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Das gefährliche Duo: Psychose und Sucht
Andreas
Presseinformation

Das gefährliche Duo: Psychose und Sucht

Das Zusammentreffen von Psychose und Sucht bei derselben Person – medizinisch Komorbidität – ist ein häufig anzutreffendes Phänomen. Klinisch entsteht der Eindruck, dass sich das Ausmaß dieser Komorbidität verschärft, d.h. die Zahl der Patienten mit dieser Doppeldiagnose stetig zunimmt. Diese Patienten stellen damit eine große Kerngruppe unter den an Schizophrenie Erkrankten dar. Bereits bei Menschen mit einer psychotischen Erstepisode ist in 23 – 37% der Fälle ein Missbrauch von Alkohol und/oder anderen Substanzen bzw. eine Abhängigkeitserkrankung nachweisbar. Man geht inzwischen von einer so genannten Life-time-Prävalenz von 70 bis 80% bei psychotischen Patienten und einer Häufigkeit eines/r aktuellen Missbrauchs/Abhängigkeit von 25-30% aus. Ein großer Prozentsatz ist Alkohol abhängig. Im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung ist der Anteil derer, die exzessiv rauchen, also bei denen eine Nikotinabhängigkeit besteht, etwa dreimal so hoch. Unter den illegalen Drogen steht Cannabis an erster Stelle, gefolgt von Stimulanzien und seltener von Halluzinogenen.

Während über die Legalisierung von Cannabis als weicher Droge diskutiert wird, mehren sich die Hinweise, dass das Risikopotential von Cannabis lange Zeit unterschätzt wurde. Die Entdeckung des körpereigenen Cannabinoidsystems hat wesentliche Fortschritte im Verständnis der Cannabiswirkung ermöglicht. In vielen Organstrukturen wurden inzwischen Cannabinoid-Rezeptoren lokalisiert und die Verschaltung des Cannabinoidsystems mit zentralen Botenstoffsystemen nachgewiesen. Daraus ergibt sich die begründete Annahme eines hohen, die verschiedensten zentralnervösen Lokalisationen betreffenden Schädigungspotentials von Cannabis, insbesondere da der THC-Anteil in dem heute im Markt befindlichen Cannabis deutlich höher ist als noch in den 80er Jahren. Dies ist umso bedenklicher, als nach dem Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung vom April 2004 in der Gruppe der 18-34jährigen 42,7% Erfahrung mit Cannabiskonsum haben, bei den Schüler/innen der 8./19. Klasse sind es bereits 31%; 5% der 9.- und 10.-Klässler gaben an aktuelle User zu sein, d.h. in den letzten 30 Tagen Cannabis konsumiert zu haben.

Sucht und Psychose scheinen nicht zufällig komorbide aufzutreten. Denn die Zahl der Patienten mit dieser Doppeldiagnose ist weitaus größer als sie bei einem zufälligen Zusammentreffen zu erwarten wäre. Komorbide psychische Störungen scheinen bei chronischem Cannabis-Konsum eher die Regel zu sein. Dabei ist das Risiko für die Entwicklung einer Schizophrenie in Abhängigkeit von der Intensität und der Häufigkeit des Cannabiskonsums bis zu 6fach erhöht. Als Ursache für das zunehmende Auftreten der Komorbidität werden biologische, psychologische und soziale Faktoren diskutiert, die miteinander interagieren können. Einen gemeinsamen genetischen Faktor scheint es nicht zugeben, obwohl jede Erkrankung für sich offensichtlich eine mitbestimmende genetische Teilursache hat. Cannabis ist zudem ein bedeutender Risikofaktor für Rückfälle nach einer ersten schizophrenen Episode, spielt aber auch bereits bei der Erstmanifestation eine Rolle. Schon eine Untersuchung zum Frühverlauf Ende der 80er Jahre zeigte, dass von den schizophren Erkrankten 14,2% in ihrer Krankengeschichte Drogenkonsum (87,9% Cannabis davon; 36,5% ausschließlich) angaben, bei 58% kam Alkoholmissbrauch hinzu. Dabei gab es einen eindeutigen zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Beginn eines Substanzmissbrauchs und dem Ausbruch der Krankheit bzw. dem Auftreten der ersten Anzeichen einer psychischen Störung. Höhere Zahlen in neueren Studien spiegeln den deutlich gestiegenen Cannabisgebrauch wider. Zudem waren die Cannabis- und Alkohol-Cannabis-Konsumenten bei der Aufnahme und beim Auftreten des ersten Positivsymptoms signifikant jünger. Als Langzeiteffekte des frühen Substanzmissbrauchs zeigten sich in der erstgenannten Studie vermehrt positive Symptome (Wahn, Halluzinationen, etc.) und verminderte negative Symptome (Antriebsarmut, Interesselosigkeit, …). Vor allem die Affektverflachung (Gleichgültigkeit und Abstumpfung) wurde signifikant reduziert. Dies stützt den Erklärungsansatz für das Phänomen der Doppeldiagnose, der den Substanz-Konsum als ungeeigneten Versuch einer Selbsttherapie versteht.

Diese wechselseitige Beeinflussung von Sucht und Psychose durch Drogen, aber auch durch Alkohol und Nikotin ist auch physiologisch plausibel. Denn Suchstoffe beeinflussen das Belohnungssystem im Gehirn, das für die Steuerung von Motivation sowie Lust und Freude in Zusammenhang steht. Hierbei spielt der Botenstoff Dopamin eine wesentliche Rolle, dem auch bei der Entstehung einer Schizophrenie eine wichtige Funktion zugeschrieben wird.

Neben der auf den ersten Blick vermeintlich positiven Wirkung von Suchtmitteln auf die, von den Betroffenen häufig als sehr belastend empfundene, Negativsymptomatik haben diese gravierende Folgen auf die Prognose der Schizophrenie. Patienten mit einer Doppeldiagnose haben überwiegend eine schlechterer Compliance, benötigen z.B. bei Nikotinmissbrauch höhere Dosen der antipsychotischen Arzneimittel und zeigen insgesamt einen ungünstigeren Verlauf ihrer Psychose mit häufigeren Rückfällen und stationären Aufenthalten.

Nicht nur deshalb stellt diese Patientengruppe für die Therapeuten eine medizinische Herausforderung dar. Für eine effiziente Behandlung der Doppeldiagnose sind integrative Behandlungsansätze, die die psychiatrische Krankenversorgung und die Suchttherapie zusammenführen, erforderlich. Optimal ist eine zeitlich parallele Behandlung beider Erkrankungen in einem Setting. Dabei ist zu berücksichtigen, dass das in konventionellen Entwöhnungstherapien geforderte hohe Maß an Eigenverantwortlichkeit psychotische Patienten überfordern kann. Auch der eingeschränkten Konzentrationsfähigkeit muss im Rahmen der Verhaltenstherapie Rechnung getragen werden.„Im Sinne der stadiengerechten Intervention muss der Schwerpunkt der Behandlung bei wenig motivierten Patienten zunächst in motivationalen Interventionen und Psychoedukation liegen, während Sucht bezogene verhaltenstherapeutische Maßnahmen erst in fortgeschrittenen Behandlungsstadien zum Einsatz kommen.“ (Gouzoulis-Mayfrank, Nervenarzt 7/2004)

Pressekontakt
Kompetenznetz Schizophrenie
Dr. Viktoria Toeller
Wissenschaftskommunikation & Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: 0211-922-2773
FAX 0211-922-2780

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Andreas
Hallo Meerstern,

das Problem mit der Co-Abhängigkeit ist sehr weit verbreitet. Zum einen möchte man vom Partner nicht loslassen, zum anderen aber leidet man sehr unter dem Suchtverhalten des Partners.

Da heißt es sehr viel Verständnis für den Partner aufbringen, aber auch sich selbst davon abzugrenzen und für sich selbst sorgen, sich selbst so weit möglich verwöhnen und Gutes tun. Einfach das machen, was einem selber Spaß bereitet.

Es ist nicht einfach, aber der Süchtige leidet unter seiner Sucht ebenso.

Viele Grüße
Andreas
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Andreas
Hallo Meerstern,

dann wünsche ich euch beiden viel Kraft.

Lieber Gruß
Andreas
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Reni
Nábend Meerstern!
Hab einen Beitrag zu "Psychose und Sucht" unter "Dies und Das" geschrieben.
Alles Gute Reni
 
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