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erkrankter Bruder, was tun (sehr lang!)
Juna
Hallo,
ich bin neu hier und habe einige Fragen und viele Sorgen im Gepäck.

Mein Bruder ist schizophren. Er wird im Dezember 30. Mit 13 ist er an Drogen gekommen, hat mit Pilzen experimentiert, später dann LSD, Extasy, Crystal und was sonst noch. Damals hatte er bei meinem Vater und seiner Familie in Bayern gewohnt und sie mit seinen Aggressionen terrorisiert. Später irgendwann lebte er dann bei meiner Mutter in Niedersachsen, ging auf eine private Wirtschaftsschule, jobbte nebenher, hatte einen funktionierenden Freundeskreis - alles entwickelte sich auf einmal richtig gut. Er wirkte ruhig und ausgeglichen, war fröhlich und kommunikativ.

Dann zog er zum Studium nach Berlin. Und damit kam die absolute Wende. Er verließ seine Freundin, zog in ein Studentenwohnheim und versuchte sich an einem schwierigen Studium. Der Leistungsdruck und die Einsamkeit setzten ihm zu. Er sprach auf einmal nur noch von Engeln und Gott. Dann kam die erste Psychose, die sich um Dämonen drehte. Es kam am Ende so weit, dass er aus Verzweiflung und auf Anraten meiner Mutter zum sozialpsychiatrischen Dienst ging und sich einweisen ließ.

Meine Mutter und ich hatten alle Hoffnungen, dass es jetzt besser werden würde, ihm endlich geholfen wird. Doch nach ein paar Wochen brach er den Aufenthalt ab und ging zurück in seine Wohnung. Zurück in die Einsamkeit, zurück ins Studium. Im Studium kam er nicht voran, blieb im 2. Semester hängen und gab es dann ganz auf. Nun hätte er aber aus seinem Studentenzimmer rausgemusst und konnte gar nicht. Er schafft einen Auszug aus eigenen Kräften überhaupt nicht mehr und vernachlässigt sich selbst (und wahrscheinlich die Wohnung). Er redete wieder nur von Engeln, von Gott und dem heiligen Geist. Wenn man ihn auf seine Medikamente ansprach, wurde man schroff angefahren. Von Krankheitseinsicht fehlt jede Spur.

Seit Mai hätte er ausziehen müssen. Meine Mutter hat alles probiert, um für ihn eine Wohnung zu finden, am liebsten einen Platz beim betreuten Wohnen. Doch er macht nicht mit. Zwischenzeitlich war er wieder für ein paar Tage in der Klinik, weil er Außerirdische gesehen hat und das alles ihm sehr viel Angst gemacht hat. Jetzt hat er meiner Mutter erklärt, dass er keine Hilfe will, dass er das alleine kann und auch alleine eine Wohnung findet.
Im Dezember wird eine Räumungsklage gegen ihn eingereicht.

Meine Mutter macht sich nun sehr große Sorgen, wie es mit ihm weitergehen soll. Sie würde ihn gerne in Betreuung geben und versucht jetzt, bei Gericht einen Eilantrag einzureichen. Aber mit welcher Chance? Gibt es eine Möglichkeit, ihm einen Betreuer zur Seite zu stellen, der sich vor allem auch um Anträge und seine Geldangelegenheiten kümmert, ohne dass er zustimmen muss?

Ein Zusammenleben mit ihm ist nicht möglich. Er war für eine Woche bei meiner Mutter und sie hat es kaum ausgehalten. Er will sich niemandem "unterwerfen", sich nicht "disziplinieren" lassen und hält von geregelten Tagesrhythmen nichts.

Dazu kommt sein ständiger Drang zur Missionierung. Alle sollen doch endlich erkennen, dass nur der Glaube an Gott und Jesus das Wahre ist und alles andere "des Teufels". So bekommt er ständig von "Jesus" den Auftrag, Menschen um sich herum zu heilen. Meine Tochter hat Zöliakie, lebt damit sehr gut - aber er weiß überhaupt nichts von dieser Krankheit und meint nun, sie holen zu müssen um mit ihr in einen Heilergottesdienst zu gehen. Das wirkt schon sehr bedrohlich. Er ruft ständig deshalb an und beschimpft mich, wenn ich das ablehne. Das, was mich da etwas beruhigt, ist die Entfernung zwischen uns. Er in Berlin, ich in Bayern. Aber wer weiß, was er im Wahn auf einmal fertig bringt? Zur Zeit jedenfalls sehe ich nicht unbedingt die Gefahr, dass er herkommt. Er hat schon gesagt, dass er das mit ihr alleine machen will - sie holen und dann mit ihr so einen Gottesdienst suchen. Er weiß gar nicht, wo es sowas gibt, er war noch nie in einem, will also ziellos mit einem kleinen Mädchen durch die Gegend fahren.... Wie ihr euch denken könnt, kann man darüber nicht vernünftig mit ihm reden. Ich habe ihm schon gesagt, dass er mit ihr nirgendwo hinfahren wird, dass er nicht für sie verantwortlich ist. Aber er hat den Traum davon, wie begeistert sie gucken wird, wenn Jesus kommt und ihr die Hand auflegt und sie geheilt ist...

Jetzt frage ich mich, wie ich damit umgehen soll. Wie soll ich reagieren, wenn er diesen Wahn hat, meiner Tochter helfen zu müssen. Kann das eine ernste Bedrohung sein/werden?

Meine Mutter hat damit Probleme, dass er jede Hilfe, jede Hilfestellung, verweigert. Er hat sämtliche Vorschläge aus der Familie, alle Tipps abgelehnt. Ihr fällt es sehr schwer, loszulassen und nur noch zuschauen zu können. Da nagt aber auch das "gute-Mutter-Image" an ihr.

Das traurige ist ja, dass er nicht nur der mit dem Wahn ist, sondern auch ein sehr einsamer Mensch auf der Suche nach Kontakt.

Habt ihr Ideen, Vorschläge, Tipps oder Hinweise was man tun könnte? Der sozialpsychiatrische Dienst in Berlin kennt uns schon und kann ja auch nichts machen.


Tut mir leid, dass es so viel geworden ist! Ich hoffe, jemand liest sich das alles durch und kann mir etwas weiterhelfen. Dankeschön!!!
 
Juna
Hallo Bulandus,

vielen, vielen Dank für deine Antwort!
Das Weglaufhaus ist ja ein super Tipp und wäre wahrscheinlich genau das Richtige!
Meine Mutter ruft dort morgen mal an und informiert sich.

Zwangseinweisung wollen wir wirklich vermeiden und grundsätzlich verhält er sich ja auch friedlich.

Dass seine Wahrnehmung für ihn absolut real ist, weiß ich natürlich, aber es ist sehr schwer, damit umzugehen und die richtigen Worte für ihn zu finden. Gestern klang er am Telefon schon nicht mehr so manisch und hat sich auch nur einmal bei mir gemeldet. Wahrscheinlich höre ich in den kommenden Wochen nichts mehr von ihm. Frown (Wenn ich anrufe, geht er nicht ran.)


Vielen Dank nochmal und liebe Grüße von Juna
Bearbeitet von Juna am 21.11.2013 20:10
 
Juna
So, ich habe mich völlig verschätzt, als ich dachte, mein Bruder ist schon an dem Punkt, an dem er sich wieder zurückzieht.

Im Augenblick ruft er jede Nacht an und spricht den Anrufbeantworter voll. Das Telefon ist ausgesteckt, damit wir schlafen können, aber er hat eben die Möglichkeit, uns über den Anrufbeantworter an seiner Welt teilhaben zu lassen.

Morgens höre ich die 6-10 Nachrichten dann ab und war heute morgen schon schockiert. Er hat davon geredet, dass er traurig ist, weil er SEINE "N." (meine Tochter, gerade 7Jahre alt!) nicht mehr sehen und sprechen kann. Er liebe sie so sehr und sie liebe ihn, sie beide seien miteinander verbunden...

In einer weiteren Nachricht sprach er dann davon, wie schön es doch für N. sei, dass ihre erste große Liebe Jesus sein kann...

Überhaupt redet er fast nur davon, wie süß meine Tochter ist und wie schön der Glaube für sie sei.
Er will sie mit ins Himmelreich holen.

Dazu sei gesagt, dass er (im Moment zumindest) mit "Himmelreich" seine Welt meint - seine Welt, in der Gott neben ihm sitzt und Jesus sein Begleiter ist.

Ich weiß gerade nicht so recht weiter. Wie gehe ich damit um? Reden kann man ja mit ihm nicht (will er auch nicht). Was würdet ihr an dieser Stelle machen? Ich denke ja auch daran, dass er momentan in Berlin relativ fest sitzt, dass er nachtaktiv ist und Züge hierher eigentlich nur tags fahren, dass er ja auch einsam ist und es ja auch nicht gewaltätig meint. Aber welches Potential ist in solchen Aussagen verborgen? Es spitzt sich ja immer weiter zu, wo kann das denn enden? Sollte ich jetzt handeln und diese Nachrichten an die Polizei weitergeben?


Edit:
Meine Mutter ruft jetzt erstmal die zuständige Polizei an, weil er ihr auch SMS geschickt hat, die nur von der Liebe zwischen ihr und meiner Tochter erzählen...
Bearbeitet von Juna am 23.11.2013 13:44
 
Juna
Hallo, ich hab mich lange nicht mehr gemeldet und will mal erzählen, wie es zur Zeit so ist.
Nachdem wir im November mit der Polizei telefoniert hatten und um Rat gefragt, ist jemand bei ihm vorbei gegangen, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist, aber mein Bruder hatte (natürlich) nicht aufgemacht.
Im Dezember hatte ich dann das letzte Mal von ihm gehört. Auch bei meiner Mutter hatte er sich nicht wirklich gemeldet und wir wussten lange Zeit nicht richtig, wie es ihm geht. Auf Kontaktaufnahme mit ihm reagiert mein Bruder ja nicht - das geht immer nur von ihm aus. Jetzt hatte er sich aber zu meinem Geburtstag gemeldet und nebenbei erwähnt, dass er seit Januar/Februar in einem Obdachlosenwohnheim wohnt. (Auf den Vorschlag mit dem Weglaufhaus ist er leider gar nicht eingegangen). Als ich ihn gefragt habe, wie es ihm geht, habe ich an seiner Reaktion schon gemerkt, dass er plötzlich nicht mehr richtig anwesend war und er hat dann auch das Telefonat beendet. Aus SMS an meine Ma geht auch hervor, dass er sich verfolgt fühlt und beobachtet.
Wie ist das denn jetzt überhaupt, wenn er erstmal in einem Obdachlosenwohnheim wohnt? Bekommt er dort Unterstützung, um auch irgendwann wieder auf eigenen Beinen zu stehen? Gibt es dort Mitarbeiter, die psychische Krankheiten (er)kennen und dann ein Auge auf ihn haben?
Ich mache mir schon Gedanken, wenn er missionarisch unterwegs ist oder den Leuten auf der Straße von seinen Ideen erzählt, dass er da mal an die falschen gerät.
 
taffi
Hallo zusammen
Meine Schwester berichtet mir heute, nachdem ich aus dem Urlaub zurück kam, das mein kleiner Bruder sich seit einigen tagen merkwürdig verhalten würde. Vorher waren sie noch auf einem Festival gewesen und dort war noch alles in ordnung , sagt sie aber ihr ist aufgefallen das er sich immer mehr zurück ziehen wollte. Am vergangenen Freitag hatte er einige Ereignisse verspürt, die er nicht deuten konnte. Er sagte Männer kamen in seinem Zimmer und drohten ihn mit Waffen und versteckten Giftschlangen in dem Raum. Auf einmal glaubte er ausziehen zu müssen und baute nachts, seinen Schrank ab und stellte es raus. Darauf hin wurde er in eine Klinik gefahren wo er aber schon am nächsten Tag abgehauen ist. Er wollte nach Hause und hatte den falschen Zug genommen...
Am nächsten Tag ging er zum Friedhof unseres Vaters. Er war seit der Beerdigung vor 8 jahren nie dort gewesen.
Mein Vater war seit meiner Geburt schon immer Alkohol abhängig und wir hatten als Kinder eine grausame Kindheit. Ich glaube,nein ich weiß jetzt, das mein Vater durch den Alkoholkonsum auch eine Schizophrenie hatte und ich mir immer grausame Vorwürfe anhören konnte. Aber als Kind denkt man das dass verhalten "normal" sei.
Heute hatte ich meinen Bruder besucht, er sieht und wirkt verändert. Er sagte mir zum teil was passiert ist. Er denkt auch, er hätte einen tumor im Kopf.
Wir können ihn auf seinen Handy nicht mehr erreichen, da er glaubt von seiner besten Freundin abgehört zu werden, die ihm, so wie er sagte, vernichten will.
Er wird eifersüchtig wenn seine bekannte mit anderen telefoniert. Er denkt sofort das sie einen plan aushecken.
Er will Abstand von ihr, auch ein Gespräch, welches die bekannte sucht, lehnt er ab.
Wir alle machen uns solche sorgen... Meine Mutter ist auch nicht in bester Verfassung (schwere Depression mit sozialer Phobie), ich habe auch so meine Problem im Umgang mit Menschen aber ich bekomme das irgendwie geregelt. Letztes Jahr erlitt ich an Burnout und bekomme seitdem eine Therapie.
Meine Schwester ist auch nicht verschont geblieben und musste ihr Ausbildung abbrechen.
Im großen und ganzen sind wir schon eine arme Familie Sad

Danke fürs zuhören Smile und über eine Antwort würde ich mich sehr freuen
 
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