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Obdachlos und psychisch krank
mia
Mein Mann und ich sind total verzweifelt. Sein Sohn ist 36 Jahre alt undlebt seit 2-3 Jahren auf der Straße. Er hat zu niemanden Kontakt und er bittet niemanden um Hilfe. Ganz selten wendet er sich an die Obdachlosenhilfe um mal zu duschen oder seine Kleider zu waschen. Er lehnt den Kontakt zu seiner Familie ab, hat keine Freunde oder Beziehungen. Mein Mann hat sich anfangs ernorm bemüht seinem Sohn zu helfen. Er hat sich an die Polizei gewendet, weil sein Sohn durch Schwarzfahren und Pöbeleien in der Fußgängerzone auffällig geworden ist. Er bettelt und bekommt manchmal regelrechte Ausraster gegen Personen, die aber garnicht da sind. Er hört Stimmen und ist mit Menschen mental in Verbindung. Das hat er uns schon vor einigen Jahren selbst gesagt, als wir ihn mal ansprachen, warum er immer vor sich hin murmelt und lacht. Darauf meinte er, er spräche mit einer Freundin, die ihm gerade was lustiges erzählt.
Na ja, die gesamte Geschichte ist eine lange und hat ihre Entwicklung, aber das kann ich jetzt nicht alles schildern, das wäre zu lang.
Auf jeden Fall, hat ein Mitarbeiter der Obdachlosenhilfe zu meinem Mann gemeint, sein Sohn könnte unter einer schizophrenen Drogenpsychose leiden. Er hatte auch früher Drogen wie Haschisch, Pilze u.a. konsumiert. Von einem halbjährigen Indienaufenthalt kam er auch total neben der Spur zurück. Da war es ganz schlimm mit den Stimmen, er nickt auch immer mit dem Kopf vor sich hin, besonders wenn er gestresst ist.
Versuche mit ihm über seine Situation zu reden, werden total negiert ( er sagt, er hat alles im Griff und so zu leben, wäre seine Entscheidung. Er hätte eben einen anderen Lebensstil als andere.) Aber seit er auf der Straße lebt wird es schlimm: er ist schmutzig, abgehungert und ist bis vor ein Tagen ohne Schuhe rumgelaufen. Er besitzt anscheinend im Moment nichts außer einem Schlafsack.
Anfangs dachten wir lange, o.k. er ist ein Individualist, nicht jeder muss mit dem Strom schwimmen, anders sein hat auch seine Berechtigung. Aber jetzt glauben wir eher an eine psyschiches Problem.
Und wir können nichts tun!! Mein Mann hat schon mit der Polizei, dem psychosozialem Dienst und der Obdachlosenhilfe gesprochen. Wenn sein Sohn das nicht möchte, kann man ihm nicht helfen. Man könnte niemanden zu seinem Glück zwingen und gegen seinen Willen einweisen oder therapieren. Aber der Sohn sagt, der Staat (und wir) sind die Verrückten und nicht er. Er fühlt sich auch ständig beobachtet und ausspioniert.
Wohin soll das führen. Jetzt kommt wieder der Winter. Ich poste das hier, weil mein Mann zu entmutigt, traurig ist und keinen Rat mehr weiß. Wohin können wir uns wenden?
 
Kybele
Erst einmal, willkommen im Forum Mia!

Leider kommt mir (auch Angehörige) das, was du berichtest nur allzu bekannt vor. Du bist nicht die erste hier, die dieses Problem durchlebt und leider kenn ich auch die Problematik, wenn auch in günstigerer Konstellation.

Leider ist es so, wie ihr schon gemerkt habt. IHR könnt nur in zwei Fällen etwas unternehmen

a) Wenn die Gefahr besteht, dass euer Sohn sich selbst etwas antut,
Cool Wenn die Gefahr besteht, dass euer Sohn jemand anderem etwas antut.

Dann ist eine Zwangseinweisung möglich, aber auch die ist keine Garantie dafür, dass sich etwas ändert. Denn es ist nicht verboten krank zu sein, sich nicht behandeln zu lassen oder auf der Straße zu leben.

Es ist für uns Angehörige immer ein Schlag, so hilflos zu sein. Vielleicht könntet ihr noch wegen des zunehmend verwahrlosenden Zustandes eures Sohnes mit dem Amtsarzt sprechen, ob das evtl. eine Selbstgefährdung darstellt, aber dieser Weg ist bei den meisten Amtsärzten eine Sackgasse.
Ansonsten ist leider die Regel, dass der Betroffene selbst um Hilfe ersuchen muss, damit sie ihm zuteil wird. Und bei fehlender Krankheitseinsicht ist das ein sehr, sehr, sehr schwieriger Prozess.
Sollte euer Sohn dazu auch noch Drogen nehmen, ist die Wahrscheinlichkeit für Psychosen und der meist damit verbundenen Paranoia noch höher.

Ich würde an eurer Stelle einfach versuchen das Vertrauensverhältnis zu eurem Sohn zu festigen, wenn das möglich ist (er klingt leider sehr angespannt und unvertrauensvoll). Bring ihm vielleicht einen Tee oder Kaffee, sag ihm, du bist für ihn da, wenn er Hilfe braucht. Gib ihm nen Zettel mit eurer Nummer, er kann euch gerne anrufen, wenn er sich unwohl fühlt oder Probleme hat.
Frag ihn, ob du ihm mit irgendwas einen kleinen gefallen tun kannst, ob er ne Decke braucht oder ein belegtes Brötchen möchte?

Vielleicht gelingt es euch in vielen, vielen kleinen Schritten den richtigen Weg zu eurem Sohn zu finden und dann auch irgendwann einmal ihn wieder auf einen sicheren Weg zu bugsieren.

Ich wünsch euch viel Erfolg!
lg Kybele
 
Reni
Liebe Mia!
Ich habe auch irgendwann in Dresden im großen Garten mit einem Schlafsack im strömenden Regen gelegen und dann meinen Urlaub sausen lassen um dann nach einem Jahr mein 1. Kind zu bekommen. Manchmal sind die Menschen einfch nur auf der Suche nach der Wahrheit. Willkommen im Forum Reni
 
mia
Liebe Kybele,

herzlichen Dank für deine Infos, auch wenn sie einem nicht gerade Mut machen, dass man was an der Situation ändern könnte. Eigentlich decken sie sich auch mit den Informationen, die man uns von Behördenstelle oder Sozialarbeitern schon gegeben hat.
Es handelt sich übrigens nicht um meinen Sohn, sondern den Sohn meines Mannes aus erster Ehe. Nach der Scheidung blieb der damals 12jährige Junge bei seiner alkohol- und medikamentenabhängigen Mutter.
Nach ein paar Jahren nahm mein Mann seinen Sohn zu sich, da die Lage bei seiner Mutter nicht mehr tragbar war. Er hat wirklich versucht dem Jungen ein liebevoller und aufmerksamer Vater zu sein, es waren die Anfänge der Beziehung zwischen meinem Mann und mir, ich habe das selbst erlebt.
Die ersten Probleme gab es mit einem Schulabbruch, der aber dann mit c.a. 16 Jahren mit Beginn einer Ausbildung aufgefangen wurde. Es folgten Fehlzeiten, Blaumachen in der Berufsschule, Stress mit der ersten festen Freundin, vermehrter Konsum von Drogen. Unseres Wissen nach kein Alkohol, sondern meistens Haschisch ,Pilze u.a. Wohnungen wurden gewechselt, Miete, Strom nicht bezahlt, dann natürlich Ärger mit Vermietern und Banken. Kontakt zu seinem Vater bestand in der Zeit schon, am Anfang regelmässig, dann mit großen Lücken. Natürlich gab es auch unter den beiden Stress. Mein Mann half ihm immer wieder aus der Patsche, d.h. er unterstützte ihn finanziell, wenn's nicht mehr ging. Auf der anderen Seite versuchte er natürlich mit seinem Sohn über seine Probleme ins Gespräch zu kommen, da ja klar war, dass immer nur den Geldbeutel zu öffnen auf Dauer keine Lösung sein konnte. Irgendwie gings da los: Ausreden, Ausflüchte und Erklärungen wurden immer absurder und man muss auch sagen phantasievoller. Anfangs glaubten wir ihm noch, doch dann kamen uns immer mehr Zweifel, ob diese Geschichten stimmen konnten.
Danach folgte ein mehrmonatiger Aufenthalt in Indien, von dem er zurückkehrte und anfing Stimmen zu hören, sich total zurückzog und das nicht nur von uns. Die WG, in der er wohnte löste sich auf, er wohnte alleine und bezog Harz4. Ab und zu zufällig trafen wir ihn in der Stadt. Meistens versuchte er uns zu ignorieren und wollte an uns vorbeigehen. Aber wir sprachen ihn direkt an und er ging dann auch fast immer mit uns einen Kaffee trinken. Er kam manchmal auch sporadisch zu uns zu Besuch. Es waren seltsame Besuche. Er kam unerwartet oft spät am Abend, duschte, setzte sich mit uns zum Abendessen zusammen und aß wie ausgehungert mit mächtigem Appetit. Er war sehr einsilbig, es gab keinen "small talk". Er war wie in einer anderen Welt, nickte immer mit dem Kopf, lachte und murmelte vor sich hin und führte Selbstgespräche. Dann kochte er Kaffee (er raucht viele Zigaretten und hat einen enormen Kaffeekonsum) und blieb dann fast die ganze Nacht wach. Oft ging erst um 4Uhr das Licht aus. Gespräche mit uns: nur das wichtigste. Wollte sein Vater mit ihm über seine existenziellen Sorgen sprechen und fing an die vermeintlichen Lügengeschichten in Frage zu stellen, schlug alles in Aggression um. Er wurde laut, stellte die Loyalität seines Vaters in Frage und nach dem letztem großen Zoff haute er ab und eine lange Pause des Kontakt trat ein.
Ja, und dann sah ihn mein Mann in der Stadt beim Betteln auf der Straße sitzend. Er bot ihm einen Kaffee an und sie gingen etwas trinken. Sein Sohn sagte, er käme mit der Situation schon klar, alles kein Problem. Aber es war Januar, da bettelt doch keiner gerne in der Kälte, mein Mann sah ihn immer öfter, sprach ihn auch oft an und lud ihn zum Essen ein. Irgenwann war klar, dass er auf der Straße lebt.
Seither ist einige Zeit vergangen, er ist auch mal in eine Nachbarstadt gewechselt, da haben wir hn auch getroffen. Psychisch und körperlich hat sich alles verschlechtert. Manchmal sitzt er nur da auf seinem Schlafsack und stiert und murmelt vor sich hin. Manchmal hat er regelrechte Ausraster und schimpft laut vor sich hin, tritt irgendwo vor Wut dran. Macht aber nie Passanten an. Mit seinem Vater redet er nichts mehr. Seine Großmutter hatte mal mit ihm gesprochen (gibt es mittlerweile auch keinen Kontakt mehr, die Großeltern haben, vor allen Dingen der Großvater Mordsprobleme damit, dass er auf der Straße lebt):
also, zur Oma meinte er, dass sich praktisch alle gegen ihn verschworen und gegen ihn gestellt haben.
Er kann keine Hilfe annehmen, wenn auch nur die kleinste Auflage damit verknüpft ist. So wie z.B. Behördentermine einzuhalten, 1 Eurojobs durchzustehen, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit kann er nicht meistern. Einmal haben wir versucht, mit ihm darüber zu reden, dass er vielleicht ein psyschiches Problem hat und ob er da nicht Unterstützung haben wollte. Er ist ausgerastet, meinte wir wollten ihn mit seiner kranken Mutter wohl auf eine Stufe stellen.
Die letzten Male, als mein Mann ihn traf, hat sein Sohn ihn nicht mehr angeschaut, als er mit ihm sprach. Er hat trotzdem zu ihm gesagt, er kann bei uns vorbeikommen, für ihn steht immer eine Tür offen. Mein Mann hat keinen Zugang zu ihm.
Was ich nicht verstehe: in unserem Staat wird einem Frühchen geholfen und wenn es noch so klein ist, Sterbehilfe ist verboten und wenn einer noch so leidet aber jemand der sich seiner Erkrankung wahrscheinlich nicht mal bewußt ist, denn läßt man weitermachen und abdriften und wir wissen nicht wohin. Da er sich nicht wie andere Obdachlose (oder nur in der alleräußersten Not) an entsprechende Stellen wendet, fällt er niemanden auf und lebt wirklich nur von dem was er erbettelt und auf der Haut hat. Er gibt keine Diagnose, was mit ihm los ist. Niemals würde er zum sozialpsychiatrischen Dienst gehen.
Ich kann gut gut verstehen, dass mein Mann mit seinem Latein am Ende ist. Er sieht ihn jetzt wieder öfter und eigentlich will er zu ihm hingehen und mit ihm sprechen, aber ihm fehlt die Kraft dazu. Er lässt es bleiben und kann sich dabei nicht mehr in die Augen blicken.
Ich weiss uns sind zum Großteil die Hände gebunden, aber Danke, dass ich das mal loswerden durfte und ihr euch darauf gemeldet habt.
Bearbeitet von mia am 25.09.2012 13:11
 
Kybele
Hei Mia,

ich verstehe gut, wie dein Mann sich fühlt! Falls ihr das noch nicht macht, sucht euch unbedingt eine Selbsthilfegruppe für Angehörige psychisch Kranker bzw. Schizophrener. Es ist so wichtig darüber sprechen zu können, was einen belastet und das mit jemandem, der einen auch versteht.

Wichtig ist für euch zu verstehen, dass das, was ihr als Lügengeschichten anseht, für ihn keine sind. Mein Bruder glaubt die Mafia wäre hinter unserer Familie her, er glaubt Paramilitärs klettern durchs Dörfchen und die CSU gibt massenhaft Auftragsmorde in Auftrag, über sowas wie Ebay-Mordseiten.

Wir versuchen ihm einerseits glauben zu schenken, damit er weiß, wir sind hier und vertrauen ihm, ihn aber auch auf die Fehler in seiner Logik hinzuweisen, damit er vielleicht auch selbst einmal einen Weg hinaus aus diesen Wahnvorstellungen findet. Leider erfolglos, er erkennt nicht, dass er krank ist.
Die Hilfe wäre damals wohl noch drin gewesen, als er nicht mündig war. Aber spätestens mit dem 18 Lebensjahr ist da nichts mehr mit "Zwangshilfe". Für die Kranken ist das sehr schwierig. Sie erkennen meist nicht, dass sie krank sind. Sie stecken in ihrer Realität fest und wenn man versucht diese auf den Kopf zu stellen, erfolgt leider oft Rückzug oder Aggression.

Der wichtigste Punkt meiner Meinung nach, ist der Versuch zu ihm durchzudringen. Nur dann schafft ihr es vielleicht, ihn so weit zu bringen, dass er eine Therapie beginnt, sein Leben nicht mehr auf der Straße fristet.

Leider kenn ich diese Konzentrationsprobleme von meinem Bruder auch nur zu gut. Er will gern, schafft es aber nicht so richtig, fühlt sich dann unter Druck gesetzt und mit Druck wird die Symptomatik wieder schlimmer. Dagegen kann man mit Therapie angehen, aber es ist wie bei allem, erst einmal muss man den betreffenden zur Therapie bewegen und es braucht eine Krankheitseinsicht + Diagnose dafür. Dazu kommen oft die Probleme mit negativsymptomatiken: Bewegungsunlust, Lethargie, Niedergeschlagenheit, depressive Verstimmungen, die das Leben zusätzlich belasten.

Leider ist auch die Drogensymptomatik sehr sehr häufig vertreten. Mein Bruder hat Haschisch konsumiert, was noch alles, das steht in den Sternen und ich hab es auch an anderen Stellen schon gehört, dass wohl ein Zusammenhang dazwischen besteht. Leider erkennt man diese Auswirkungen meist erst dann, wenn es schlimmer wird und für einen selbst nicht mehr greifbar ist. Mein Bruder war immer ein wenig anders, hatte halt seine Schwächen. Meine Eltern wußten das, haben ihn deswegen noch mehr unterstützt. Wenn es doch nicht klappte, dann kam er Heim und erzählte irgendwas merkwürdiges.
Erst dachten sie es wären Depressionen.
Erst später sind sie wirklich darauf gekommen, dass er wohl paranoide Schizophrenie hat (meine Mutter glaubt es bis heute nicht und sie wäre wohl die einzige, die ihm helfen könnte).
Wichtig ist, ihr dürft euch keine Vorwürfe machen, das bringt euch nicht weiter. Versucht es immer mal wieder mit ihm in Kontakt zu treten. Psychotische Schübe treten immer wieder auf, aber dazwischen gibt es manchmal auch klarere Momente in denen einem die Stimmen etwas Ruhe lassen, ich wünsch euch, dass ihr dabei Glück habt.
Dein Mann muss verstehen, dass euer Sohn das nicht seinetwegen macht. Er belügt ihn vermutlich nicht mit Absicht, er hat einfach ein Problem. Und das Problem ist es, über das dein Mann sich ärgern sollte, aber er sollte sich nicht schämen deswegen. Keiner Sucht es sich aus, dass sein Kind krank wird, keiner wünscht es sich.

Ich wünsche euch beiden viel Kraft und Ausdauer. Vielleicht findet sich für deinen Mann und seinen Sohn doch noch der richtige Weg, ich wünsche es euch.
 
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