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Umgang mit schizophren erkranktem Freund?
NicoleHDL
Vor über einem Jahr hat ein Freund über das Internetforum twitter Kontakt zu mir hergestellt. Nach einiger Zeit des Schreibens wurde mir klar, dass er a) momentan in einer betreuten Wohngemeinschaft lebt, weil er nach seiner Entziehungskur nicht (mehr) alleine zurecht kommt und dass er Cool schizophren erkrankt ist.
Eine ganze Zeit lang habe ich diesen für mich merkwürdigen Kontakt über zwischenzeitlich verschiedene Internetforen akzeptiert, weil ich dachte, es sei ein Übergang bis zu seiner Entlassung der Psychatrie. In jüngster Zeit wurden seine Mitteilungen jedoch zunehmend verwirrter, so dass ich jetzt annehme, dass er keine zusätzliche Psychotherapie macht. Ich halte jedoch eine begleitende Therapie für unbedingt notwendig, da er immer wieder von Tod, Schuld, Strafe usw. schreibt.
Meine Frage an Euch ist daher, was kann ich tun, um ihn zu einer begleitenden Psychotherapie zu motivieren und von ihrem Nutzen zu überzeugen? Bitte beachtet, dass ich bisher nur schriftlichen Kontakt zu ihm habe.

Über Eure Antworten würde ich mich sehr freuen.
Bearbeitet von NicoleHDL am 24.09.2011 11:54
 
Andreas
Hallo Nicole,

da ihr bislang nur schriftlichen Kontakt zueinander habt wird es vielleicht schwierig ihn davon zu überzeugen.
Wenn er sich entsprechend äußert, dass er an etwas Schuld ist oder er bestraft werden soll oder dass ihm der Tod droht, dann denke ich eher, dass er im Moment keine Medikament einnimmt.
Vielleicht wäre es besser sich von ihm seine Sichtweisen etwas näher und ausführlicher beschreiben zu lassen und warum er von diesen Dingen ausgeht. Im Gegenzug dazu, könntest du ihm dann vielleicht deine Sicht der Dinge etwas näher bringen. Dabei solltest du aber unbedingt darauf achten, dass du die richtigen Worte wählst und dass sie nicht beleidigend auf ihn wirken könnten.
Schizophrene Menschen sind in dem Punkt sehr sensibel.

Lieber Gruß
Andreas
Wir Menschen werden geboren um Fehler zu machen.
 
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NicoleHDL
Hallo Thomas,

danke für Deine Antwort. Meine Meinung und Ansicht habe ich bereits oft dargestellt, wenn auch das Thema Schizophrenie für mich neu ist. Er nimmt diese Antworten auch zum Teil auf und entwickelt dazu seine eigenen. Einerseits scheint er sehr daran interessiert zu sein, sich weiter zu entwickeln und wieder unabhängig von der betreuten Wohnform zu werden. Auf der anderen Seite scheint er irgendwie Angst davor zu haben mich zu treffen. Vielleicht weil er meint, ich würde ihn gegen seinen Willen beeinflussen? Welche innere Haltung sollte denn ein 'Normalo' gegenüber einem schizophren erkrankten Menschen haben, damit eine zweiseitige Kommunikation möglich wird?

Herzlichen Gruß
Nicole
Bearbeitet von NicoleHDL am 29.09.2011 17:22
 
Andreas
hallo Nicole,

am besten ist es wirklich, wenn du sanft und vorsichtig versuchst ihm eine andere Sichtweise auf die Dinge, die ihn beschäftigen, zu vermitteln.

Versuche aber vorher seine Sichtweisen zu verstehen, dass ist sehr wichtig, wenn auch nicht immer leicht.

Die innere Haltung, die du ihm gegenüber einnehmen solltest, ist genau die Haltung, die du jedem gegenüber einnimmst, den du als Menschen magst. Vielleicht nur etwas verständnisvoller.

Viele Grüße
Andreas
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NicoleHDL
Hallo Andreas,

das mit dem sanften und verständnisvollen Vorgehen war eine ganze zeitlang auch meine Absicht. Da er jedoch immer wieder sehr rigide Ansichten sich selbst gegenüber hat, z.B. sich selbst für Fehler bestrafen, habe ich dieser Rigidität gegenüber eine deutlich abgrenzende Haltung eingenommen. Ich glaube, dass er sich immer wieder an der Grenze zu einer Psychose befindet, in der er sich selber gefährdet. Daher glaube ich auch, dass er einzige Weg ist ihm zu helfen, ihn dazu zu bewegen, sich auf psychotherapeutische Unterstützung einzulassen. So habe ich ihm auch kürzlich ganz klar gesagt, dass ich unsere (Schrift-)Freundschaft nur verantworten könnte, wenn ich weiß, dass er in therapeutischer Betreuung ist, die mehr ist als betreutes Wohnen. Was hälst Du von dieser Deutlichkeit?

Herzlichen Gruß
Nicole
 
Andreas
Hallo Nicole,

deutliche Worte können in manchen Fällen sehr hilfreich sein. Wenn du den Eindruck hast, dass er sich für das eine oder andere, woran er keine Schuld hat selbst bestraft, dann ist dies schon richtig. Auch dass du ihm klarmachst, dass du die Freundschaft nicht verantworten kannst, wenn er sich nicht in therapeutische Behandlung begibt, ist in Ordnung, nur den Schritt muss er von sich aus gehen, da kann ihn niemand zu zwingen. Vielleicht kannst aber auch versuchen, deinem Freund nahezulegen, dass er vielleicht Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe aufnehmen sollte. Denn dort kann er sehr offen über seine Probleme reden, ohne das seine Empfindungen bewertet werden.

Die Tatsache, dass du dich abgrenzt ist absolut richtig und auch wichtig für dich.

Lieber Gruß
Andreas
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NicoleHDL
Hallo Andreas,

danke für Deine Antwort, sie bestärkt mich in meinem Verhalten, das mir gleichzeitig sehr ungewöhnlich vorkommt, aber der Umgang mit einem psychisch kranken Menschen ist ja auch neu für mich. Das Problem für meinen Freund ist, glaube ich, dass er sich seine Erkrankung selbst nicht eingestehen kann/will sondern immer wieder versucht seine Umwelt, also auch mich davon zu überzeugen, dass seine Art zu denken etwas ganz Besonderes ist, wovon andere profitieren können. Dabei hat er anscheinend keine bzw. wenig Wahrnehmung für die Verwirrtheit seiner Aussagen. Auch glaube ich dass er sich manchmal bewusst unverständlich ausdrückt und auch das als Besonderheit betrachtet.
Wieso glaubst Du, dass ihm eine Selbsthilfegruppe helfen könnte? Ich sähe hier eher die Gefahr, dass hier (ohne gleichzeitige therapeutische Begleitung) eine 'Solidarisierung' von psychisch erkrankten Menschen stattfinden würde, die eine Verstärkung der Psychosen bewirken könnte.
Welche anderen hilfreichen erste Schritte in die Psychotherapie gibt es aus Deiner Sicht?

Herzlich
Nicole
 
Andreas
Hallo Nicole,

dass dein Freund sich bewusst unverständlich ausdrückt, denke ich eher nicht.
Wie ich schon schrieb, ist es oft nicht leicht den Gedankengängen eines Menschen mit psychischen Problemen zu folgen. Da ist es wichtig zu versuchen seinen Gedankengängen zu folgen und zu verstehen. Wenn dir etwas unverständlich vorkommt, dann frage ihn wie er das eine oder andere unverständliche meint oder was er damit sagen möchte.

Zu den Selbsthilfegruppen. Dort ist es so, dass er mit anderen Menschen mit psychischen Problemen, die ihre Probleme aber im Griff haben, zusammen kommt und er dort ganz offen über seine Probleme sprechen kann. Dort wird er Verständnis finden, da die anderen Teilnehmer ähnliche oder gar die selben Erfahrungen gemacht haben. Bei den Selbsthilfegruppen kann jeder von jedem lernen. Und wie schon gesagt, es wird dort das Gesagte nicht bewertet, vielmehr können ihm die Teilnehmer andere Sichtweisen auf die Dinge näher bringen und erläutern. Dort kann er sich auch Hinweise zur Psychotherapie geben lassen.

Psychosen sind auch Lernprozesse für die Betroffenen. Denn der beste Weg um etwas zu lernen sind Erfahrungen die man macht.
Du wirst deinen Freund wahrscheinlich zu nichts überreden können, das wäre auch der falsche Weg, vielmehr könntest du ihm den einen oder anderen Weg aufzeigen, oder ihm halt deine Sicht der Dinge näher bringen. Ob er etwas annimmt, bleibt allein ihm überlassen.

Aber, bei allem was du machst, nimm auch auf dich Rücksicht. Steigere dich nicht in seine Probleme hinein oder nimm irgendetwas zu persönlich. Wenn du merkst, dass du ihm nicht weiterhelfen kannst, dann akzeptiere dies.

Meiner Meinung nach gibt es nur drei Dinge die sich wirklich nachhaltig positiv auf den Verlauf einer Psychose auswirken. Das wäre in der Akutphase eine medikamentöse Behandlung, danach eine psychotherapeutische Behandlung in Verbindung mit dem Besuch einer Selbsthilfegruppe. Dies sind so ziemlich die drei wichtigsten Dinge die man beachten sollte, wenn sich der "Zustand" einer Psychose bessern sollte.

Alles andere liegt dann beim Betroffenen selbst.

Lieber Gruß
Andreas
Wir Menschen werden geboren um Fehler zu machen.
 
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NicoleHDL
Hallo Andreas,

Dein Rat bzgl. der Selbsthilfegruppen überzeugt mich, wenn es stimmt, dass sich dort Menschen befinden, die ihre psychischen Probleme bereits hinreichend erkannt und akzeptiert und Wege gefunden haben, sie 'in den Griff zu bekommen'. Wenn es jedoch Menschen sind, die ihr 'inneres Drama' noch als reale/einzige Wirklichkeit erleben, halte ich eben die Gefahr der gegenseitigen 'Ansteckung' für sehr hoch.
Wenn mein Freund z.B. Sätze wie 'jeder Mensch ist unverständlich wenn man selber besser Bescheid weiß, jeder Mensch ist verständlich,
wenn man schlechter Bescheid weiß' schreibt, was würdest Du ihm antworten, um ihn a) zu verstehen und Cool Deine eigene Sichtweise darzustellen.

Herzlichen Gruß
Nicole
 
Andreas
Hallo Nicole,

ich arbeite selber im Vorstand einer Berliner Selbsthilfeorganisation, und du kannst mir gern glauben, dass es im allgemeinen in Selbsthilfegruppen so ist, wie ich es beschrieben habe. Selbstverständlich sind dort auch Teilnehmer, denen es noch nicht so gut geht, aber das ist ja auch Sinn und zweck einer Selbsthilfegruppe. Denen Hilfe zu leisten und Wege aufzuzeigen, die noch nicht so stabil sind. In der Regel ist es meistens auch so, dass Selbsthilfegruppen von Therapeuten begleitet werden. Ich bin für unsere Selbsthilfegruppe der Organisation zuständig und in Berlin sind wir die einzige Gruppe, die keine therapeutische Begleitung hat. Ansonsten ist aber, wie schon geschildert, meistens ein Therapeut bei den Sitzungen dabei.

Was die Äußerungen deines Freundes angeht, kann ich ihm nur zustimmen. Allerdings mit der Einschränkung, dass nicht jeder Wissende mit Wissen geboren wurde. Wink

Um deinen Freund vielleicht mal ansatzweise zu erklären zu versuchen. Zur Aussage "Jeder Mensch ist unverständlich, wenn man selber besser Bescheid weiß". Damit kann gemeint sein, wenn man z.B. in der Mathematik den richtigen Lösungsweg kennt und ein anderer einen anderen Lösungsweg geht, der nicht zum richtigen Ergebnis führt, dann ist das für denjenigen, der den richtigen Lösungsweg kennt, unverständlich und nicht nachvollziehbar. Mit etwas Menschlichkeit aber, würde derjenige mit dem richtigen Lösungsweg, demjenigen mit dem falschen Lösungsweg, den richtigen Lösungsweg erklären.
Und damit wäre der zweite Teil der Aussage deines Freundes erläutert.

Vielleicht ist es ja so, dass er dir zutraut ihm bei der Lösungsfindung seiner Probleme behilflich sein zu können. Dies ist allerdings lediglich eine wage Vermutung meinerseits.

Lieber Gruß
Andreas
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NicoleHDL
Hi Andreas,

super, dass Du Dir die Zeit nimmst mir so ausführlich zu antworten! Zwischenzeitlich habe ich meinen Freund auch zu unserem Dialog 'geleitet', d.h. er liest hier, momentan noch rein virtuell, mit und vielleicht hat er ja demnächst den Mut sich direkt mit einzuschalten. Dann könnten wir hier eine virtuelle Selbsthilfegruppe führen....

Auch Deine Erklärung bzw. der Vergleich zu 'richtigen und falschen mathematischen Lösungen' gefällt mir gut. Das könnte genau das Thema sein. Ich glaube nämlich, dass er derzeit nicht auf richtigen Weg ist, mit seiner psychischen Erkrankung umzugehen, weil er sich damit zunehmend in sich zurückzieht und dort irgendwelche 'Scheinwelten' aufbaut mit denen er sich immer weiter von der realen sozialen Welt entfernt. Daher halte ich eben den geschützten Austausch mit (reflektierten) Betroffenen, 'Normalos' und Therapeuten für notwendig. Er hingegen scheint immer auf den Punkt X zu warten, an dem er sich durch autodidaktische Maßnahmen für gefestigt genug hält um in äußere Beziehungen zu treten.
Vermutlich siehst Du es auch richtig, dass er mich als virtuelle Ratgeberin akzeptiert. Ich aus meiner Sicht kann genau das aber nicht länger verantworten, weil mir aufgrund der 'virtuellen Unwirklichkeit' die Einschätzung fehlt, wie es ihm wirklich geht und ich nicht glaube, dass ihm eine weitere Unwirklichkeit weiterhilft sondern dazu beiträgt seine Scheinwelten zu stabilisieren.
Kannst Du mir bzw. ihm, nennen wir ihn Jako, eine Empfehlung geben, wo man sich bzgl. guter Selbsthilfegruppen im Münchener Raum schlau machen kann?

Einen herzlichen Gruß
Nicole
Bearbeitet von NicoleHDL am 27.09.2011 10:42
 
Andreas
Hallo Nicole,

in Bayern gibt es einige Selbsthilfegruppen. Unter folgendem Link sind einige zu finden http://www.bpe-on...htm#Bayern

Lieber Gruß
Andreas
Wir Menschen werden geboren um Fehler zu machen.
 
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NicoleHDL
Hallo Andreas,

danke für die Adresse. Ich habe auch mal recherchiert wegen Selbsthilfegruppen in München und habe folgendes gefunden:

- Fr. Sonja Wietzler-Winkler
c/o Bayerischer Landesverband für Psychatrie Erfahrener
Tel: 089/26023025 od.

- Herr Dr. A. Hütz
c/o Horizonte e.V. - Verein zur Förderung affektiv Erkrankter
Tel: 0700-55228822 od. od. www.dgbs.de

- Hr. Dr. Beitinger
c/o. Bayerische Anti Stigma Aktion (BASTA)
Tel: 089/4140-6674 od. od.
www.openthedoors.de

Eine Frage hätte ich dann noch an Dich. Was meinst Du mit 'Psychosen sind auch Lernerfahrungen für Betroffene'. Kannst Du dafür mal ein Beispiel geben oder beschreiben, welche Lernerfahrungen gemeint sind?

Einen schönen Abend nach Berlin
Nicole
 
Andreas
Hallo Nicole,

mit Lernerfahrung (Lernprozess) meine ich, dass Menschen mit psychischen Störungen sehr oft auch sehr dünnhäutig sind, also sehr sensibel. Der Lernprozess besteht darin, sich quasi ein "dickeres Fell" zuzulegen. Eben anders vom Denken her mit verschiedenen schwierigen Situationen umzugehen und nich immer alles auch sich zu projezieren oder so nah an sich herankommen zu lassen. Quasi mehr Abstand von den Dingen zu gewinnen.

Das ist mit "Lernprozess" gemeint, aus meiner Sicht.

Lieber Gruß
Andreas
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