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Hallo zusammen von einer Angehörigen
Kybele
Hallo,

ich bin Angehörige und hoffe hier, einiges über psychische Krankheiten und dem Umgang mit diesen zu erfahren.
Ich weiß nicht, ob es hier reinpasst, aber der Grund meiner Registrierung ist mein jüngerer Bruder. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er ernstere psychische Probleme hat. Leider hatten wir noch nie den besten Kontakt und seitdem ich vor 10 Jahren ausgezogen und recht weit fortgezogen bin, ist dieser nicht besser geworden.

Ufff, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, es ist so vieles zu erklären und es sind noch mehr Fragen die ich habe.

Mein Bruder war schon immer sehr jähzornig, da das bei uns in der Familie eine häufig vorkommende Untugend ist, hat sich aber wohl niemand in den ersten Jahren etwas dabei gedacht. Als er aber aus der Schule raus und mit dem Studium anfangen sollte. hat das nicht geklappt. Meine Mutter meinte, er habe Depressionen bekommen, vom allein sein. Mein vater hat damals schon eine Therapie angeregt. Da mein Bruder aber in einer geschlossenen Abteilung der Psychatrie vor Jahren seinen Zivi abgelegt hat, meidet er seitdem jede Form von Therapeuten wie die Pest.
Er hat dann zweimal das Studium geschmissen und sich daraufhin für eine Ausbildung im elterlichen Betrieb entschieden.
Diese hat er auch gut absolviert. Aber während dieser Zeit bekam ich immer öfter merkwürdige Geschichten zu hören und ich merkte deutlich, dass mein Bruder sich auch telefonisch von mir zurückzog. Nach langen Gesprächen, hab ich meinen Mann gebeten, dass wir in meine Heimat zurückziehen, damit ich näher bei meiner Familie sein kann.
Leider ist meiner Mutter vor 2 Jahren gesundheitlich schwer erkrankt. Mein Vater konnte seinen 1-Mann-Betrieb (bzw 2 Mann) nicht mehr gewinnbringend führen. Mein Bruder sollte sich daraufhin mit erfolgreich abgeschlossener Ausbildung was neues Suchen. Aber es klappte nicht so wirklich. Er wollte nicht von Zuhause ausziehen (er ist mittlerweile 25 Jahre alt) und reagiert auch auf der Arbeit bzw. zuhause immer wieder mit unangemessenem Verhalten und mangelnder Arbeitsmoral bzw. auch daheim Unterstützung.

Meine Mutter ist mittlerweile wegen einem immer noch nicht näher definierten krebsleiden im Krankenhaus. Das ganze zieht sich bereits einen guten Monat. Mein Vater verbringt jede freie Minute bei ihr oder pflegt sie zuhause. In dieser Zeit hat mein Bruder nun zum dritten Mal in 2 Jahren seinen Beruf geschmissen, dem ihm mein Vater bei einem ehemaligen Kollegen vermittelt hatte.
Mein Vater ist im Moment am Ende seiner Kräfte. Ich denke deswegen hat er sich einfach mal den Frust von der Seele gesprochen.
Mein Bruder hat anscheinend Wahnvorstellungen? Verfolgungswahn?
Er hatte mir gegenüber bei einem der Besuche geäußert, sein Chef sei ein Saddist (ich kenne den Herrn persönlich, und war bei dieser Äußerung damals schon befremdet. Er ist ein gemäßigter älterer Herr, der eigentlich jeden eher väterlich behandelt). Außerdem sagte er, er würde seine angestellten quälen.... Aber da er kurz darauf auch schon wieder verschwunden war, war es schwer/unmöglich auf dieses Thema weiter einzugehen.
Nun hatte er gegenüber meinem Vater geäußert, er würde von besagtem Chef abgehört werden. Außerdem würde dieser versuchen, seine Leute mit Säure zu besprühen (er würde immer wieder in seinen Pausen sehen, wie Tropfen von der Decke fallen und dann auf dem Boden dampfend verpuffen). Wäre mein Vater nicht ein toternster Mann und stocknüchtern gewesen, als er mir das erzählt hat, ich hätte geschworen, er wolle mich veräppeln.

Am letzten Arbeitstag meines Bruders, hat ihn mein Vater geweckt, weil er drohte zu verschlafen. Wutentbrannt schlug er seine Hand auf das Eindringen meines Vaters hin gegen die Wand... die Fingerknöchel platzten alle auf.
Nachdem er sich angezogen hatte, kam er daraufhin in die Küche gepoltert, riss die Besteckschublade auf und nahm das Küchen Messer, mit den Worten "Heute ist er dran die Sau, heute erledige ich den (Name des Chefs)".
Mein Vater hatte Angst und hat viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, damit er es zurück legt!
Ich kann das nicht fassen!
Mein Bruder ist also zu seinem letzten Arbeitstag gegangen. Kurz nach Mittag, bekam mein Vater dann einen Anruf vom Chef, der mehr als verstört war. Mein Bruder muss vollkommen ausgerastet sein. Er habe ihn wild beschimpft, beleidigt und ihm die absurdesten Dinge vorgeworfen. Mein Vater ist dann reingefahren, hat mit dem Chef und nach Feierabend auch mit dem ehemaligen Kollegen meines Bruders gesprochen (ohne Wissen des Chefs). Der bestätigte, er wisse nicht, was mit diesem los sei. Der Chef sei spitze, hetze niemanden, mache einem auch bei Anfängerfehlern keine Vorwürfe und er habe seit vielen Jahren keinen so guten Job oder vorgesetzten gehabt.

Ich muss ehrlich zugeben, ich hab im Moment einfach nur noch Angst. Ich kann nicht die ganze Zeit auf meinen Bruder aufpassen (nicht, dass er mich das lassen würde!). Mein Vater hat einfach nicht mehr die Zeit nach ihm zu sehen und meine Mutter, die eigentlich immer ein Auge auf ihn hatte.... sagen wirs mal so, wenn sie halbwegs heil wieder entlassen wird, dann dank ich Gott dafür.
Ich kann nicht glauben, dass er wirklich jemandem etwas antun wollte. Aber allein, dass er diese Idee ja doch sehr stürmisch angehen wollte, jagt mir eisige Schauer über den Rücken. Ich will nicht irgendwann irgendwo lesen, dass mein Bruder in einem Anfall von Wahnvorstellungen jemand umgebracht hat.

Nach dieser Eskalation hat sich mein Vater natürlich nochmal hingesetzt und versucht mit ihm zu sprechen. Aber bei der Erwähnung er habe ein Problem oder er brauche Hilfe, tickt mein Bruder nur total aus, schreit und stürmt davon. Aber was kann man tun, wenn er sich so vehement der Hilfe verweigert?
Ich hab hier und da gelesen, aber ich bin mir immer noch nicht sicher, was eigentlich sein Problem ist. Wie man ihm helfen kann? Ob wir ihm überhaupt helfen können?

Es wäre schön, wenn ihr mir einige Antworten, Tips oder Hinweise geben könntet, wie ich oder eher wir mit dieser Situation umgehen sollen.

Danke schonmal im Vorraus.
Kybele
p.S.: Entschuldigt die vielen Rechtschreib- und Grammatikfehler. Ich bin einfach zu aufgewühlt im Moment.
 
Andreas
Hallo Kybele,

wegen Rechtschreib oder Grammatikfehler musst du dich nicht entschuldigen. Wink

Was du schreibst ist in der Tat besorgniserregend. Das dein Bruder wahrscheinlich psychisch erkrankt ist sieht man an seinen Halluzinationen. Ob es eine paranoid halluzinatorische Schizophrenie ist muss ein Arzt klären.

Was wohl schwierig ist, ist die Tatsache, dass dein Bruder als Pfleger in einer Psychiatrie arbeitete und er verständlicher Weise dort nicht mehr hin möchte.
Meinen Psychiatrie-Aufenthalt erlebte ich als "Höllen-Ritt".
Was aber seine Ängste gegen Therapeuten und ambulant tätige Psychiater angeht, so ist seine Skepsis unbegründet.

Wiederum die Tatsache, dass dein Bruder zu einem Messer griff und damit zur Arbeit und auf seinen Chef losgehen wollte könnte schon ausreichen um deinen Bruder durch einen gerichtlichen Beschluss in eine Klinik einweisen zu lassen. Denn dadurch hat er gezeigt, dass er eine Gefahr für andere darstellt.
Auf der anderen Seite wiederum gab es kürzlich einen Gerichtsbeschluss, wonach es keine Zwangseinweisungen mehr geben darf, was auch im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention ist, die Deutschland ratifizierte.

An Eurer Stelle würde ich mich bei einem niedergelassenen Psychiater, dem Sozialpsychiatrischen Dienst oder in einem nahegelegenen Krankenhaus beraten lassen.
Eine weitere Anlaufstelle ist auch der Angehörigenverband psychisch Kranker (ApK). Die Seite des Bundesverbandes bietet Verlinkungen zu den Kontaktmöglichkeiten der einzelnen Landesverbände. Der Link zum Bundesverband lautet: http://www.psychi...

Viele Grüße und viel Erfolg
Andreas
Wir Menschen werden geboren um Fehler zu machen.
 
Web
Kybele
Hallo Andreas,

die Lage ist schwierig, ich danke dir für deine Antwort und deinen Link, ich werd ihn mir gleich mal durchlesen. Ich weiß nicht, ob mein Vater gegen meinen Bruder "aussagen" würde, damit dieser in psychatrische Behandlung kommt. Leider ist seine Abneigung gegen Therapeuten umfassend, sonst wäre er wohl schonmal bei einer ambulanten Therapie gewesen.
Gibt es denn irgendetwas, womit wir Angehörige bzw. wohl im großen und ganzen mein Vater ihn unterstützen können? Bessert sich sein Zustand vielleicht nun, mit etwas Ruhe, wieder von selbst ein wenig, ich mach mir Sorgen wegen dieser Halluzinationen.
Meine Eltern sind leider in ihren Reaktionen etwas zurückhaltend. Sie scheuen das "Aufsehen" was in ihrem kleinen Ort vielleicht stattfinden könnte, wenn davon was an die Luft kommt. Ich denke aber, dass dieser Umstand egal ist und wir lieber bei Zeiten Hilfe bekommen, als im Nachhinein sagen zu müssen, wie leid es uns tut.
Wenn es sonst noch Tips und Ratschläge zum Thema gibt, würd ich mich freuen sie zu hören.

Herzliche Grüße
Kybele
 
Anuja
Liebe Kybele,

erst einmal tut es mir sehr leid, dass deine Familie gerade so viele Schicksalsschläge verkraften muss. Manchmal kommt im Leben wirklich alles zusammen und man weiß gar nicht, warum das so sein muss und nicht ein Päckchen schon reichen würde. Eine meiner engsten Freundinnen ist an Krebs erkrankt, ich war gerade im Zug auf dem Weg zu ihr ins Krankenhaus um sie ein Wochenende lang zu unterstützen, als ich selbst in die Situation kam, dass jemand in meiner Familie an einer Psychose erkrankt ist. Ich habe mich an dem Wochenende sehr hin- und hergerissen gefühlt. Ich wollte allen helfen und beistehen und konnte mich aber nicht zweiteilen. Das ist wirklich nicht einfach.

ich befinde mich seit ein paar Wochen in einer ähnlichen Situation wie du. Mein Bruder hat seit vermutlich ein paar Monaten Wahnvorstellungen, hört Stimmen und erhält Auftrage, bzw. auch Drohungen davon. Wie du, bin ich momentan auch dabei mir erst einmal einen Überblick zu verschaffen und mich über Psychosen zu erkundigen. Deshalb ist mein Wissen momentan auch noch rar, aber es tut gut ein paar Meinungen zu hören, deshalb versuche ich es einmal.

Zuerst einmal war bei uns auch die Frage, was es mit dieser Zwangseinweisung auf sich hat. Eine Hausärztin, die meinen Bruder nach dem ersten größeren Schub untersucht hat, hat meiner Mutter damals eine Einweisung mit Krankentransport ausgeschrieben, die für 4 Tage gültig war. Wir haben davon keinen Gebrauch gemacht, weil er sich bei uns Zuhause erst einmal beruhigt hatte. Mein Bruder wehrt sich wie deiner auch komplett gegen eine ärztliche Behandlung. Er hat Angst im Krankenhaus festgehalten zu werden, weil er denkt er wüsste Staatsgeheimnisse, weshalb in der Staat wegsperren wollen würde. Er denkt auch, dass die Ärzte eh keine Ahnung haben und er sich selbst viel besser auskennt. Trotzdem glaubt er nicht an eine Erkrankung, er findet ganz ominöse Gründe für seine Erlebnisse.

Ich kann deinen Vater verstehen, wenn er vorsichtig mit einer Zwangseinweisung ist. Als ich nach meinem Krankenbesuch weiter nach Hause gefahren bin, habe ich selbst verspürt immer mehr in diese Verantwortung gezogen zu werden. Anfangs dachte ich "Mensch, da kann man jetzt keine Rücksicht nehmen, der muss sofort ins Krankenhaus, egal wie!". Als wir dann mit einer Psychiaterin gesprochen haben, hat diese im Gespräch festgestellt, dass meine Mutter, durch ihre familiäre Position momentan zu befangen ist, um solche Entscheidungen zu treffen. Sie hat mich dann direkt angesprochen und gesagt im Notfall müsse ich diese Entscheidung treffen. In dem Moment ist mein Herz für ein paar Sekunden stehen geblieben und mein ganzer Körper hat sich schlagartig verkrampft. Als diese Worte so direkt auf mich fielen, habe ich erst gemerkt, was das für eine große Verantwortung ist und mir darüber Gedanken gemacht, welche Konsequenzen das mit sich bringt. Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn's hart auf hart kommt und ich nur noch so meinen Bruder schützen kann, dann würde ich (denke ich zumindest) gegen seinen Willen entscheiden. Aber vorher ist diese Entscheidung einfach nicht für mich möglich. Wenn ich mir vorstelle, wie sie ihn in das Krankenhaus bringen, gegen seinen Willen und ihn dort festhalten, mein Herz zerspringt. Ich möchte ihn auf keinen Fall so leiden sehen müssen. Seit dieser Situation kann ich meine Mutter und die Last, die sie auf ihren Schultern trägt viel besser verstehen. Trotzdem ist dieser Druck nach wie vor da und wir müssen uns damit auseinander setzen.

Nun ist mein Bruder nicht gewalttätig geworden, er hat sich auch gegen rechtswidrige Handlungen bisher gewehrt, weil er momentan noch realisiert, dass ihn das in große Schwierigkeiten bringen kann. Statt dessen hat er in seiner akuten Psychose nicht versucht den bösen Nachbarn, die auch in der Sache verstrickt waren, zu schaden, sondern seinen Hausmitbewohner vor ihnen zu schützen (was diesem sicherlich sehr merkwürdig vorkam). Ich muss auch sagen, dass mein Bruder zwar auch oft schwierig und auch aufbrausend ist und er auch mal sehr laut werden kann. Aber man erkennt schon, dass er irgendwo noch eine Grenze hat und deshalb zwar beschuldigt, aber nicht ausfallend wird. Er hat sich schon immer vor den Schulschlägereien gedrückt und geht Konflikten eher aus dem Weg.

Dass dein Bruder ein Messer, also eine Waffe in die Hand genommen hat, zeugt davon, dass seine Grenzen viel weiter weg liegen. Wenn du schon immer beobachtet hast, dass er jähzornig ist und er zu Aggressivität neigt, dann ist seine Hemmschwelle schon von vornherein nicht angemessen hoch. Dadurch ist die Situation denke ich schon etwas "klarer". Nun war dein Vater anwesend und konnte ihm eine Gewalttat ausreden, aber tatsächlich kann man deinen Bruder nicht immer im Auge behalten und vor allem nicht die Verantwortung für seine Taten übernehmen. In meiner persönlichen Meinung geht dieser Vorfall zu weit. Was die Rechtslage dazu sagt weiß ich aber leider nicht genau.

Was ich auf jeden Fall tun würde an Eurer Stelle (das versuchen wir auch gerade), ist Euch auf sämtliche Ernstfälle einzustellen. Erkundigt euch genau, ab wann eine Zwangseinweisung stattfinden kann und ab wann Euch Ärzte dazu auch ausdrücklich raten. Bedenkt, dass im Falle einer Einweisung ein Betreuer für deinen Bruder eingesetzt werden könnte. Erkundigt Euch, welche Aufgaben der dann genau übernimmt. Soweit ich weiß kümmert sich so ein Betreuer gegebenenfalls vor allem auch um die Finanzen deines Bruders. Seid darauf vorbereitet. Meine Mutter hat sich mittlerweile über ihre Anwältin eine Betreuerin gesucht und angefragt, ob sie die Betreuung gegebenenfalls übernehmen würde, damit das nicht ein komplett fremder Mensch tut. Das ist zwar letztendlich nicht sichergestellt, aber wenn man dem Gericht einen Betreuer vorschlägt, könnte es vielleicht darauf eingehen, wenn es im Sinne aller Beteiligten ist.

Ihr habt die Möglichkeit zu Eurem örtlichen psychiatrischen Notdienst zu gehen. Den kannst du einfach mal googeln. Dort werdet ihr beraten wie ihr mit deinem Bruder umgehen müsst und notfalls kann dieser soweit ich weiß auch Hausbesuche abstatten. Unser psychiatrischer Notdienst arbeitet völlig unabhängig von Ärzten und Kliniken. Dort findet man eher Sozialpädagogen. Sollte dein Bruder wieder solche Ausbrüche haben, kann jemand von denen mit ihm reden. Ich glaube die wissen auch ganz genau, was sie zu ihm sagen müssen, um ihn an seinem "Ort" abzuholen. Notfalls muss man ihn damit "überraschen". Es ist zumindest nicht gleich die harte Tour und er kann meines Wissens von denen auch nicht eingewiesen werden. Legt Euch die Telefonnummer davon neben Euer Telefon, damit ihr sie immer griffbereit habt und nicht erst danach suchen müsst. In Panik kriegt man wirklich nichts anständiges mehr auf die Reihe, also erledigt solche Dinge bevor der Ernstfall eintritt.

Wir sind damals auch gleich in die nächste Psychiatrie gefahren. Wir konnten dort mit dem diensthabenden Arzt sprechen. Das ist allerdings nicht der Regelfall, normalerweise geht dort ohne Einweisung/Termin gar nichts. Wir haben wohl zu verzweifelt gewirkt... Er hat sich tatsächlich eine halbe Stunde Zeit genommen mit uns zu reden und uns zu beraten. Zudem konnten wir uns einen kleinen Einblick der Klinik verschaffen. Ich muss sagen, ich bin dort reingegangen und sofort wieder rückwärts raus. Ich war so schockiert und habe mir meinen Bruder dort drinnen überhaupt nicht vorstellen können. Mir sind die Tränen in die Augen geschossen und plötzlich ist mir der Ernst der Lage richtig klar geworden. Das war auf jeden Fall eine Art Schocktherapie, dennoch war es wichtig für uns, um zu wissen was im Ernstfall auf uns und meinen Bruder zukommen könnte.

Es gibt überall auch Selbsthilfegruppen. Dort könnt ihr hingehen und mit anderen Angehörigen, manchmal auch mit Betroffenen sprechen. Meine Mutter hat dort vor allem erfahren was auf sie zukommen könnte. Sie meinte die Menschen dort waren genauso wie sie und sie konnte gut mit ihnen reden. Sie wird dort nun regelmäßig hingehen. Ich werde in den nächsten Tagen auch so eine Gruppe aufsuchen.

Versucht herauszufinden, ob dein Bruder Drogen nimmt. Sollte das der Fall sein, wird ihm das noch mehr schaden. Gegebenenfalls geht zu einer Drogenberatung (das könnt ihr auch ohne ihn tun). Dort wird euch gesagt, wie ihr mit der Situation umgehen müsst.

Ich habe gelesen, dass nach "Positivsymthomen" (Wahnvorstellungen, Stimmen, quasi alles was sich zu der realen Welt hinzuaddiert) auch "Negativsymthome" (Depressionen, Gefühlslosigkeit, etc.) einstellen können. Ich denke in dem Punkt ist es sehr wichtig deinen Bruder zu beobachten, wie er sich nun verhält. Denn damit sollte man ihn so gut es geht nicht alleine lassen.

Mein Bruder hat sich in den letzten Jahren auch immer weiter von mir entfernt, in den letzten Monaten fiel es uns sehr schwer harmonisch miteinander umzugehen und wir sind auch manchmal schwer aneinander geraten. Deshalb fiel es mir sehr schwer zu ihm zu fahren, ich wusste damals nicht, wie er auf mich reagieren würde und habe mir schon vorsorglich einen Notfallübernachtungsplatz gesucht. Als ich dann ankam hat er mich überraschend in den Arm genommen und sich letztendlich doch gefreut, dass ich gekommen bin und mir gleich alles erzählt. Zwischendurch wurde die Situation wieder schlechter, weil er dachte, ich könnte auch etwas mit der Sache zu tun haben. Das hat mir wirklich sehr weh getan, dass er vor mir Angst bekommen hat. Ich wusste nicht mehr, ob ich mich noch weiterhin "einmischen" soll und ob ich mich bei ihm melden kann. Vor ca. einer Woche habe ich ihn aus Sorge spontan angerufen, ich war überrascht wie positiv er darüber reagiert hat. Er hat mich sofort zurückgerufen, als er meinen Anruf gesehen hat. Ich habe ihm angeboten, dass er mich jederzeit anrufen kann, wenn etwas ist, er hat zumindest gesagt, dass er das Angebot annehmen will. Ich versuche mich nun öfter bei ihm zu melden und nachzufragen, denn sas Gespräch hat auch mir sehr gut getan, obwohl ich so viel Angst davor hatte. Ich denke, dass jeder realer Kontakt von deinem Bruder momentan sehr wichtig ist. Wenn dein Bruder ausfallend wird, oder dir Vorwürfe macht, versuch es nicht an dich rankommen zu lassen, auch wenn es schwer fällt. Vermutlich passiert das gerade aus Angst und Unsicherheit. Schluck es trotzdem nicht runter, egal ob krank oder gesund, er hat keinen Freifahrtschein und man sollte ihn auf seine Grenzen (in Ruhe) hinweisen. Versuch trotzdem nicht mit ihm zu streiten oder größere Diskussionen anzufangen, das führt zu nichts. Wenn ich merke, dass es zu eskalieren droht, wechsle ich das Thema. Auch wenn es schwierig erscheint, versuch angemessen den Kontakt zu ihm zu halten. Erwarte nicht zu viel von ihm, vielleicht wird er dir nicht immer dankbar dafür sein, aber er braucht euch gerade, auch wenn er es selbst nicht zugeben mag.

Und zu guter Letzt (aber bitte nicht in der Reihenfolge gesehen): Ihr seid gerade in einer sehr belastenden Situation. Allein schon wegen der Krankheit deiner Mutter sollte sich dein Vater professionelle Hilfe suchen. Nun, da dieser Fall mit deinem Bruder eingetreten ist umso mehr. Und wenn es eben nur eine Selbsthilfegruppe ist, es ist sehr wichtig, dass ihr Euch Unterstützung von außen holt. Versucht Euch selbst in der Situation nicht zu vergessen. Mir hilft es gerade sehr mich zu erkundigen und meine Eltern so gut es geht zu unterstützen und viel Gespräche mit ihnen zu führen, aber vergiss nicht, dass du eine eigene Familie hast, für die du auch Verantwortung trägst. Es hilft niemanden, wenn du selbst nun krank wirst vor Sorge. Du bist genau so wichtig wie dein Bruder. Ich habe in den ersten Tagen einmal bei der Telefonseelsorge angerufen. Freunde sind wichtig und können auch helfen, aber manchmal ist es wichtig mit einem Fremden zu sprechen. Das war eine sehr gute Erfahrung. Die Frau hat mir zugehört, mir Tipps gegeben und am Ende auch nach meinem Befinden gefragt, was mich mit dem Druck, der sich zu dieser Zeit in mir aufgebaut hat zum weinen gebracht hat. Das war zum ersten Mal, dass ich meine Traurigkeit rauslassen konnte ohne Angst haben zu müssen jemanden damit zu sehr zu belasten. Dort kann man immer anrufen, egal welches Problem man hat, man wird immer ernstgenommen. Und es trägt dazu bei die Sache selbst verarbeiten zu beginnen.

Ich wünsche Euch alles Liebe und viel Kraft für die ganze Familie!
 
Kybele
Hallo Anuja,

danke für deine Antwort und deine Tipps.

Meine Mum hatte sich Samstag Abend noch gemeldet, sie wollte uns alle gestern gern in der Klinik sehen. Leider hat sich ihr Zustand vorgestern Nacht massiv verschlechtert. Und die Ärzte haben sie in ein künstliches Koma gelegt um sie künstlich beatmen zu können.
Ich gebe zu, es war ein tiefer Schock sie so zu sehen und im Moment bin ich irgendwie mit allem überfordert.
Deswegen versuch ich nun einfach mal Stückchenweise zu Antworten, in der Hoffnung, ich übersehe nichts.

Eine Zwangseinweisung ist mir auch zuwider, solang die Situation es noch zuläßt. Ich denke, damit würden erstmal all seine Ängste bestätigt und auch noch das letzte bißchen Vertrauen, was er in meinen Vater hat, zerstört. Ich hatte gestern kurz die Möglichkeit nach dem Besuch bei meiner Mutter mit meinem Bruder zu sprechen. Er sieht kein Problem, er denkt es ist alles okay und wurde sehr aufbrausend, als ich meinte, dass seine Geschichten von der Arbeit uns Sorgen bereiten und momentan auch sein Lebensstil.
Mein Vater ist sehr erschöpft, er arbeitet, verbringt jede freie Minute bei meiner Mutte und wenn er heim kommt, ist nichts getan. Mein Bruder begleitet ihn nicht zu meiner Mum bzw. war gestern das erste Mal und da war es schon zu spät. Er wäscht keine Wäsche, er kauft nix ein, er verprasst sein ganzes Geld (er ist jetzt bereits pleite für den Monat). Mein Vater schafft diese Doppelbelastung nicht, aber mein Bruder reagiert nur patzig, wenn er ihn darauf anspricht.
Mein Bruder sieht kein Problem. Ich hab ihn auch darauf angesprochen und er meinte, er wolle sich im Haushalt mehr engagieren. Aber ich glaub es nicht.

Im Augenblick denke ich, dass es besser wäre, einen externen gesetzlichen betreuer zu haben. Mein Bruder läßt sich von uns nicht helfen, bei uns hat er weniger Hemmungen scheint mir. Aber bei anderen reist er sich meist eher noch zusammen. Einen psychatrischen Notdienst gibt es bei uns im Bundesland Bayern leider nur in München, aber ich hab über den Link von Andreas einige Nummern gefunden, die ich heute einmal anrufen werde und für meinen Vater auch eine Selbsthilfegruppe.
An Drogen hatte ich auch schon gedacht, aber leider, ist es uns unmöglich, nachzuvollziehen, was er tut, sobald er das Haus verläßt (und das tut er die meiste Zeit). Oder auch was er im Haus tut, da seine Tür immer verschlossen ist. Ich hab leider eh nicht die Möglichkeit regelmäßig bei meiner Familie vorbeizuschauen.
Nachdem wir nach Deutschland zurückgekommen waren, hatte ich leider einen schweren Verkehrsunfall (der abbiegende Laster hatte mich im toten Winkel nicht gesehen und auch nicht geblinkt). Ich hatte mehrere schwere Brüche und seitdem ist Autofahren eine einzige Qual. Mein Mann fährt mich immer, aber irgendwann muss ich auf ihn auch ein wenig Rücksicht nehmen und es sind nunmal 2h eine Strecke. Ich bekomm daher alle Infos immer über die zweite Hand meines Vaters, wenn dieser mal wieder nichtmehr die Kraft hat, alles aus den letzten Tagen allein zu tragen. Vorbeikommen könnte ich sicher mal, aber da er noch zuhause wohnt, bin ich dann eben da und er ist weg. Das Verhalten kenn ich schon. Auf Anrufe reagiert er nicht, wenn ihn meine Eltern doch mal überreden konnten, war es "Ja, nein, ist okay, ich muss nu weg...". Ich komm einfach gar nicht an ihn ran, mein Paps erreicht ihn auch nicht. Er scheint gar ned zu verstehen, was er uns hier antut, er versteht es einfach gar nicht und ich kann es ihm nicht begreiflich machen.
Ihm gehts nun toll, er ist seinem saddistischen Chef entkommen, er kann nun wieder in Ruhe von vorne anfangen. Ja das mit Mutti ist schlimm, aber nur wenn er sie sieht, also sieht er sie einfach nicht...
*seufz*
Naja, mal schauen, um was ich nach heute Mittag schlauer bin Smile

Danke für deinen Beitrag und liebe Grüße
Kybele
 
Anuja
Liebe Kybele,

jetzt hab ich extra bis Abends gewartet dir zu antworten, weil ich nämlich heute in ein Trialog-Psychoseseminar gegangen bin und ich dachte ich könnte diese Erfahrung dann gleich mit dir teilen.

Aber erst mal zum sozialpsychiatrischen Dienst. Meine Familie kommt auch aus Bayern und dort gibt es wirklich überall so einen Dienst, man muss nur leider ein wenig danach suchen ... Ich weiß nicht wo du wohnst, aber gib das Wort mit dem Wohnort deines Bruders (oder der Kreisstadt oder dem nächstgrößeren Ort) bei Google ein und du wirst fündig werden. Meist wird das von der Caritas oder vom Diakonischen Werk angeboten. Du kannst dort Termine vereinbaren oder zur offenen Sprechstunde gehen um dich einfach mal zu informieren.

Ich habe auch einmal bei der Telefonseelsorge angerufen, die mich dann wiederum aufs "Atrium" (München) verwiesen hat. Dort konnten wir dann mit einem wirklich kompetenten und netten Mitarbeiter reden (telefonisch, obwohl wir auch nicht aus der Region kommen), der auch genau für unsere/Eure Situation vorbereitet ist und euch sagen kann, was nun zu tun ist, und was man lieber nicht überstürzen sollte. Das war ehrlich gesagt der erste Mensch, der mir persönlich den Druck aus der Situation genommen hat.

Zurück zum Trialog-Psychoseseminar. In diesen Seminaren treffen sich Angehörige, Betroffene und Menschen die in der Psychiatrie arbeiten. Jeder hat eine gleichberechtigte Stimme, es gibt keine Zensuren und auch keine "Zurechtweisungen". Jeder kommt der Reihe nach mit seinem Anliegen dran und darf auch erstmal aussprechen. Es gibt in dem Sinn keine Dialoge, entstehen sie doch einmal aus dem Eifer des Gefechts heraus, werden sie relativ schnell unterbunden. Das hat den Sinn, dass eben jeder einmal etwas sagen darf und die anderen so lange Zuhören sollen. Jeder soll für voll genommen werden und von seinen persönlichen Erfahrungen sprechen, von denen die anderen lernen können, oder zumindest neue Perspektiven erhalten sollen.

Ich habe mich in der Gruppe – trotz meiner anfänglichen "Aufregung" etwas falsch machen zu können – sofort wohl gefühlt. Das heutige Thema war "Angehörige und wie sie helfen können". Ganz erstaunt war ich, dass die beiden Moderatoren selbst gar keine Ärzte waren, sondern selbst Betroffene.

Als ich unseren Fall beschrieben habe muss ich ehrlich sagen, ich war eben so aufgeregt, ich wusste gar nicht, soll ich jetzt lachen oder weinen und alles ist so ein wenig über mich gefallen. Danach dachte ich, dass ich es jetzt total verbockt habe und völlig unkontrolliert erzählt habe und nun jeder denkt ich wäre total naiv und hätte lieber mal die Klappe halten sollen. Aber direkt danach war eine kleine Pause und es sind sofort ein paar Leute und auch einer der Moderatoren auf mich zu gekommen und haben mir zugeredet und gesagt, dass ich das toll gemacht habe und mein kleiner Vortrag für sie "herzerwärmend und erfrischend" war. Damit habe ich gar nicht gerechnet. Obwohl ich auch noch ein Stück jünger aussehe, als ich eh schon bin, haben mich alle für voll genommen und auch nach dem Seminar bin ich noch eine Stunde draussen gestanden und habe mich mit den anderen ausgetauscht.

Die Sichtweisen, die ich dort gehört habe waren total unterschiedlich, aber es hat wirklich gut getan auch einmal von Betroffenen zu hören, wie sie sich fühlen, wenn man als Familie helfen und dadurch auch irgendwie eingreifen will. Manche waren totale Klinikgegner, manche haben gesagt sie wollen gerne in dem Fall einer akuten Psychose von ihren Angehörigen ins Krankenhaus gebracht werden. Wiederum andere sehen ihre Psychose als sehr wichtig an. Als Metapher für etwas, dass sie anders nicht aus-/erleben können. Einer meinte sogar, die "Irren" Menschen wären für die Evolution wichtig, weil sie mit ihrer radikalen Sichtweise die Realität der anderen in Frage und auf den Kopf stellen und dadurch die Weltansichten und Einstellungen der "normalen" auf den Prüfstein gelegt werden und nur so Entwicklung entstehen kann.

Irgendwie hat mir der ganze Abend einen ganz neuen Einblick in die Krankheit gewährt und ich habe das Gefühl nun ein Stück weit offener geworden zu sein für die Erlebniswelt meines Bruders. Eine ganze Menge muss ich nun erst mal sitzen lassen. Aber ich kann das ganze auf jeden Fall sehr gut empfehlen, wenn man sich einmal mit "anderen" Menschen als seiner eigenen Familie auseinandersetzen möchte, die aber mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben. Man hat dort einfach nicht so viel Verantwortung, wie gegenüber seiner Familie. Man traut sich die Dinge, die man gegenüber seinem eigenen Bruder momentan noch nicht in Worte fassen kann, direkt auszusprechen und Fragen in den Raum zu stellen, ohne Angst haben zu müssen jemanden persönlich zu verletzen oder zu verunsichern.

Das es deiner Mama nun so schlecht geht tut mir sehr leid für Euch. Diese Situation ist wirklich schwer, man würde eigentlich auf die Unterstützung aller Familienmitglieder hoffen, auch auf die von deinem Bruder. Dass er euch das Leben momentan noch zusätzlich erschwert ist nicht angenehm und schwer zu verstehen. Als mein Papa vor 15 Jahren zum ersten mal schwer krank worden ist, hat mein Bruder damals gesagt "Irgendwann muss jeder sterben." Und damit schien der Fall für ihn erledigt gewesen zu sein. Ich musste mich damals ganz alleine als Teenager um meinen Papa kümmern und war sehr enttäuscht von meinem Bruder, dass er mir nicht helfen wollte und so wenig Interesse gezeigt hat, als wäre das eben alles gar nicht so schlimm und ich solle mich da mal nicht so reinsteigern.

Heute weiß ich, dass ihm diese ganze Geschichte viel näher ging, als ich es damals erahnt habe. Mein Bruder ist ein unheimlich guter Verdränger. Ich denke es liegt an seiner großen Empathie, dass er solche Gefühle von vornherein nicht zulassen möchte um sich vor "zu viel" zu schützen. Ich weiß, dass die Situation nicht einfach ist und das man auch eine Art Gerechtigkeit für die Situation allgemein erleben möchte, mit etwas mehr Anstand und Respekt sozusagen. Aber es kann sein, dass ihm das einfach zu viel ist. Er ist momentan durch seine Krankheit geschwächt und kann vielleicht einfach nicht mehr tragen. Du dagegen versuchst vermutlich umso stärker zu sein und seine Verantwortung gegenüber Euren Eltern mit zu tragen. Aber du bist auch nur ein Mensch und du bist vermutlich selbst traurig und wütend über diese Situation. Und auch zu recht! Es ist total unfair und keiner in Eurer Familie hat das alles verdient. Versuch dich nur nicht zu zerreissen, du musst schließlich auch selbst erst einmal damit klar kommen, dass es deiner Mama so schlecht geht und gerade alles so ungewiss ist.

Du kannst deinen Familienmitgliedern Hilfe anbieten, sie können dich anrufen und mit dir reden, sich vielleicht sogar aus der "gesunden Ferne" einen Rat holen. Aber du kannst niemandem hinterher laufen. Weder deinem Papa, der überfordert ist, noch deinem Bruder, der auf dich abweisend wirkt.

Kommuniziere beiden einfach, dass du jederzeit ein offenes Ohr für sie hast, dass sie sich aber auch um die Kommunikation bemühen müssen und du das nicht allein tun kannst. Dein Papa soll dich einfach anrufen, wenn ihm die Decke über dem Kopf zusammen fällt und sich nicht tagelang allein durch die Probleme kämpfen (meiner macht das auch so, obwohl ich ihm jedes Mal sage, dass er mich einfach anrufen soll, wenn die Sorgen zu groß werden) und deinem Bruder kannst du nur immer wieder mitteilen, dass er sich bei dir melden kann, wenn etwas ist. Mehr könntest du auch nicht tun, wenn du nebenan wohnen würdest.

Ich schreibe meinem Bruder momentan alle paar Tage eine SMS ohne Druck und ohne, dass er mich zurückrufen muss. Er soll sich nicht unter Druck gesetzt fühlen, denn wenn er nicht reden will, will er eben nicht – er ist erwachsen und muss das selbst entscheiden. Ich versuche auch nicht zu erwarten, dass etwas zurück kommt, was natürlich nicht immer leicht fällt. In den letzten Tagen mache ich die Erfahrung, je weniger ich von ihm erwarte, desto mehr kommt von ihm zurück. Das ist trotzdem nicht leicht und man muss viel schlucken, aber ich glaube es ist das einzige was man momentan wirklich tun kann. Da sein, wenn man gebraucht wird...

Ich wünsche mir, dass deine Mama bald wieder aufwachen darf, ihr sollt wieder gemeinsam Lachen dürfen.

Gute Nacht!
Anuja
 
Kybele
Hei Anuja,

danke für deine Antwort, ich hab sie schon früher gelesen, aber bis jetzt noch nicht die Kraft gehabt, dir zu antworten.
Leider hat sich bei meiner Mum bis jetzt keine Besserung gezeigt, nur die Diagnose ist nun da, Magenkrebs.

Dein Seminar klingt sehr interessant. Ich hab nun nach einigem Suchen eine Selbsthilfegruppe für Angehörige gefunden und auch eine Therapiemöglichkeit, in einer ambulanten Therapiestelle.

Mein Vater und ich haben uns dann ganz in Ruhe mit meinem Bruder zusammengesetzt und ihm gesagt, das gäbe es, ob das nichts für ihn wäre, er könnte mal ganz in Ruhe über seinen Frust reden und über seine Probleme und er müsse dafür noch nicht mal Termine ausmachen oder eine Überweisung vom Arzt mitbringen....Also alles ganz zwanglos und unproblematisch.

Das Ergebnis war leider weniger ... prickelnd. Mein Bruder ist total ausgeflippt. Er ist der sicheren Überzeugung auch diese Stelle hänge mit der geschlossenen Abteilung zusammen und eigentlich haben alle nur das Ziel ihn da reinzubringen. Er ist extrem laut geworden. Hat total unverständliches Zeug von sich gegeben, unter anderem, dass mein Vater schon Tod wäre, wenn es ihn nicht gäbe, weil mafiöse Strukturen meinen Paps verfolgen und zur Strecke bringen wollen und nur er das bis jetzt verhindert hat. Wir würden ihn nur ausnutzen. Wir hätten alle keine Ahnung und würden einfach nicht glauben wollen, dass er super allein Leben kann. Und noch vieles mehr, auch unsgegenüber total unverständliches. Er hatte irgendwelche Andeutungen gemacht, wollte die aber nicht weiter ausführen, wir würden es eh nicht glauben und wären dann nur in Gefahr.....
Dabei war er sehr laut und aggressiv.
Danach ist er in sein Zimmer verschwunden und mein Mann und ich haben angefangen zu putzen. Mein Vater war stink sauer, auch wenn er versucht hat ruhig zu bleiben und überlegt im Moment, ob er ihn nicht rauswerfen soll, weil von ihm wieder keine Teilnahme kam.

Ich hab mit mehreren Stellen telefoniert, Seelsorge, Angehörigenhilfe, 2 psychiatrische Hilfsdienste.... die Empfehlungen waren unterschiedlich. Die einen sagen, seine Schmerzgrenze sei wohl noch zu hoch, vielleicht sollte man ihn wirklich rauswerfen, man müsse auch an sich selbst denken. Über Erpressung/Belohnung um ihn zur Therapie zu bekommen, bis hin zur lappidaren Aussage, da könnten wir gar nichts machen, wenn er nicht selbst kommt, könnte man leider nur warten, bis wirklich etwas passiert. Die Drohungen und das Verhalten sind wohl in der heutigen Zeit nicht mehr beunruhigend genug um dadurch eine Zwangseinweisung zu fordern (auch wenn das das letzte ist, was wir wollen).
Aber ich hab ein nettes und unkompliziertes Angebot bekommen, leider müsste er auch dazu erst einmal persönlich vorstellig zu werden. Gerade bei so einer angespannten Situation würden sie nicht einfach einen Therapeuten rausschicken. Wenn er sich aber kooperativ zeigen würde, dann könnte man auch Hausbesuche vereinbaren und ihn bei einer Wohnungssuche und ähnlichem unterstützen.
ABER am allerwichtigsten ist ersteinmal, dass er von sich aus kommt, sonst würde es nichts bringen und jemand der komplett blockt, mit dem kann man auch nicht arbeiten.
Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.
Danke für deinen Typ mit dem Atrium, ich werd auch dort nochmal anrufen, vielleicht haben die noch einen Ratschlag parat, mit dem ich mehr anfangen kann oder auch nen Tip für uns, wie wir unser Verhalten anpassen können. damit wenigstens dieser Verfolgungswahn ein wenig nachläßt.
Übrigens denke ich, dass es meinem Bruder sehr an die Nieren geht, wie es meiner Mum geht. Um so mehr würd ich mir wünschen, er hätte jemand, mit dem er darüber sprechen könnte, anstatt seine Vogel-Strauß-Taktik weiter zu fahren.
Mein Vater würde sich leider NIE melden, das macht er nie, wir bieten ja immer wieder unsere Hilfe an, aber er schafft das allein, er macht es pö a pö.... naja so ist zumindest sein Plan, er ist dafür einfach zu Stolz und zu "traditionell".

Aber im Endeffekt hilft es einfach nichts. Ich weiß nicht, wie ich ihm wirklich helfen kann. Und alle Therapeuten sind gefährliche Schweine die alle unter einer Decke stecken und es auf ihn abgesehen haben.... ich weiß nicht, wie ich ihm zeigen kann, dass er ein Problem hat und Hilfe braucht.

Danke nochmal für deine Antwort und deine Tips!
Erschöpfte Grüße
Kybele
 
Kybele
hei Doc,

danke für den Buch- Tip.
Mein Bruder scheint im Moment keinen akuten Schub zu haben. Aber so zurückgezogen wie er augenblicklich lebt, ist das auch schwer zu beurteilen. Er spricht weder mit mir noch mit der restlichen Familie. Er vergräbt sich in seinem Zimmer und reagiert nicht auf Kontaktaufnahme bzw. wenn er reagiert mit Agressionen.

Dazu hab ich bemerkt, dass er für meine Verhältnisse mit 4-5 Flaschen pro Tag sehr viel Bier trinkt und ich hab die Sorge, dass es auch noch andere Dinge sein könnten, die er sich zu Gemüte führt.
Ich hoffe einfach, er findet den Weg zu uns zurück. Die Zeiten sind im Moment für uns alle schwer und vielleicht öffnet er sich eines Tages so, dass wir ihm helfen können. Leider ist meine Mum die Einzige, von der ich erwarten würde, dass sie irgendwas bei ihm erreicht, und sie ist nicht bereit seinen Zustand anzuerkennen und betüdelt ihn weiterhin, nach dem Prinzip, ihr kleiner Junge braucht halt mehr Zeit und ist was besonderes.

Was werden soll, wenn sie stirbt *kopfschüttel* ich mag es mir nicht ausmalen, wie es dann weitergehen soll.

Ich drück dir auf jedenfall weiterhin die Daumen. Danke für deine lieben Worte und die Hoffnung, dass ein Ende eines Tages in Sicht kommt.

lg Kybele
 
Kybele
doc_holiday schrieb:


Ein Gedanke von mir dazu ist, das es Jahre dauern kann bis dies einem auffällt. Wenn man dann merkt das die eigenen Gedanken einen leiden lassen und nicht die Umwelt besonders bösartig ist, kann man fast alles ändern. Wink



Hei du,

ich leide durchaus. Aber da es mit der schweren Krebserkrankung meiner Mutter und den dadurch ausgelösten finanziellen Problemen genug andere Sorgen zur Ablenkung gibt, kann man sich im "schlimmsten" Moment einfach einer anderen Stellen Wink

Aber ja, es gibt mir wirklich Hoffnung, dass Menschen es wieder rausschaffen aus diesem Teufelskreis und sehen, dass ihre Mitmenschen ihnen nicht schaden wollen.

Was mich noch interessieren würde, ist deine Anmerkung bezüglich deiner Mum. Was meinst du mit ausschließen? Sie nimmt dich nicht ernst? Oder sie geht nicht weiter darauf ein? Ich tu mich auch nach mehreren Telefonaten mit Profis schwer damit die richtige "Unterhaltugnsstrategie" zu fahren. Und ich denke, das ist ein wichtiger Punkt um jemanden zum sprechen zu animieren.

Liebe Grüße
Kybele
 
Kybele
Hei Holiday,

ufff, das klingt wirklich schwierig. Aber danke erst einmal für deinen Einblick. Ich hab ein wenig darüber nachgedacht und auch nochmal in der Selbsthilfegruppe darüber gesprochen.
Leider hab ich mit logischen Schlüssen bei meinem Bruder immer recht wenig Erfolg.
Als Beispiel: Er hortet gebrauchtes Geschirr bei sich im Zimmer.
was natürlich zu einigen Problemen führt.
a) Immer wenn man was braucht, ist es nicht da, weil es oben dreckig bei ihm im abgeschlossenen Zimmer steht
Cool Das Zeug braucht einen erhöhten Putzaufwand, weil es eingetrocknet ist
c) Der gebildete Schimmel ist eklig und ungesund.

Mein Bruder meint, es ist energetisch nicht sinnvoll 1 Teller hinunter zu tragen. Da es aus physikalischer Sicht sinnvoller ist alle Teller auf einmal zu tragen, das verbraucht weniger Energie.
Mein Gegenargument ist. Er geht ja eh runter, weil er sich was zu trinken oder zu essen hohlen will. Wenn er also gleich das Geschirr, was er mit hoch hat, runter bringt, fällt weniger Laufleistung an, als bei einem einzigen EXTRA Gang.

Aber dieses Argument wird wie alle anderen abgeblockt. Mit Vernunft komme ich nicht durch, ich nehme mal an, es ist wie bei dir angesprochen, er ist der "einzig eingeweihte", und ich hab somit keine Ahnung.
Versuch ich es aber wirklich logisch auszuführen (sprich mit einem Rechenbeispiel) dann blockt er ab, zieht sich zurück und ignoriert mich und andere.

Dazu kommt, die Situation ist im Moment eh schon massiv angespannt.
Mein Bruder hatte sich Geld von meinen Eltern geliehen, konnte es aber nicht rechtzeitig zurückzahlen. Mein Vater konnte deshalb die Gasrechnung nicht zahlen, also haben mein Mann und ichs getan.
Er hat meinen Wagen geschrottet (ich hatte ihm den geliehen, weil er eine neue weiter entfernte Arbeit gefunden hatte und nicht das Geld für ne Anzahlung besaß), ich bin sehr froh, dass ihm nichts passiert ist. Aber es ärgert mich maßlos, dass mein Vater mir das und einiges mehr (ich bin Nichtrauerin, im Wagen lagen überall Kippen) mitteilen muss und auch der ist, der sich (mal wieder) um alles gekümmert hat und das obwohl meine Mutter als Pflegefall daheim liegt und ihn bräuchte.
Ich kenn meinen Bruder schon so lang, ich liebe ihn, aber im Moment blutet er mich und meinen Mann aus.
Ich will mit ihm reden, denn so kanns nicht weiter gehen. Mein Paps ist pleite und mein Mann und ich versuchen schon händeringend das Geld für die kommende Beerdigung meiner Mum bereit zu halten. Aber so geht es natürlich gar nicht, wir buttern alle Naselang wieder neu für ihn mit rein und jede Gesprächsverabredung wird ignoriert, abgeblockt oder "vergessen".

*seufz* Vielleicht sollte ich einfach mal dich mit ihm Reden lassen Wink
 
Kybele
hei Meerstern,

danke für deine Nachricht.

Co-Abhängigkeit... ja die seh ich und in der bin ich sicher auch mit gefangen, auch wenn ich mich immer wieder selbst belüge und mir sage, es ist besser als bei deinen Eltern. Aber wie mir schon aufgezeigt wurde, ist es dann eben die Co-Abhängigkeit zu meinen Eltern, die es dann indirekt weiterlebt.

Es ist einfach so schwierig und frustrierend. Meine Großmutter hat meinem Bruder nun die Anzahlung fürs Auto spendiert, meine Eltern übernehmen Versicherung und Steuer. Ich hatte so gehofft, mein Bruder würde durch diesen Zwischenfall mal wieder richtig mit der Realität konfrontiert. Aber es wird ihm alles abgenommen. Er kann mit seinem Verhalten weiter machen.
Wie macht mans nur richtig?

Ich hab mich nun erstmal zurück gezogen. Ich kann es nicht mehr mit ansehen, wie meine Eltern sich selbst zu Grunde richten und dabei meinem Bruder auch keine Hilfe sind.

Ich hoffe für dich, das noch DIESES Leben wieder besser wird. Man sollte früher oder später glücklich sein. Sicher ist nicht alles eitel Sonnenschein. Aber ohne Glück in kleinen Dosen, gehst du bald ein wie eine Topfpflanze ohne Wasser. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schwer die Situation für dich sein muss. Ich hab wenigstens noch meinen Mann als Stütze. Aber allein ist das noch schwerer.

Ich telefonier immer wieder mal mit der Telefonseelsorge Smile Die sind sehr nett und es tut einfach manchaml gut sich alles von der Seele zu schimpfen Smile Vielleicht würde dir das auch helfen, wenn du nicht oft raus kannst!
 
Kybele
Hei Doc,

das ist sicher einer der Gründe, weswegen er sich so verhält, wie er es tut. Aber ich denke, dass hängt bei ihm auch an seiner stark gefilterten Realität. Er bekommt ja gar kein eigenes Leben/keine eigene Realität zu Gesicht, sondern nur das, was durch meine Eltern eingefärbt bei ihm ankommt.
Ich denke, da geht auch viel bei Verloren, wie eigene Erfolge, die einem das Leben versüßen und feste Beziehungen, die ihm Stabilität geben können Sad Aber die Situation ist im Moment eh sehr belastend, er lebt ja schließlich noch daheim und muss den Zerfall meiner Mum mit ansehen Sad Das ist sicher extrem belastend!
 
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