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Normales Leben mit Schizophrenie?
ReichDurchErfahrung
Hallo an alle...

ich trage diese Diagnose mittlerweile mit WÜRDE.

Denn sie hat dazu beigetragen, dass ich mir SELBST BEWUSST geworden bin.

Ich hatte bisher vier Schübe in meinem Leben, der erste kam 2003 im Rahmen meiner Ausbildung, der zweite ein Jahr später auch in meiner Ausbildung und direkt danach der dritte, sehr einschneidende...

Hätte ich einen ganz bestimmten Menschen mit der richtigen Intuition nicht gehabt, hätte ich diese Zeilen nach dem 17.4.05 nicht mehr schreiben können.

Es ist so passiert, dass ich tatsächlich die Chance bekommen habe, etwas zu verändern und auch dafür zu sorgen, gesund zu bleiben...und dass es nicht wieder zu so etwas kommt wie 2005.

das habe ich GANZE SECHS JAHRE geschafft...bis zum Winter 2011...

Ich möchte zu den näheren Umständen nichts sagen, aber was ich beschreiben möchte ist ENTSCHEIDEND

-ich bin in alte Muster zurückgefallen
-ich habe es gewusst und mich dafür geschämt
-ich habe mich trotz Angriff nicht verteidigt aus Angst mein Gesicht zu verlieren
-mein Selbstbewusstsein/Selbstwertgefühl war überall aber nicht bei mir
-ich bin immer kleiner und kleiner geworden
-die Psychose kam näher und näher
-also wieder alles für den Arsch?Mein ganzes Leben?

NEIN!!!!!!

Ich habe etwas gelernt...ich werde niemals freiwillig aus dem Leben scheiden! Denn auch wenn mein Selbstwert nicht vorhanden war, war ich mir bewusst, dass ich Hilfe brauche und es nie wieder so enden darf wie 2005.

Daher wieder der Gang ins Krankenhaus.

OHNE POLIZEI UND KRANKENWAGEN WIE DAVOR IMMER


Ich hatte eine scheiß Zeit stationär...und habe es geschafft auszubrechen...mich nach Alternativen zu bemühen...einen Weg für mich zu finden...obwohl ich eine postpsychotische Depression hatte...denn ich wusste ich bin nicht allein...ich habe helfende Hände, die mich sehr sehr lange kennen MIT DIAGNOSE und all meinen Stärken und Schwächen...

Dann begann im Sommer 2012 die Wende...

Tagesklinik in einem anderen Ort...ja, ich hatte Mut. Mut, mich nicht den Gegebenheiten hinzugeben als hätte ich keine Wahl...

Das war die beste Entscheidung meines Lebens...

Warum?

Ich habe mir selbst gezeigt...dass ich einen eigenen Kopf habe...der sehr wohl ein Bewusstsein für sich selbst hat...

Nach viel Wartezeit (die sich sehr gelohnt hat) fing es an...ich musste ja pendeln, da die TK in einem anderen Ort war...aber für mich war es kein Hindernis...sondern eine Herausforderung

Ja, ich nehme SEROQUEL und ich HASSE frühes Aufstehen weil ich sowas von benommen bin morgens, dass das eigentlich nicht möglich ist...aber ich habe daran GEGLAUBT dass Übung erst den Meister macht...und so ist es....

Ich habe einen sehr tollen Arzt gehabt, der (dank meiner funktionierenden Introspektive*) einen super Job gemacht hat.

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(*EINSCHUB-TIPP...

Stellt euch vor, ihr engagiert einen Koch. Er ist sogar aus der 5*-Küche....

Ihr gebt ihm alle Utensilien wie Bratpfanne, Topf, Ofen, Kochplatten, aber die Zutaten fehlen

Wie kann man von diesem Koch erwarten, ein exzellentes Essen zu zaubern???

Genau so geht es einem Arzt in der Psychiatrie, der zu hören bekommt "mir gehts schlecht aber ich weiß nicht warum". Seid ehrlich zu euch und zu Eurem Gegenüber!!! Nur dann habt ihr eine Chance etwas zu ändern. Ein Arzt ist nur so gut, wie ein Patient ihn befähigt.)

(dies ist ein gut gemeinter Rat...bitte nicht auf die Füße getreten fühlen...)


(EINSCHUB ENDE)
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ich wurde nach drei Monaten Aufenthalt STABIL entlassen.

Was ist danach passiert?

Ich beantragte auf eigene Faust eine Reha (da eine überforderte Sozialarbeiterin dazu scheinbar nicht in der Lage war, aber so what? ICH WUSSTE WAS ICH WOLLTE), um wieder in das Berufsleben einzusteigen.


Ich hatte den Plan, mich wieder fit zu bekommen für den ersten Arbeitsmarkt, in dem ich ja bereits erfolgreich Fuß gefasst hatte-
aber JETZT war es an der Zeit, zu schauen,

WAS PASST ZU MIR?

WO WILL ICH HIN?

WAS KANN ICH?

und im Laufe der Zeit konnte ich mit Freude feststellen,

-dass ich wieder fähig war, vollzeit zu arbeiten
-dass ich nicht IRGENDEINEN Job machen möchte nur um nicht erwerbslos zu sein
-dass ich meine Stärken und Schwächen erkannt habe und
-dass ich TROTZ Diagnose, früherer Fehler etc eine GUTE ARBEITSKRAFT BIN
-dass ich meinen persönlichen Wert nicht daran messe, wie andere mich sehen oder ob ich in Beschäftigung bin
-dass ich (trotz anderer gesundheitlicher Schwierigkeiten)schon fast bis zum Ende durchgehalten habe
-dass ich mittlerweile ZIELE,TRÄUME und EINEN GESUNDEN SELBSTWERT besitze.

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Ich bin noch lange nicht dort angekommen, wo ich hinmöchte...

Aber ich habe verstanden, dass ich DIE EINZIGE bin, die den eigenen Weg in der Hand hat.

Ich träume vom Job, dann einer Wohnung dort in der Nähe, ich freue mich auf das morgendliche zur-Arbeit-Fahren mit meinem Bike, Seele baumeln lassen am Wasser oder im Wald...und ganz wichtig-mein Wetter-Check morgens im Bademantel auf dem Balkon...

Ich habe mich gerade von belastenden Umständen/Menschen befreit...denn ich brauche meine Kraft für mich und für die Menschen, die es sich verdient haben.


Meine Vision ist es, wenn ich beruflich Fuß gefasst habe, mit meiner Diagnose und meinem zweiten Standbein, der Musik, die mich durch alle Zeiten getragen hat, anderen Menschen mit ähnlichen oder gleichen Schwierigkeiten zu helfen-

denn mein Leben ist nach wie vor lebenswert.

Jeder von Euch kann das Gleiche schaffen.

Glaubt an euch.

Schubladen sind was für Ignoranten.

Akzeptiert euch mit Euren Schwächen.

Ihr habt alle nur EIN Leben.

Fehler sind dazu da, um daraus zu lernen...

Auch mit schwerwiegenden Nebenwirkungen (Gewichtszunahme, bleiernder Schlaf z.B.) kann man ein "normales" Leben führen.

Jetzt höre ich schon Stimmen wie "leichter gesagt als getan" "die hat ja leicht reden" "was bildet die sich ein???"

Ich schaue mittlerweile in den Spiegel und erkenne mich selbst. Ich muss nicht 90-60-90 haben. Ich bin so wie ich bin gut. Denn ich gebe immer viel-um alles zu schaffen, was zu schaffen ist.

Das Leben an sich ist schon eine Herausforderung.

Aber ein Leben mit Schizophrenie ist eine noch stärkere Herausforderung.

Ich liebe Herausforderungen.

Aber nur mit viel Musik und den lieben Menschen um mich herum...denn

KEINER VON UNS IST ALLEIN

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"Ich lasse mich nicht mehr stigmatisieren. Stigmata sind was für Menschen, die nicht fähig sind, sich eigenständig ein eigenes Bild zu machen."
 
ReichDurchErfahrung
Hallo Phil,

danke dass dir meine Zeilen gefallen. Ich wollte mal der natürlichen Gegebenheit, nur negative Zeilen im Internet zu finden, mal ein wenig auf die Sprünge helfen...da leider jeder nur kotzt, aber niemand mal sagt, dass es auch anders sein kann...

lieben Gruß und gute Nacht,

ReichDurchErfahrung Smile
Die Kraft und Stärke auf meinem Rücken hätte ich ohne Diagnose Psychose niemals erfahren. Und sie liegt in mir.
 
ReichDurchErfahrung
Hallo Meerstern,

danke für die ehrliche Rückmeldung. Ja, Du hast Recht, ich bin noch nicht auf positive Einträge gestoßen, bin ja auch erst kurz hier und werd hier noch viiiiiiiiel stöbern und dabei sicher auch das ein oder andere Positive finden.

Dass ich für meinen Selbstwert schon einiges getan habe-ja, das stimmt...und das ist auch nicht verwerflich-denn ich habe mich sonst eher runter gemacht, klein gemacht gegenüber anderen-und das ist eine Sache, die einen immer wieder krank machen KANN. Und das ist sicherlich nicht das Ziel.

Ich wünsche Dir auch noch einen schönen Abend und hinterlasse Dir einen lieben Gruß aus dem Norden Wink

ReichDurchErfahrung
Die Kraft und Stärke auf meinem Rücken hätte ich ohne Diagnose Psychose niemals erfahren. Und sie liegt in mir.
 
blacky
Hallo ReichDurchErfahrung,

danke für Deinen Mut machenden Bericht und ich finde es toll wie Du Dein Leben trotz Schizophrenie meisterst.

Ich beneide Dich für die Fähigkeit wieder arbeiten zu gehen.Ich glaube das wünscht sich jeder von uns.Leider ist die Krankheit aber auch sehr heimtückisch und äußert sich bei jedem anders.

Ich selbst leide seit 2008 und habe immer wieder versucht meine Frau im Job zu stehen. Für mich ist es nicht gut ausgegangen und so versuche ich dennoch tagtäglich einen lebenswerten Alltag zu genießen. Es gibt gute und schlechte Tage aber im allgemeinen bin ich mit mir sehr zufrieden.Ich versuche auch immer positiv denkend zu leben,weil ich mir sicher bin, daß man nur dann irgendwie akzeptiert wird wenn man sich selbst in seiner eigenen Haut wohlfühlt.

Einen schönen Abend noch und ganz liebe Grüße von blackyWink
 
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