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Noch eine Angehörige sagt Hallo
Miriam
Guten Abend,

ich melde mich hier, weil ich in Sorge um meine 20 jährige Tochter bin und mittlerweile auch um mich selbst.

Meine Tochter hat sich im Sommer 2011 in einen psychotischen jungen Mann verliebt. Innerhalb kürzester Zeit veränderte sie sich in erschreckender Weise.

Durch Kontakt mit dem Vater des Jungen haben wir erfahren, dass der Junge an Reptiloide glaubt, Außerirdische, die die Welt bedrohen, Menschen besetzen können. U.a. sei die CIA reptiloid besetzt. Tschernobyl, 9/11 und Fukoshima gehe auf das Konto der CIA....Irgendwann äußerte sich der Junge auch in unserer Anwesenheit entsprechend.

Was soll ich sagen. Unsere Tochter sitzt daneben, wenn der Knabe dieses Zeug von sich gibt und hängt an seinen Lippen. Mein Mann und ich sind nach psychiatrischer Beratung den diplomatischen Weg gegangen , zunächst. Nach 6 Monaten wurde das Verhalten unserer Tochter jedoch immer grotesker. Ich war schließlich so am Ende, dass ich sie eindringlich bat, zum Arzt zu gehen. Wenn dazu keine Bereitschaft bestehe, müsse sie baldmöglichst ausziehen. Der Zustand sei dem Rest der Familie-es gibt noch einen 14 jährigen Bruder- nicht mehr zuzumuten.

Tief empört über die Einmischung in ihre Angelegenheit verschwand sie noch am selben Abend, brach den Kontakt zu Freunden und Familie ab, schmiss die Schule kurz vor dem Abi.

Ich brach zusammen und musste für 2 Monate in die Klinik. Anfang Februar wurde ich entlassen und versuche seitdem, wieder Fuß zu fassen. Das gelingt nur schwer, da die enorme Sorge um die Tochter anhält. Meinen Beruf mußte ich inzwischen aufgeben. Befristete Berufsunfähigkeitsrente wegen akuter Belastungsstörung wurde bewilligt.

Wir konnten unsere Tochter inzwischen durch Einsatz der gesamten Familie dazu bewegen, ein Freiwilliges ökologisches Jahr zu absolvieren. Wir haben in der Nähe des Einsatzortes eine Wohnung angemietet. Sie meldet sich allenfalls, wenn es um Unterhalt geht, im Tonfall kühl und distanziert. Der Freund ist immer noch am Start.

Die Auswirkungen ihres Verhaltens auf uns sind ihr egal. "Eure Angst um mich ist Euer Problem."

Es fällt mir ungeheuer schwer, eine Perspektive zu entwickeln. Das freiwillige ökologische Jahr ist Mitte 2013 rum. Was geht dann ab? Muss sie tatsächlich in der Gosse landen, wie ein Psychiater bemerkte ?

Ich wäre für Eure Rückmeldung sehr dankbar !


Freundliche Grüße

Miriam
 
Andreas
Hallo Miriam,

dass sich deine Tochter von ihrem Freund derart negativ beeinflussen lässt ist definitiv alles andere als angenehm für euch Angehörige.

Aber ich denke eure Tochter muss ihre Erfahrungen selber machen und ihr könntet eurer Tochter anbieten, für sie da zu sein, wenn sie euch braucht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Dem eigenen Kind Unterstützung anzubieten wenn sie gebraucht wird und für das Kind da zu sein, ist das beste was Eltern für ihre Kinder tun können.

Erfahrungen sammeln müssen Menschen selber, denn nur daraus lernen sie nachhaltig.

Gerade für Eltern ist es sehr schwer zusehen zu müssen, wie sich die eigenen Kinder in den "Abgrund" manövrieren. Aber ich denke da wird eure Tochter zu gegebener Zeit wieder rauskommen.
Aller spätestens wenn ihr die "Augen" aufgehen.

Viele Grüße
Andreas
Wir Menschen werden geboren um Fehler zu machen.
 
Web
Miriam
Lieber Andreas,

vielen Dank für Deine Rückmeldung.

Das geringste Übel wäre sicher, dass unsere Tochter gesund ist, sich gerade ihrer Liebe zu dem Jungen in fataler Weise hingibt, ihr aber irgendwann "die Augen aufgehen", wie Du sagst. Die Tür bei uns Eltern steht offen, sie weiß, dass wir für sie da sind. Das haben wir ihr immer wieder gesagt, gefont, geschrieben.

Im Raum steht aber, dass sie selbst psychotisch ist und diese Variante treibt mich um. Diese Erkrankung ist mir so unheimlich. Ich habe viel darüber gelesen, aber noch nicht mit Betroffenen darüber gesprochen. Ich kenne keine.

Meine Frage ist: ist es richtig, dass wir Eltern unsere Tochter komplett loslassen ? Sie lebt alleine in einem Appartement auf dem Land. Kontakt zu Freunden besteht nicht, wie sie sagt. Sie arbeitet täglich 8 Stunden im ökologischen Obstanbau und in der Landschaftspflege. Der Betreiber scheint mir ein guter Kerl zu sein. Informiert haben wir ihn nicht über unsere Sorge. Sollten wir das tun ?

Mir geht es darum, nicht zuviel aber auch nicht zu wenig zu tun. Dass sie da so alleine auf dem Land hockt, möglicherweise krank, ist sehr schwer für mich auszuhalten. Wenn ein psychotischer Schub losgeht, bekommt das ein Arbeitgeber zwangsläufig mit ?

Liebe Grüße

Miriam
 
Andreas
Liebe Miriam,

deine Tochter "loslassen" ist sehr gut, das fördert die Selbständigkeit deiner Tochter.
Wie du schreibst hat sie einen geregelten Job und dadurch auch eine funktionierende Tagesstruktur. Auch dies ist sehr gut. Informieren solltet ihr den Arbeitgeber eurer Tochter nicht, dadurch könntet ihr die "Tür" zwischen euch und eurer Tochter zuschlagen.

Ansonsten bekommt der Arbeitgeber zu gegebener Zeit sicherlich mit, dass mit eurer Tochter was nicht stimmt.

Ich persönlich denke, dass so wie es jetzt ist, alles gut ist und ihr euch keine großen Sorgen machen müsst.

So wie du es schilderst scheint für mich alles in Ordnung zu sein.

Sollte etwas nicht mehr in Ordnung sein, würdet ihr es sicherlich erfahren und dann könnt ihr immernoch handeln. Zum handeln wird es auch dann für euch nicht zu spät sein. Aber alles zu seiner Zeit. Wink

Viele Grüße
Andreas
Wir Menschen werden geboren um Fehler zu machen.
 
Web
Miriam
Oh, vielen Dank, Andreas. Mir fällt gerade ein Gebirgsmassiv vom Herzen. Dann lass ich da jetzt mal los.....


Alles Gute

Miriam
 
Kybele
hei Miriam,

ehrlich gesagt beneid ich euch ein wenig darum, ich weiß, das klingt total idiotisch unter den Bedingungen. Aber sowohl eure Fähigkeit sie dort allein sein zu lassen, als auch ihre Fähigkeit dort allein zurecht zu kommen, sind für mich sehr positive Anzeichen!

Besucht mal eine Selbsthilfegruppe auf diesem Gebiet (es gibt Selbsthilfegruppen für angehörige psychisch Kranker). Da wird man auch immer wieder die Co-Abhängigkeit hingewiesen und bekommt Beispiele, wie es anderen geht und dass es doch noch ganz gut ist, wie es gerade ist bzw. erhält man auch einfach seelische Unterstützung.

Aus der Erfahrung meines Bruders herraus, kann ich dir zum Thema Job sagen: Viele psychisch Kranke bekommen es erstaunlich gut hin in der Arbeit oder Öffentlichkeit normal zu wirken. Aber bei akuten Schüben fällt das irgendwann dann auch einmal der Umwelt auf.
Allerdings sollte das dann eure Tochter auch persönlich mit ihrem Chef klären, so behält sie immer noch einen Kontakt zur Realität.

Aber insgesammt kommt mir das Verhalten nicht so unbekannt vor, ich bin mit meinen Eltern oftmals auch aneinander geraten, weil ich mein Leben um die 20 endlich unabhängig, frei und mit meinen eigenen Erfahrungen leben wollte, dabei waren mir die Sorgen meiner gluckenhaften Eltern auch oftmals egal. Schließlich ging es nicht um ihr sondern um mein Leben. Wenn es dich tröstet, nach einigen Jahren hat sich das wieder gut eingependelt Wink

Ich wünsch euch alles Gute und das eure Tochter bald wieder bei euch familär ankommt und sich eingliedert.
 
Miriam
Danke Kybele. Du machst mir Mut. Wink

Der Druck in der ganzen Geschichte kommt auch daher, dass ich ein dickes, fettes Geburtstrauma mit mir rumschleppe. Das brach auf, als unsere Tochter uns vor einem Jahr plötzlich und unter besorgniserregenden Umständen verließ. Eine Wiederholung: als sie fünf Tage alt war, hatte sie epileptische Anfälle und mußte von jetzt auf gleich in ein anders Krankenhaus verlegt werden, Säuglingsintensivstation, Diagnose ungewiß zwischen: stirbt in den nächsten Tagen, weil es eine furchtbare Erkrankung gibt, oder: ist harmlos und geht wieder weg.

Der Horror und das Entsetzen stecken mir noch in den Knochen. Das wurde mir während meines Aufenthalts in der Klinik klar. Jetzt bin ich traumatherapeutisch gut versorgt und arbeite den alten Morast auf. Ist o.k., es geht voran.

Wenn Du sagst, meine Tochter sollte Probleme wegen eines psychotischen Schubs alleine mit ihrem Arbeitgeber klären, kommt mir das ganz seltsam vor, aber es hilft mir. Ich stehe innerlich immer noch vor dem Brutkasten auf der Intensivstation....

O.K., sie ist groß und möglicherweise psychisch krank. Wenn Du sagst, dass sie selbst auch während eines akuten Schubs noch handlungsfähig ist, erleichtert mich das.

Ja, eine Selbsthilgefruppe. Ich schau mir das mal an.

Liebe Grüße und schönen Abend

Miriam
 
Kybele
Miriam schrieb:

Wenn Du sagst, dass sie selbst auch während eines akuten Schubs noch handlungsfähig ist, erleichtert mich das.



Tja selbstständig würde ich es nicht direkt nennen. Aber ich hab immer das Gefühl, dass so ein wenig Zusammentreffen mit der Realität und deren Schwierigkeiten bzw. deren Meisterung helfen kann, sich selbst auf dem Boden zu halten, weil man sich mit seiner Umgebung auseinader setzt. Aber dazu muss man auch die Chance haben. Sonst geht man dem u.U. einfach aus dem Weg, indem man es auf eine willige Person abwälzt (so macht es mein Bruder immer und meine Eltern helfen freudig dabei, vermutlich aus einem ähnlichen Trauma herraus).
 
Miriam

Sonst geht man dem u.U. einfach aus dem Weg, indem man es auf eine willige Person abwälzt (so macht es mein Bruder immer und meine Eltern helfen freudig dabei, vermutlich aus einem ähnlichen Trauma herraus).


Ja, so läuft es auch beim Freund meiner Tochter. Die Eltern sind getrennt und der Junge lebt bei seinem Vater im Haus, der so froh ist, dass der Sohnemann seinen Papa lieb hat. So ist dem Vater noch eine Restfamilie geblieben und die will er nicht verlieren.

Schlimm finde ich das. Der Junge hat null Chance, gesund zu werden. Der Vater weiß genau, was Sache ist, tut aber nichts. Der Junge soll nicht auf der Straße landen...Verstehe ich ja und es ist auch meine schlimmste Vorstellung, meine Tochter müßte unter Brücke schlafen. Aber man kann doch nicht einfach nur zuschauen und warten. Das geht schon jahrelang so.


Und Deine Eltern sehen ihren Part an der Geschichte nicht ?
 
Kybele
hei du,

meine Eltern... meine Mum hat Krebs im Endstadium und wie lang ihr Leben noch währt.... man weiß es nicht. Für sie ist mein Bruder wohl immer noch der kleine, ängstliche, kränkelnde Junge, der er mal vor über 20 Jahren war. Diskussionen sind nicht möglich, da sofort von ihr abgewiegelt wird ("lass mich damit in Ruhe, dass kann ich nun gar nicht haben, wenn ich mich aufrege, übergeb ich mich wieder"Wink. Für sie ist er eben besonders, braucht etwas mehr Zeit und Unterstützung.
Mein Vater sieht das Problem eher, begreift es aber wohl auch nicht ganz (er ist mit der Pflege meiner Mutter und seiner Selbstständigkeit allerdings auch vollauf beschäftigt). Er beugt sich meiner Mutter, weil er sie vergöttert und weil er sie in ihrem zugegebenermaßen extrem geschwächten Zustand nicht noch mehr belasten und das Gefüge, das sie hält, auseinander reißen will.

Auf meinen Vater hört mein Bruder nicht. Mich ignoriert er sehr gekonnt. Und meine Mum, die einzige, die was ändern könnte- aus meiner Sicht-, ist nicht gewillt ihre "heile" Welt über den Jordan zu jagen.

Ich hab sehr lange nichts davon mitbekommen, da ich am anderen Ende von Deutschland gewohnt habe, eine eigene Familie hab und bei Kontakt die Probleme immer verschwiegen wurden. Erst als der große Knall kam, kamen die merkwürdigen Details herraus.

Ich würd meinem Bruder ein normales Leben mit einer liebenden Partnerin wünschen. Aber statt dessen hat er angefangen zu trinken, ich vermute mal, weil ihn die ganze Geschichte mit meiner Mutter stärker belastet, als er zugeben will. (meine Mum darauf anzusprechen wäre auch sinnlos, sie ist selbst Alkoholikerin).

Und vermutlich könnte ich hier noch 10 Seiten schreiben. Im Endeffekt ist es so: Meine Eltern lieben meinen Bruder, sie wollen ihm helfen, sie wollen ihn nicht auf der Straße sitzen haben. Aber tja... was soll ich dazu noch alles sagen....Solang es nicht die richtige Hilfe ist und diese auch ANGENOMMEN wird, kann man leider nicht viel machen.
 
Miriam
Hallo Kybele,

o.k., das ist natürlich sehr heftig. Was für eine schwere Situation, in der Deine Familie da steckt. Krebs und Alkohol und Psychose. Was für ein Packet.

Die schwerkranke Mutter. Da fällt es bestimmt schwer, Klartext zu reden.

Wie geht es denn Dir mit dem ganzen Balast ?
 
Kybele
Hei Miriam,

es geht im Moment, ich hab mich erst einmal zurückgezogen, nachdem dem letzten Vorfall mit meinem Bruder und der nachfolgenden "Pufferreaktion". Aber ich hab nun erst einmal durchgeschnauft, mich beruhigt, darüber mit anderen geredet, die Grenzen für mich und meinen Mann neu festgesetzt. Und mich über das positive Ergebnis gefreut.
Trotzdem bleibt der Horror im Hintergrund, dass etwas schlimmes passieren könnte, dass der ganze Mist meine Eltern in Grab bringt und wie es dann weiter geht. Das raubt mir regelmäßig den Schlaf oder bringt Alpträume und kostet mich somit auch ein gutes Stück Lebenskraft. Aber ich weiß, damit bin ich nicht allein und im Vergleich zu vielen anderen Angehörigen, geht es uns noch verdammt gut.
 
Miriam
Hallo Kybele,

ja, die Belastung für die Angehörigen ist heftig. Diese Warten auf die nächste Katastrophe....


Unsere Tochter war über Weihnachten bei uns. Wir haben uns gefreut, aber es war auch schwer. Sie räumt ein, dass sie möglicherweise einen psychotischen Schub hatte im Sommer 2011, sieht aber keine Veranlssung, zum Arzt zu gehen. "Beim nächsten Schub", sagt sie und wir verhungern vor Sorge.

Es ist schwer mit dieser Krankheit.

Allen hier im Forum viel Kraft, Glück und Zuversicht, irgendwie...

Liebe Grüße

Miriam
 
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