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Leben mit Negativsymptomatik
Rahel
Hey miteinander,
Ich suche Menschen, die, wie ich unter der Negativsymptomatik von Schizophrenie leiden oder einmal gelitten haben. Ich möchte gerne wissen, wie ihr die Antriebslosigkeit und die schwächelnde Motivation meistert. Was tut ihr dagegen, den ganzen Tag einfach nichts zu tun und rumzusitzen? Ich habe, auf gut Deutsch, langsam die Schnauze voll von dieser Untägigkeit. Ich wäre für Tipps und Tricks seitens der Erfahrenen sehr dankbar.
Liebe Grüsse
Rahel
 
Andreas
Hallo Rahel,

vielleicht versuchst du es erst einmal mit Spaziergängen oder Ähnlichem.
Mir geht es z.B. heute ähnlich wie dir. Das liegt daran, dass ich gestern Abend zusätzlich zu meinem Depot noch 4 mg Haloperidol, 4 mg Risperdal und eine hohe Dosis an Baldrian zu mir nahm. Das Ergebnis davon ist, dass ich heute total "platt" bin. Ich war aber heute immerhin schon einkaufen und habe meinen Eltern einen kurzen Besuch abgestattet. Wenn morgen es das Wetter hier in Berlin zulässt, habe ich mir vorgenommen spazieren zu gehen. Ich habe hier in meiner direkten Umgebung 4 Seen mit Parkanlagen. Vielleicht führt mich mein Weg auch ganz woanders hin, hier in Berlin, aber ein Spaziergang wird es sicherlich.

Um in den sogenannten "Gang" zu kommen muss man meiner Meinung nach nicht unbedingt produktiv sein, manchmal reicht es auch vollkommen aus etwas anderes zu machen als sonst.

Vielleicht hast du in deiner Umgebung einen Ort an dem du dich wohl fühlst. Statte diesem Ort doch einfach mal einen Besuch ab. Alternativ könnte auch ein Besuch bei Freunden in Frage kommen.

In diesem Sinne wünsche ich dir ein schönes Wochenende.

Viele Grüße
Andreas
Wir Menschen werden geboren um Fehler zu machen.
 
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Rahel
Hallo Andreas

Danke vielmals für deine Ratschläge. Du wohnst in Berlin, wie schön! Ich war ein halbes Jahr in Berlin, als mir die Psychose widerfuhr. Ich würde am Liebsten nach Berlin zurück ziehen. Bist du da auch in einer Selbsthilfegruppe Schizophrenie? In Berlin gibts sicher auch dieses Angebot.
Liebe Grüsse
Rahel
 
Andreas
Hallo Rahel,

ja, ich bin hier in einer Selbsthilfegruppe, und auch für diese verantwortlich, tätig.

Viele Grüße
Andreas
Wir Menschen werden geboren um Fehler zu machen.
 
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Rahel
...dann hätte ich ja schon eine Anlaufstelle, wenn sich der Traum mit Berlin erfüllen würde...

Liebe Grüsse
Rahel
 
Andreas
Neue Teilnehmerinnen/Teilnehmer an unserer Selbsthilfegruppe sind immer herzlich willkommen.

Du kannst ja schonmal unter www.bpe-online.de... nachsehen. Dort sind die Orte und Termine genannt wann unsere Gruppen stattfinden.

Viele Grüße
Andreas
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Rahel
Danke! Ich wünschte, ich wäre schon in Berlin und könnte viele Leute kennenlernen, stattdessen sitz ich in einer Kleinstadt in der Schweiz, wo die von Schizophrenie grad mal so ein bisschen gehört haben, vergessen denn, lerne ich andere Betroffene kennen. Eine Grossstadt hat schon sehr viele Vorteile, gerade für uns Erkrankten...
wehmütige Grüsse
Rahel
 
Andreas
Eine Großstadt hat Vorteile, ja, aber auch Nachteile. Z.B. ist das Leben in einer Großstadt wesentlich stressiger als z.B. auf dem Lande oder in einer Kleinstadt. Alles hat Vor- und Nachteile. Wink
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Rahel
Stress ja, ich habe gejammert, dass ich zwar nach Berlin gegangen bin um meine Ruhe zu finden, um mich beruflich zu orientieren, und dass ich da aber überhaupt nicht zur Ruhe komme - was passierte? Plötzlich hörte ich Stimmen, zuerst glaubte ich, ich sei medial begabt, ich führe telepathische Gespräche mit meinem Wohnungsgenossen...Bis ich dann doch in die Klinik am Urban ging um mich behandeln zu lassen. Das war aber eine schöne Erfahrung, entgegen so vieler anderer Berichte über die Psychiatrie, habe ich da eine romantische Woche am Kanal verbracht. Stell dir vor, wenn im Sommer Künstler und lebenslustige Leute sich am Kanal tummeln!
Ja Berlin ist eine inspirierende Stadt, aber wie du sagst, ruhig ist sie nicht.
Liebe Grüsse
Rahel
 
Begoslav
Hallo! Dies ist mein erster Beitrag in diesem Forum. Und Entschuldigung, dass ich einen ein Jahr alten Beitrag wieder aufgreife, aber er entspricht meiner aktuellen und schon lange anhaltenden Problematik.

Vor elf Jahren hatte ich meine erste schizo-affektive Psychose, depressiv gefärbt. Seit dem leide ich unter der Negativsymptomatik, was sich bei mir im Mangel an Motivation, Antrieb, mittelschweren Depressionen und Schlafstörungen zeigt.

Leider habe ich noch keine "wirksame" Methode gefunden, diesen Symptomen entgegen zu steuern, die ich langfristig anwenden konnte.

Bewegung und Sport zeigen gute Wirkung bei mir, kurzfristig fühle ich mich wohler. Es ist aber jedes Mal ein großer Willenskampf mich aufgrund meiner (fehlenden) Motivation zum Sport zu überwinden, oft gelingt es mir nicht. Daher kann ich auch keine Aussagen zu einer langfristigen Wirkung machen. Gedanklich versuche ich mich in den erschöpft-entspannenden Zustand nach der sportlichen Anstrengung hineinzuversetzen, um mich zu motivieren, und halte mir die positiven Effekte vor dem inneren Auge hoch.

Auch die von professionellen Helfern oft hochgehaltene Tagesstruktur ist wichtig, jedoch finde ich, dass eine von außen aufgezwungene Struktur langfristig eher negative als positive Folgen hat. Mit dem Rest Motivation kann schon ein angenehmer Tag gestaltet werden. Das zu machen, was man sich letztendlich vorgenommen hat, erfordert wiederum auch einen starken (von der Motivation abhängigen) Willen, jedenfalls in meiner Erfahrung und Wahrnehmung. Wenn aus einer vorgenommenen Tätigkeit dann eine Gewohnheit wird ist viel gewonnen und die Antriebs- und Motivationslosigkeit ist umgangen.

Mit monotoner Arbeit, wie sie oft in der Arbeitstherapie angeboten wird, habe ich schlechte Erfahrungen gemacht. Für mich ist es immer noch eine Aufgabe, zwischen zu hoher und zu niedriger Anforderung zu balancieren, beides kann Stress sein. In der Zeit nach meiner Erkrankung habe ich viele Jobs und Tätigkeiten angefangen und aufgegeben, weil ich mit der Belastung durch Über- oder Unterforderung nicht zurecht kam und psychotisch reagierte. Inzwischen beziehe ich Frührente. Ich denke jedoch, dass eine regelmäßige Tätigkeit, die einem im Großteil Freude bereitet, ein wichtiges Element im Kampf gegen die Negativsymptomatik und dem Streben nach "Normalität" ist.

Letztendlich laufen viele Versuche, meinen Problemen zu begegnen, auf eine Frage des Willens und der Disziplin hinaus. Bewusst und unbewusst habe ich inzwischen einige Coping-Strategien entwickelt um normal und sozial zu funktionieren. Aber leider muss ich immer noch auf hohem Niveau jammern, da die Erfahrung und Gefühle, die ich von meinem Leben vor dem Ausbruch der Schizophrenie hatte, mir immer noch sagen, dass ich im Moment viele Defizite habe, von denen der größte Teil durch die Negativsymptomatik bedingt ist.
 
Andreas
Hallo Begoslav,

so wie sich dein Beitrag für mich liest bist du auf der Suche nach einer Aufgabe. Einer Aufgabe, die dich weder über- noch unterfordert und auch noch Spaß bereitet.

Ich habe mir im Jahre 2000 meine erste Domain registriert, kurz vor meinem Klinkaufenthalt. Damals hatte ich noch nicht sehr viel Ahnung von Webprogrammierung und dem ganzen drum und dran.
1 Jahr ruhte das gesamte Paket und ich hatte mich damit nicht beschäftigt. Dann fing ich so langsam an mich damit zu beschäftigen. Die erste Seite war lokal mit Hilfe eines Programms schnell erstellt. Nun stand für mich das Problem an wie ich die Seite ins Netz laden kann. Das Problem ließ sich damals aufgrund meiner Unwissenheit nicht so schnell lösen. Ca. ein halbes Jahr später sprach ich mit meinem Cousin über dieses Thema und er hatte mir einen Tipp diesbezüglich gegeben.
Ich war um einen Aspekt schlauer und habe das dann auch gleich mal ausprobiert, mit gutem Erfolg.
So fing ich langsam an mich immer mehr und mehr in die Materie einzuarbeiten.
2006 kam mir dann die Idee eine Seite ins Netz zu stellen die sich mit dem Thema psychische Gesundheit befasst. Dies war in einer leicht manischen Phase von mir und daraus ist dieses Projekt hier entstanden.
Anfangs war die Seite eine ganz einfache statische Webseite mit wenigen Beiträgen, also rein informativ, wie es viele Seiten gibt. Nach kurzer Zeit dachte ich mir dass das so, wie es war nicht bleiben konnte und ich es so auch nicht wollte.
Ich hatte dann mein Webhosting-Paket aufgewertet um PHP-Unterstützung mit Einbindung einer Datenbank. Daraufhin fing ich an mich mit Web Content Management Systemen zu befassen. Das erste System dass ich nutzte war nicht zufriedenstellend und ich habe das System kurz nach der Erstbenutzung gewechselt und bin seit dem bei dem aktuellen System geblieben.
Seit dem ich mich in Content Management Systeme eingearbeitet habe sind eine Vielzahl anderer Seiten von mir entstanden, weil es mich faszinierte welche Möglichkeiten man hat. Viele dieser anderen Projekte sind nicht mehr vorhanden, weil ich meine Leistungsfähigkeit überschätzt hatte.
Mittlerweile ist es aber auch so, dass ich neben dieser Seite hier noch zwei weitere Webseiten im Netz betreibe. Dafür habe ich eine freiberufliche Tätigkeit beim Finanzamt und der Rentenversicherung angemeldet.
Der Schritt war notwendig, da ich von 2007 bis 2009 eine Weiterbildung zum Webmaster mit sehr gutem Erfolg absolvierte. Diesbezüglich habe ich mich im letzten Jahr dazu entschlossen mit meinem Wissen und meiner Erfahrung ganz offiziell und selbständig zu meiner Rente etwas dazu zu verdienen.
Bislang bin ich seit 2002 im Verwaltungsbereich tätig und ich habe nicht wirklich viel Lust, dort noch viel länger tätig zu sein. Zumal ich dort mein Wissen und meine Erfahrung nicht anwenden kann und auch nicht meiner Faszination und meinem Interesse zum programmieren nachgehen kann.

Um sich zu motivieren ist ein gewisses Maß an Interesse und auch Faszination notwendig, aber auch Unterstützung.
Was dein sportliches Interesse angeht kann ich dir empfehlen dir einen Sportpartner zu suchen, vielleicht im Freundeskreis, mit dem du Termine ausmachst. Somit hast du gewisser Maßen einen selbst auferlegten Zwang, welcher in manchen Fällen ganz nützlich sein kann.

Das wäre dann schonmal ein Anfang, und wo ein Anfang geschafft ist, ist alles Weitere relativ leicht.

Viele Grüße
Andreas
Wir Menschen werden geboren um Fehler zu machen.
 
Web
Begoslav
Hallo Andreas!

Danke für Deine Antwort! Deine Geschichte liest sich interessant. Ich finde es gut und mutig mit seinem Namen ein Projekt rund um das Thema Schizophrenie zu gestalten - und ja, in einer etwas "abgehobenen" Zeit habe ich auch ein Webprojekt gestartet, welches ich inzwischen wieder aufgegeben habe. Allerdings habe ich beruflichen Hintergrund im IT-Bereich, so dass mir das Erstellen und Verwalten nicht so schwer fiel.

Eine Aufgabe wäre schon etwas schönes. Seit zehn Jahren suche ich eine Aufgabe, um mit meiner Negativsymptomatik klar zu kommen. Anfangs dachte ich, die Motivations- und Antriebslosigkeit wäre allein den Medikamenten zuzuschreiben. Inzwischen weiß ich, dass dieses sowohl von den Medikamenten, aber vorallem von den Symptomen kommt. Antidepressiva vertrage ich keine, es gibt wenige, die mir noch nicht verordnet worden sind. Also, ich habe schon vieles ausprobiert und so wie einfach dargestellt (Freunde suchen, Anfang machen) um mit der Situation klarzukommen, ist das nicht. Allerdings stellte ich fest, dass die Symptomatik mit der Zeit sehr, sehr langsam abklingt.

Es ist halt so, dass die Krankheitsverläufe individuell sind und ich eine hartnäckige Negativsymptomatik habe.
 
Andreas
Hallo Begoslav,

ich stimme dir uneingeschränkt zu, dass es nicht einfach ist die Negativsymptome abzubauen.
Es kann ein Weg sein, erst mit Kleinigkeiten anzufangen und sich dann langsam in den Tätigkeiten zu steigern.

Es gab eine Zeit, in der sich meine Mutter um die Ordnung in meiner Wohnung kümmerte. Dies ging Jahre so, bis ich denn angefangen habe mein Leben selbständig in die Hände zu nehmen. Mir hat z. B. im Zusammenhang mit meiner Wohnung geholfen, dass ich mit meinem E-Mail Client Aufgaben planen kann und ich auch die Disziplin hatte mich an diesen Plan zu halten.
Anfangs war es schwer, aber mit der Zeit und der Zunahme der Ordnung in meiner Wohnung, kam ich immer besser damit zurecht und es fiel mir immer leichter.

Was ich damit sagen möchte ist halt, wie schon erwähnt, mit wenigen Dingen anfangen und sich dann langsam steigern, was die Anzahl der Aufgaben angeht.

Viele Grüße
Andreas
Wir Menschen werden geboren um Fehler zu machen.
 
Web
Begoslav
Kurzes Update und archäologische Threadausgrabung eineinhalb Jahre nach meiner ersten Antwort. Inzwischen komme ich mit meiner Negativsymptomatik besser zurecht, indem ich sie einfach mehr akzeptiere, es blieb mir wohl nichts anderes übrig. Im letzten Jahr startete ich auch ein wenig mit Kraft- und Ausdauertraining durch, jedoch verletzte ich mich und konnte ca. ein halbes Jahr nicht mehr trainieren. Die Zeit, während der ich sportelte, war jedoch von einer weniger ausgeprägten Negativsymptomatik geprägt, soviel sei dazu gesagt, nur _kann_ ich danach Zeit nicht einfach so wieder mit dem Sport anfangen.
 
Nuetzchen
Hallo, glaube auch ,daß das hauptsächlich von den Tabletten kommt, habe meine nach meiner letzten Psychose schon wieder reduziert, kämpfe aber trotzdem jeden Tag mit Antriebsmangel und fehlender Motivation und schleiche mich so durch jeden Tag. Nur meine Angst vor einem neuerlichen Ktrankenhausaufenthalt ist groß,deshalb werde ich die Medikamente abends weiter schlucken.
Eigentlich nehme ich die Medikamente völlig verkehrt, aber wenn ich sie auch noch tagsüber nehmen müßte,verliert das Leben für mich sämtliche Qualität, so daß ich nur den einen Kompromiss mache und sie wenigstens überhaupt nehme, aber nur zur Nacht.
 
Doro
Hallo zusammen,
mein Sohn hat auch sehr mit den Negativen Auswirkungen zu kämpfen. Leider findet er keine Beschäftigung, die ihn aus seiner Antriebslosigkeit wenigstens zeitweise herausholen können. Manchmal läuft er ziellos durch die Stadt, alle 1-2 Monate geht er zum Schwimmen, nutzt aber überwiegend nur den Saunabereich. Im Moment hat er wohl auch zusätzlich eine depressive Phase, da geht nichts mehr. Der Arzt verschreibt ihm Ergotherapie, 2-3 Mal die Woche, damit er wenigstens etwas zu tun bekommt. Mein Sohn hat in einer guten Phase angekündigt, dass zu einer Tagesklinik gehen möchte. Daher hat er jetzt keine Ergotherapie, geht aber auch nicht zur Tagesklinik. Ich habe ihm gestern gesagt, dass er sich darum kümmern muss, nur im Bett liegen oder Fernsehen tut ihm nicht gut. Prompt verstärkte sich seine Krise. Da habe ich keine Chance ihm zu helfen.
Die Medikamente helfen ihm in normalen Zeiten relativ gut, aber bei Stress leider nicht. Da bräuchte er einen Notfallplan, von welcher Tablette er etwas mehr und von einer anderen etwas weniger nehmen könnte. Er hat eine für Abends, die dämpft und eine für Morgens. Ich denke es ist sehr schwierig bei psychischer Erkrankung die richtige Medikamente und die richtige Dosis zu finden. Der Arzt sieht den Betroffenen nur höchstens 1 mal im Monat, mein Sohn jedenfalls kann sein Befinden nicht richtig darstellen. "Mir geht es gut", ist seine Standard-Auskunft.
Während seines Krankenhausaufenthaltes hat er die dämpfenden Tabletten auch morgens bekommen und das in höherer Dosierung. Damit konnte er den ganzen Tag verschlafen, andere Tabletten haben dort noch schlimmere Nebenwirkungen gehabt.
Man hört immer wieder, dass Leute trotz Schizophrenie ein fast normales Leben führen. Vielleicht hatten die das Glück an den richtigen Arzt zu geraten, der sich die Mühe machte, die richtige Therapie zu finden. Wenn man dies noch nicht geschafft hat, sollte man nicht resignieren. Vielleich kann es ja doch noch besser gehen. Ich möchte jedenfalls noch nicht aufgeben.

Herzliche Grüße Doro
 
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