt Probleme zu lösen und auch mir auch alternative Sichtweisen von verschiedenen Situationen anzueignen. So wie zum Beispiel, das Bemerkung xy, nicht unbedingt so gemeint sein muss wie ich sie verstanden habe.

Die Überzeugungen von deinem Sohn sind definitiv nicht ganz falsch, aber er wird das "System" nicht ändern können. Vielleicht kannst du ihm das verständlich machen.

Seine Überzeugung, dass wir eigentlich schon das Jahr 2018 hätten und er sich an erlebtes erinnern kann, sind sogenannte "Dejavue" Erlebnisse, die wiederum daraus resultieren, dass sich das Gehirn quasi selbst überholt, es stolpert also. Soetwas ist nichts außergewöhnliches. Nur etwas darin hinein zu interpretieren, was nicht ist, ist falsch. Das sind dann wahrscheinlich eher seine psychotischen Gedanken und Überzeugungen.

Bestandteil meiner Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis waren so genannte "Gedankengebäude". Darin passte das von mir erlebte in meine Gedankenwelt hinein, ohne das es Realität war und machte mir massive Angst. Bei mir spielte der Verfolgungswahn eine große Rolle, also die Paranoia. Aber die Tatsache, dass für den Betroffenen alles passt, lässt quasi keine andere Alternative Möglichkeit zu, als die, von der man selber überzeugt ist, und das macht es so schwer einen Menschen aus seinen paranoiden Gedanken herauszuholen. Was dabei helfen kann ist sehr viel Ruhe und Gespräche mit Menschen denen man 100%ig vertraut. Aber auch das Zulassen von anderen Möglichkeiten.

Über das Thema Realität sollte man aber nicht mit einem Quanten-Physiker reden, denn der würde wahrscheinlich das Gedankengebäude deines Sohnes teilweise bestätigen. Wink

Daher ist die Aussage des Psychlogen zu deinem Sohn schon sehr richtig.

Viele Grüße
Andreas
Wir Menschen werden geboren um Fehler zu machen.
 
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Rose1902
Hallo Andreas,
vielen Dank für deine ausführliche Antwort. Es tut gut zu wissen, dass man mit seinen Problemen nicht allein ist. Was du gesagt hast klingt plausibel und ich werde die Vorschläge auf jeden Fall aufgreifen. Mal schauen, was er davon für sich annehmen kann. Wink
Ich werde auf jeden Fall nicht aufgeben und versuchen immer für ihn da zu sein. Smile

Wo hast du denn die Therapie gemacht? Beim Psychologen oder in einer Einrichtung? Gibt es Stellen, die so etwas weitervermitteln?

LG Rose1902
 
Andreas
Kognitive Verhaltenstherapien werden über Krankenkassenleistungen bezahlt. Diese haben auch Adressen der Therapeuten (Psychologen) in eurer Nähe.

Du hattest auch geschrieben, dass dein Sohn so weit recht gut mit seinen täglichen Aufgaben zurecht kommt. So lange es so ist und bleibt, denke ich mir, brauchst du dir keine großen Sorgen machen.

Im Bereich "Hilfe" gibt es immer mindestens zwei Seiten, die Eine die Hilfe anbietet und die Andere, die die Hilfe annehmen muss. Wenn eine Seite die Vorraussetzungen nicht erfüllt, kann man nichts machen. Es ist aber gut, dass du deinem Sohn Hilfe anbietest und ihn unterstützt. Mehr kannst du nicht machen.

Für dich selber wäre es vielleicht recht gut, wenn du dich mit anderen Angehörigen aus deiner Region in einer Angehörigen-Gruppe austauschen kannst. Anlaufstellen für Angehörige psychisch Kranker findest du auf der Seite vom Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. unter http://www.psychi...ende-bapk/

Viele Grüße
Andreas
Wir Menschen werden geboren um Fehler zu machen.
 
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Rose1902
Vielen lieben Dank Andreas für deine Anregungen.
Dass ich nur helfen kann, wenn mein Sohn das auch möchte oder die Hilfe für sich annehmen kann, hab ich auch schon gemerkt und muss es leider akzeptieren.
Er hätte es am liebsten, wenn wir alle seine Theorien bestätigen und ihm glauben. Das ist ihm wohl sehr wichtig. im Internet versucht er immer zu warnen und erzählt jedem, dass doch gar nicht das Jahr 2016 sei und sie alle getäuscht werden. Oft wird er dann verspottet oder gesperrt.
Über Kommentare wie: du hast wohl deine Pillen nicht genommen ärgert er sich so sehr, dass er die Zähne zusammenbeisst, die Hände reibt und mit hochrotem Kopf aufsteht und aufgeregt erzählt, was es doch für widerliche Menschen gibt.Angry Ich sag ihm immer, dass er darauf nicht so viel geben soll. Aber er meint nur, dass ich keine Ahnung habe.
Ja, seine Gedankenwelt will er halt nicht aufgeben.Frown

Mit der Selbsthilfegruppe für Angehörige hast du Recht. Da ich bisher noch nicht die richtige gefunden habe, hat mir mein Hausarzt aber auf jeden Fall eine Überweisung zum Psychologen gegeben, weil er meinte, dass mir eine Therapie ganz gut tun würde. da ich ja auch gesundheitlich etwas angeschlagen bin durch meinen Herzinfarkt vor ein paar Jahren. Das werd ich jetzt auf jeden Fall angehen.

Vielen Dank noch mal und einen lieben Gruss
Rose1902 Smile
 
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