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Du bist ja gar nicht krank
loschungstrotz
Das ist der häufigste Satz, den meine Freunde von sich geben.

Meine Ärzte sind da anderer Meinung. Und ich auch, seit ich mich über die Symptome informiert habe, habe ich mich faktisch selbst wieder erkannt.

Ich bin fast 27 Jahre alt und lebe jetzt seit 11 Jahren mit der Schizophrenie.

Es gab eineinhalb Jahre, die besonders schlimm für mich waren, in der Zeit trat so ziemlich alles auf:

Ich hörte Stimmen. 3 um genau zu sein. Eine sagte mir, wie ich was machen soll. Die andere erteilte Befehle. Und die dritte lachte über mich.

Ich hatte extremen Verfolgungswahn. Das ging so weit, dass ich mich in meiner Wohnung nicht mehr sicher fühlte, und 1/2 Jahr im Auto "gelebt" habe.

Ich hatte optische Halluzinationen, die so weit gingen, dass ich vor lauter Angst (weil ich etwas auf der Straße gesehen habe) in die Kirche gerannt bin und dort mit dem Pfarrer gesprochen habe.

Ich wurde plötzlich extrem gläubig, dachte, ich hätte Eingebungen und so.

Ich dachte, die Leute könnten meine Gedanken hören. Das war wohl das zermürbenste.


Und noch viele weitere Dinge.

Lustiger Weise, klang diese Phase von selber ab (ohne Medikamente, ohne Therapeut oder sonst was).

Dann erlitt ich eine Psychose und landete in der Psychiatrie. Gleich drei einhalb Monate. Und ein weiterer Aufenthalt dort sollte nicht aus bleiben.

Nach jedem Aufenthalt war ich stabil. Mittlerweile bin ich überzeugt davon, dass ein sehr starker Auslöser bei mir zwischenmenschlicher Stress ist. Das ist auch der Grund, warum ich keine Partnerschaft mehr führe. Ich habe zwar Freunde und Bekannte,aber in der Partnerschaft will ich immer "alles recht machen" und werde dann schamlos ausgenutzt. Und da man nie jemanden alles recht machen kann, leide ich sehr stark.

Was mir geblieben ist, und vermutlich auch nicht mehr weg geht, ist, dass ich normale Dinge, die jemand sagt, in hundert Richtungen interpretieren muss, bis ich mich entscheide, was gemeint ist.
Meistens entscheide ich mich für das schlechteste (denn dann kann man nicht verletzt werden - denke ich immer). Wobei mir meine Mutter da sehr hilft, beim interpretieren, sie sagt dann immer: Das hat der jetzt nicht so gemeint, der wünscht dir nur gute Besserung (weil ich krank war und der Endsatz einer SMS an mich lautete: Alles gute. Ich interpretierte natürlich hinein, dass der Kontakt jetzt abgebrochen wird, so wie: "Alles gute, für dein restliches Leben"Wink.

Und der stark ausgeprägte Zählzwang. Ich kann teilweise Filmen, die ich schaue, nicht folgen, weil ich die Silben der gesprochenen Wörter zählen muss, oder die Buchstaben und dann aufrechnen auf 10, 20, 30 usw. Wobei ich schon bemerkt habe, dass sich dieser Zwang bessert, wenn mein Gehirn genug zu tun hat. Ich glaube manchmal, dass mir einfach langweilig ist.

Was mir selber nicht auffällt, aber meiner Familie, ist, dass ich in Stresssituationen oft beim Reden "springe". Also von einem Gedanken plötzlich zu einem ganz anderen komme. Sie können mir dann nur sehr schwer folgen.

Wenn ich meine Familie nicht hätte, käme ich sehr oft nicht zurecht.

Meinen Psychiater hat es verwundert, als ich ihm meine Hobbys aufzählte:

Schlagzeug spielen (früher in ner Band)
Tiere trainieren (Säugetiere)
Sport
Zeichnen
programmieren
Sprachen lernen
Psychologie (logisch Wink

Er fragte dann verwundert, warum ich nicht eines dieser Hobbys zum Beruf mache. Ich antwortete ihm, dass ich das bei 3 meiner Hobbys schon gemacht hätte, ich aber das Problem habe, dass es mir zu langweilig wird, sobald ich es kann (ich also nichts mehr dazu lernen kann, durch Seminare etc.)

Und als er meine Mutter nach ihrem IQ fragte, machte er natürlich bei mir auch einen Test. Und? Ja... 6 Pkt. unter meiner Mutter. Abnormal hoch, sagte er.

Aber: Was nützt einem der höchste IQ, wenn man trotzdem (oder deshalCool nicht mit anderen Menschen zurecht kommt?

Ich kann nur sagen, dass ich mittlerweile so gut eingestellt bin, dass die meisten Menschen über mich sagen: Du bist schwierig, aber du bist doch nicht krank.

Die Frage ist, ob ich das als Kompliment werte, oder als unverstanden sein.

Ich würde mich über Antworten freuen.
 
Andreas
Hallo,

die Sache mit der Interpretation von Worten ist bei mir ebenso vorhanden. Manchmal komme ich sehr gut klar, manchmal aber da reagiere ich dann sehr gereizt. Dies mag unter Umständen auch mit meiner jeweiligen Konstellation zusammenhängen.

Die Sache mit dem hohen IQ ist auch sowas für sich. Vielleicht hängt das mit der Interpretationsproblematik zusammen. Menschen mit einem hohen IQ neigen meiner Meinung nach oft zum grübeln. Aber genau darin ist das Problem versteckt. Wenn man anfängt zu grübeln, kommt man vom hundertstel ins tausendstel und verirrt sich dann im Gedankengang.
Da ist es manchmal besser gar nicht erst mit dem grübeln anzufangen. Nur ist es nicht immer leicht das Denken auszuschalten.

Was auch hilfreich sein kann im Fall einer paranoiden Schizophrenie ist sich ein Informationsdefizit zuzulegen. Dadurch kommt man nicht so schnell in die Lage über aktuelle Themen zu grübeln und man gönnt sich quasi eine "Input Auszeit".

So viel erst einmal von mir.

Lieber Gruß
Andreas
Wir Menschen werden geboren um Fehler zu machen.
 
Web
loschungstrotz
Danke erst mal für die Antwort.

Ich war noch nie in einem solchen Forum und finde es toll, denn in letzter Zeit habe ich schon das Bedürfnis, mich mit Leuten auszutauschen, denen es genauso oder ähnlich geht.

Das mit dem "ausschalten vom Grübeln" mache ich schon seit nunmehr 6 1/2 Jahren, durch Meditation und Selbsthypnose und ich bin auch generell gelassener Geworden. Irgendwann ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dass ich sehr viel Zeit mit Nachdenken verbringe (und wie du schreibst, vom hundertsten ins tausendste komme) und eigentlich noch nie eine Lösung gefunden habe.

In meiner Familie gibt es bis jetzt keinen bekannten Fall von "Geisteskrankheit". Aber mein Vater hat viele "relativ normale" Anzeichen, die darauf hindeuten könnten. Auch dieses vom 100. ins 1000. kommen beim Reden, extremst impulsiv (obwohl er der liebste Mensch ist), regt sich genau so schnell wieder ab, perfektionistisch, eigen in der Denkweise.

Aber eben alles noch im "normalen" Bereich.

Glaubst du, könnten das Anzeichen sein? Ich frage mich nämlich schon länger, wo her das bei mir kommt, denn mir wurde immer gesagt, dass es erblich bedingt ist.

Ich setze das Wort NORMAL immer in Anführungszeichen, denn NORMAL ist das, was der Großteil als normal empfindet. Heute ist es normal depressiv zu sein (weil der Großteil es so sieht), früher sagte man: Du bist faul.

Bei mir hat es übrigens mit 15 auch mit ner (1-jährigen) ganz schlimmen Depression begonnen.
Zuerst bin ich nicht mehr außer Haus gegangen und dann gar nicht mehr aus dem Bett, habe nur noch geschlafen, geweint und nicht verstanden, warum ich so niedergeschlagen bin. Viel gegrübelt, was es natürlich schlimmer gemacht hat. Und ich wurde auch oft als "faul" bezeichnet.

Meine Eltern haben natürlich nicht verstanden, warum ihr einstmals so ehrgeiziges, braves Kind auf einmal nichts mehr wissen will von der Schule, seinen Freunden (ja, ich hatte ein, zwei sehr gute Freundinnen) und seiner Zukunft.

Aber alles auf mich einreden hat auch nichts genützt.

Die Krönung war, dass ich mit 16 ausgezogen bin (als ich mich halbwegs gefangen hatte von der Depression), weil ich den ganzen sozialen, schulischen und elterlichen Druck nicht mehr aushielt. Wobei im Nachhinein betrachtet, ich mir den Druck selber gemacht habe und nicht mein Umfeld, die Schule und meine Eltern.

Liegt wohl daran, dass ich durch schulische (oder generell durch) Leistungen, mein Selbstwertgefühl deffiniert habe, und dann wollte man natürlich immer das Richtige machen im Freundeskreis (weil man ja viel erwachsener ist, als alle anderen) und vom Vater wollte ich immer Anerkennung.

Womit ich auch sehr große Probleme habe, sind die Psychotherapeuten. Ich will reden, aber es fällt schwer. Denn es ist unter Anderem schon vor gekommen, dass ich meinen Zählzwang erwähnt habe, und der Therapeut mich dann nach diesen und jenen Wörtern fragt und ja... einmal nicht aufpasst, mich anlacht und dazu sagt: Na sie können aber schnell rechnen. Kann man sich vorstellen, dass es nicht angenehm ist, wenn man das als sarkastisch auffasst, weil er dabei lacht.

Die habens nicht leicht bei mir. Aber ich weiß, dass ich Gesprächstherapie brauche, sonst kann ich vor lauter Alpträumen nicht schlafen.

UND GENAU DESHALB FINDE ICH DIESES FORUM EINE GUTE IDEE, ich schreibe etwas und prompt bekommt man was zurück geschrieben, von jemandem, dem es genauso geht. Eigentlich egoistisch von mir (sowas wünscht man keinem), aber ich fühle mich dadurch, dass es noch andere gibt, denen es so geht, besser.

Danke
 
Andreas
Hallo und guten Morgen,

die Sache mit der Vererbung ist so eine gewisse Sache. Die sollte man nicht so ganz wörtlich nehmen, denn was vererbbar ist, ist die Neigung zur Psychose. Was dann meistens noch als Auslöser hinzukommt ist zum einen eine hohe Sensibilität und ungünstig zusammenwirkende Umstände. Meistens ist es bei psychischen Störungen so, dass die Betroffenen im Jugendalter schlimme Sachen erlebt haben, dann kommt noch hinzu, dass das soziale Umfeld negativ wirken kann. Mit dem sozialen Umfeld meine ich Freunde, Familie oder Kollegen bzw. Mitschüler. Dann ist es ganz oft auch so, dass etwas, für einen selbst, sehr schlimmes passiert ist. Z.B. der Verlust eines nahestehenden Menschen. Dann lass nur noch Stress, beruflich, schulisch oder/und privat hinzukommen, dann hat man ziemlich mit dieser Situation zu kämpfen und dabei passiert es ganz leicht, dass man eine psychische Störung entwickelt.

Ich las mal eine Bemerkung: "Wenn der Druck hoch genug ist, geht jeder in die Knie". So in etwa kann man die Entstehung von psychischen Störungen verstehen.

Dein Bedürfnis nach Gesprächen kann ich auch sehr gut verstehen. Mir ging es nach Ausbruch meiner paranoiden Schizophrenie lange Zeit nicht wirklich gut. Bis ich dann nach Jahren eine kognitive Verhaltenstherapie begonnen hatte. Eine Besserung stellte sich nicht sofort ein, aber nach ca. einem Jahr ging es mir dann stetig besser. Der Grund dafür war, dass ich mir mal sehr ausführlich gedanken darüber gemacht habe, wie bei mir vielleicht die Schizophrenie entstanden sein kann. Dabei habe ich sehr Vieles erkannt, eigentlich viel zu viel, denn ich bin dabei auch vom hundertstel wieder ins tausendstel usw. gekommen. Nur mit dem Ergebnis bei mir, dass ich meine Universaltheorie entwickelte, mit meinem damaligen Therapeuten darüber sprach und er sehr erstaunt über das Ergebnis war. Er meinte damals zu mir, "Herr Liebke, sie haben einen Horizont der weit über dem der "Normalsterblichen" liegt". Ähnlich äußerte sich dann auch meine Ärztin über meine Theorie. Die Äußerungen dieser beiden Menschen gegenüber mir und meiner Theorie hatte mich ersteinmal in eine absolute Krise geführt, weil ich auf einmal nicht mehr wusste, was mit mir nicht stimmt, weil ich aufgrund der Äußerungen eben nicht in meine Familie passen würde.
Mein Therapeut fing damals auch noch an Vergleiche zu Albert Einstein herzustellen. Dies hat mir sehr gut geholfen, denn ich hatte mir überlegt, wie der Mann lebte und habe dann versucht mir ähnliche bedingungen zu schaffen. Das war dann der Zeitpunkt, wo ich anfing meine Umgebung für mich zu nutzen, in dem ich Spaziergänge an den Seen in meiner Umgebung machte. Dies hat mir unglaublich viel geholfen mit Stresssituationen klarzukommen und dadurch wurde ich auch immer stabiler. Das eine bedingt quasi das andere.

Wenn du Probleme mit einem Therapeuten hast, dann steht es dir frei, dir auch einen neuen, anderen therapeuten zu suchen. Es kommt sehr oft vor, dass die Chemie zwischen Therapeut und Patient nicht so ganz stimmt. Das ist aber sehr wichtig, für eine erfolgreiche Therapie. Wenn du die Möglichkeit hast andere Therapeuten zu kontaktieren oder dir zu suchen, dann würde ich an deiner Stelle dies versuchen.

Was aber auch hilfreich sein kann ist, Bemerkungen anderer nicht auf die Goldwaage zu legen, das ist auch ein Problem, das mich noch immer begleitet. Da kommt dann wieder die Interpretationsproblematik ins Spiel.
Normalerweise ist ja eher so, dass Menschen, die sich mit einem selbst befassen, nicht unbedingt etwas schlechtes vorhaben. In so fern kann man vielleicht auch mal über die eine oder andere dumme Bemerkung lachen. Mir hilft das schon sehr, wenn ich einfach mal über solche Bemerkungen lache, das hebt dann auch gleich wieder die Stimmung. Wink

Dass du dich wohlfühlst auf diesem Portal und speziell in diesem Forum, empfinde ich als großes Kompliment. Dafür danke ich dir sehr.

Lieber Gruß
Andreas
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