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Abgeschoben in eine nasse Einrichtung
Papandreo
zu erst möchte ich mich mal vorstellen. Mein Name ist Martin und ich leide unter einer Doppeldiagnose (Schizophrenie und Sucht). Zur Zeit wohne ich im "Das Fünfte Rad e.V." in Berlin Köpenick. Da ich gerne schreibe habe ich mich entschieden, hier mitzumachen.

Endstation Haus Langhans?
Betrachtungen von Martin Hagel, einen ehemaligen Bewohner

Gibt es Menschen, die weiter trinken wollen, obwohl sie sehr darunter leiden? Die Antwort ist leider „ja“ - es gibt Häuser (Wohnheime) wo dies möglich ist. Der Sozial Psychiatrische Dienst ist froh, dass es solche „nassen“ Einrichtungen gibt. Weil, wo sollen die Menschen hin, wenn sie nicht aufhören (wollen) zum Trinken? Sie würden auf der Straße landen. Es ist schwer, dort einen Platz zu bekommen. Genauso schwer ist es, dort wieder auszuziehen. Wer einmal das Stigma des nie wieder verbesserlichen Trinkers hat, der wird in dieses Haus vermittelt.

Ich war oft in der Psychiatire zur Entgiftung und wegen "Stimmen hören".

Das Haus Langhans ist ein Heim für „nicht abstinenzfähigen Alkoholikern“. Es gibt dort Vollversorgung, also Frühstück, Mittagessen und Abendessen. Die Bewohner bekommen ein sogenanntes Taschengeld, meistens nicht mehr als 80€ pro Monat. Das Geld geht für Alkohol drauf. Als Rahmen gibt es eine Werkstatt und ein Computerkabinett. Es werden auch Tiere gehalten und jeder der Einwohner hat einen sogenannten Job – wie zum Beispiel die Tiere zu versorgen. Das alles geht neben den Trinken. Fünf Flaschen Bier sind geduldet – im Haus, aber die wenigsten halten sich an diese Grenze. Als ich damals einzog, war es jedenfalls so, dass ich deutlich mehr trank als fünf Bier. Es waren meistens drei Liter Wein. Ich wusste, dass ich irgendwann aufhören musste. Ich war davon überzeugt, dass ich auch ohne Alkohol leben kann. Es war mein festes Ziel, da wieder auszuziehen und in eine trockene Einrichtung zu ziehen. Das passte meinen Betreuern und besonders meinem gesetzlichen Betreuer, gar nicht. Zu erst war das ja auch kein Thema. Die Entgiftungen, die ich anleierte waren sinnlos – weil ich ja trotzdem weiter trank. Ich hatte auch lange Zeit keine Perspektive.

Eine wichtige Erfahrung war, dass die Menschen dort im Haus Langhans sehr einfältig sind. Ich war während meiner Trinkphase nicht anders. Jeden Tag zu Kaisers und die blöden Tetrapacks Wein zu kaufen. Gewissermaßen war es unverantwortlich, dass ich da voller Entzugserscheinungen zum einkaufen gegangen bin. Es ist nicht meine Art, so stumpfsinnig in den Tag hinein zu leben. Der Alkohol deckte das jedoch ab. Des weiteren merkte ich gar nicht, das ich betrunken war. Ich brauchte den Stoff um meinen Pegel zu halten. Also, trank ich gegen den Entzug, der mich dann aber nachts einholte. Haut-kribbeln, düstere Stimmung, Angst, Schlaflosigkeit, Zittern, Schwitzen und Unruhe waren meine Entzugserscheinungen. Ich zitterte so stark, dass ich nicht einmal am Morgen für mein Taschengeld unterschreiben konnte. Die Sozialarbeiter schimpften dann mit mir – ich solle mir den Alkohol besser einteilen. Aber das ging überhaupt nicht.

Oft saß ich auch bei den Leuten im Haus und trank mit ihnen. Manchmal ging auch eine Flasche Schnaps um die Runde. Die Gespräche waren nicht gerade sehr intellektuell – es ging meistens um Alkohol. Eine andere Sache noch störte mich sehr. Zweimal in der Woche wurde selber gekocht. Wenn es nach den Einwohnern ginge, dann wäre das jeden Tag Eisbein mit Sauerkraut und Kartoffeln gewesen. Reis war als „Schlitzaugenfutter“ verpönt und Nudeln genauso. Ich kochte da des öfteren – mediterrane Küche – und dass passte den meisten nicht. So war es immer ein Kampf, meine Rezepte durch die Hausversammlung zu bringen.

Dann kam der November und ich wollte an Weihnachten nach Hause zu meinen Eltern fahren. Das motivierte mich, eine Entgiftung im Sankt Hedwigs – Krankenhaus zu machen. Meine Betreuer sagten mir, dass das ja eh nichts bringt und ich weiter trinken würde. Ich wollte ihnen das Gegenteil zeigen und das habe ich dann auch geschafft. Zur Entgiftung schickte man mich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hin – obwohl ich sehr klapprig und eigentlich gar nicht verkehrsgerecht war. In der ersten Woche des Entzugs ging es mir sehr schlecht. Meine Bauspeicheldrüse war sehr angegriffen. Es war höchste Zeit, zur Entgiftung zu gehen. Es gab viele Gespräche mit der Psychologin. Wir entwarfen eine Strategie, wie ich im Haus Langhans trocken leben konnte. Das ging nur durch Abschottung. Zuerst machte ich aber eine Minitherapie im Sankt Hedwigs Krankenhaus. Während des Krankenhausaufenthalts ging ich zu Narcotics Anonymous – einer Selbsthilfegruppe für Süchtige. Von dort holte ich mir die Motivation, nüchtern zu leben. In der Minitherapie lernten wir, wie die Sucht entstand, was so die Symptome sind, wie man mit einen Vorfall (Rückfall) umgehen sollte und schließlich entwarfen wir einen Notfallplan. Die Entgiftung ging gerade mal so lange, bis ich mit dem Bus nach Lindau fahren konnte – zu meinen Eltern am Bodensee.

Die Zeit bei meinen Eltern trank ich nicht. Ich wollte mir meinen Plan, aus dem Haus Langhans auszuziehen nicht vermasseln. Dort erholte ich mich im „Hotel Mama“. An Silvester kam ich dann zurück nach Berlin. Ich feierte auf einer Narcotics Anonymous Convention Silvester. Es gab ein riesiges Buffet und Gruppen. Spät abends kam ich dann zurück.

Ab dann änderte sich mein Leben im Haus Langhans. Ich musste täglich pusten und zum Erstaunen der Betreuer blieb ich nüchtern. Ich konnte mir wieder ein Sozialticket leisten. Außerdem meinen Lieblingstabak. Oft hatte ich während meiner „nassen“ Phase kein Tabak mehr. Ich war oft in der Stadt unterwegs. Meistens in der Bücherei, weil dort Ruhe herrschte und mir die Umgebung dort sehr gefiel. Es gab zwei Helfer-Konferenzen. Es wurde beschlossen, dass ich mich um eine nüchterne Wohngemeinschaft umsehen konnte. Ich wusste auch genau, wo ich hin wollte. Die Bürgerhilfe war mein Ziel. Das klappte dann auch.

Dennoch war es eine schlimme Phase, in der ich trocken in dem Haus Langhans wohnte. Jeden Morgen beim Frühstück die Fahne der anderen zu riechen. Der Verführung absagen und eben nicht viel mit den anderen über Alkohol reden. Vielleicht war es auch einfach ein gutes Gefühl, ohne Alkohol „normal“ zu sein – während die anderen trinken mussten. Auf jedem Fall hatte ich wieder eine Perspektive. Schließlich zog ich in die Bürgerhilfe um. Doch das ist eine andere Geschichte.
 
Andreas
Hallo Martin,

erst einmal möchte ich dich hier auf dem Portal Willkommen heißen.

Deine Geschichte liest sich für mich positiv verlaufend. Ich finde es sehr gut und auch für andere motivierend, dass du den Absprung aus dem betreuten Wohnheim für nasse Alkoholiker geschafft hast.

Hut ab dafür.

Viele Grüße
Andreas
Wir Menschen werden geboren um Fehler zu machen.
 
Web
Kybele
Hallo und Willkommen Martin,

ich finde es großartig, dass du diesen Schritt geschafft hast und trotz des Umfelds trocken geblieben ist. Ich wünsch dir die Kraft und die Lebensfreude, dass es auch so bleibt Smile Danke für deine Geschichte!

@Doc: Ich hoffe, du schaffst es weiterhin trocken zu bleiben. 10 Wochen sind für mich schon eine tolle Leistung und wenn du merkst, dass es dir ohne Alkohol nun auch besser geht und das Leben wieder schöner ist, dann hälst du hoffentlich auch weiterhin durch. Ich wünsch dir alles Gute!
 
blacky
Hallo Martin,

Deine Geschichte ist sehr berührend. Ich habe großen Respekt für Deine Entscheidung trocken zu bleiben.

Ich wünsche Dir viel Kraft Deinen Weg fortzusetzen!

Liebe Grüße!
 
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