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Stigmatisierung der Psychiatrie
Andreas
Hallo,

noch immer ist die Psychiatrie in der Bevölkerung stark mit Vorurteilen behaftet. So z.B. "da gibts doch noch Gummizellen", das habe ich letztens erst wieder von meinen Eltern gehört. Ich musste meine Eltern erstmal darüber aufklären, dass es sowas wie "Gummizellen" in der modernen Psychiatrie nicht mehr gibt. Ein anderer Aspekt ist, dass die Psychiatrie noch immer mit "Toppen" verglichen wird. Ich weiss allerdings nicht, wo dieser Begriff herkommt. Ich weiss nur, dass ich früher als Schüler mich auch über die Psychiatrie lustig gemacht habe, bis ich dann selbst dort als Patient war. Ich habe heute auch noch immer mit der Meinung meiner Eltern zu kämpfen "du spinnst doch". Es ist egal was ich sage, sobald ich meine Eltern kritisiere kommt dieser Spruch.
Was habt Ihr so für Erfahrungen mit Vorurteilen der Psychiatrie gemacht?

MfG
Andreas
 
Web
Nase im Wind
admin schrieb:
Hallo,

noch immer ist die Psychiatrie in der Bevölkerung stark mit Vorurteilen behaftet. So z.B. "da gibts doch noch Gummizellen", das habe ich letztens erst wieder von meinen Eltern gehört.
Es ist egal was ich sage, sobald ich meine Eltern kritisiere kommt dieser Spruch.

Was habt Ihr so für Erfahrungen mit Vorurteilen der Psychiatrie gemacht?

MfG
Andreas


Gefühlte Schuldgefühle (Unechte) und überwiegend falsch verstandene Scham, etc. behindert Selbstkritische Betrachtung
Ich glaube, das ist als erstes Unwissenheit. Die Vorurteile richten sich wohl eher gegen den Betroffenen. Der Gedanke an eine Irrenanstalt hält sich lange. Ich denke, ob in der Familie oder innerhalb des alten Bekantenkreis will von ihnen niemand zugeben dass, aus ihrer Sicht, ein Verrückter ist für den sie sich entweder schämen oder betrübt sind dass ihr Kind oder Freund nicht den üblichen Weg, „dem vermeintlich Normalen Werdegang folgt (Ehe – drei Kinder – Scheidung)“, gehen. Im Innern falls nicht bewusst, haben sie einen Nicht normalen vor sich. Deshalb wollen/ können sie Wahrheit über Fortschritte nicht sehen.

Das Festhalten an alte Vorstellungen hat den Sinn neuen Erkenntnissen auszuweichen. Viele Menschen haben nicht die Reife und den Schneid den Dingen ins Auge zu blicken. Falls sich der verdacht erhärtet das der vermeintlich Verrückte eigentlich der Normale ist, so muss der vermeintlich Normale, verrückt sein. Kaum jemand kann den beunruhigenden Gedanken ertragen das seine Lebensweise von beginn an ein Lebensweg der eigenen Verdammnis war, bzw. der Weg eines sog. Verrückten.
Nicht zuletzt dient ein Aufrecht erhalten von Traditionen dem eigenen Gefühl von Sicherheit (falsch verstandene Sicherheit), weswegen zusätzlich unnötige Kriege, beginnend in der Familie, geführt werden. Der einst geliebte Mensch ist plötzlich das intrigierende Böse oder der Verrückte, verstanden in dem Sinne einer psychischen oder geistigen Erkrankung, oder der ist ein unmoralischer Verbrecher.

Das bemühen die Psychiatrie als Sanatorium zu vermitteln scheitert, weil ihre Methoden kaum Erfolge bringen und daher nicht gesehen werden. Tatsächlich ist fast in keinem Fall zu erkennen ob die wenigen sog. Patienten nach einem Aufenthalt in einer Psychiatrie Besserung erfahren oder sie unabhängig davon Stück weit auf ihren Weg gefunden haben.
Der Umstand das die Gummizellen durch legalisierte Drogen, die nur der Arzt verschreiben darf und zum Teil erzwungen verabreicht wird, macht die Psychiatrie nicht moderner bzw. an manchen Stellen kaum sichtbar moderner.

Das einzig Moderne ist die Tatsache des Rückschrittes, dass sog. Patienten stetig weniger als Menschen gesehen werden bei gleichzeitig neueren rein Medizinisch angewandte Methoden (vorrangig Pillen statt Verständnis und Gespräch).

Jonny Fechtner
Ein Liebender Mensch ist ein Glücklicher Mensch
 
Andreas
Hallo Jonny,

ich habe erst letztens die Erfahrung gemacht, dass langsam die Psychiatrie-Verantwortlichen dahinter kommen und auch langsam damit anfangen sich die Erfahrungen von uns Betroffenen anzuhören und daraus zu lernen. So wurde mir z.B. erst kürzlich die Möglichkeit in Aussicht gestellt eventuell an Kongressen, Tagungen und diversen Veranstaltungen im Bereich der Psychiatrie teilzunehmen, quasi im trialogischen Sinne. Dadurch wird in mir der Eindruck erweckt, dass die Psychiatrie dazu bereit ist von uns Betroffenen auch zu lernen, gerade im Hinblick darauf, dass die Seele quasi ein nicht sichtbares Organ ist was in der Psychiatrie "behandelt" wird. Daher ist es sehr wichtig sich die Erfahrungen, das Fühlen und Denken der Betroffenen genauer anzusehen und daraus zu lernen. In der Ausbildung im psychiatrischen Bereich ist es denke ich so, dass dort lediglich theoretisches Wissen vermittelt wird. Daher ist es wichtig auch praktisches Wissen (aus eigener Erfahrung) vermittelt zu bekommen. Dazu dienlich ist unter anderem das in letzter Zeit sich verbreitende "Ex-In"-Projekt. Wo Erfahrene bzw. Betroffene dazu ausgebildet werden um in der Psychiatrie mit ihren eigenen Erfahrungen diese zu vermitteln. Entweder als Dozenten an Hochschulen oder aber als Gesundheitshelfer in der Psychiatrie um dort beratend tätig zu sein. Die Web-Site und Informationen über das "Ex-In"-Projekt findest du auf http://www.ex-in..... Daher bin ich der Meinung, dass in letzter Zeit sehr viel in der Psychiatrie passiert, um aus unseren Erfahrungen zu lernen. Dies ist meiner Meinung nach ein erster Schritt und auch guter in die richtige Richtung. Der nächste Schritt meiner Meinung nach wäre, in der allgemeinen Gesellschaft dafür zu sorgen, dass Vorurteile und Stigmata bekämpft werden. Dazu ist es halt notwendig hauptsächlich in den Medien und in der Politik dafür zu sorgen, dass psychiatrische Diagnosen nicht missbräuchlich verwendet werden und dass die einseitige Berichterstattung in den Medien beendet wird. Ich lese so oft Presse-Artikel, in denen vom gewalttätigen "Irren" die Rede ist. Sehr selten hingegen lese ich Artikel in der Presse, wo über positive und herausragende Leistungen von psychisch Beeinträchtigten berichtet wird. Und genau dieser Missstand müsste meiner Meinung nach dringendst beendet werden, damit in der allgemeinen Gesellschaft auch klar wird, dass wir in der Lage sind durchaus Dinge zu vollbringen, zu denen die Allgemeinheit nicht fähig ist. Dadurch würde ein wesentlich besseres Miteinander erreicht werden und wir Betroffenen würden auch mehr Akzeptanz erhalten. Allerdings ist dieser Weg ein sehr langer und schwerer Weg, wo wir gerade mal angefangen haben ihn zu beschreiten.

In diesem Sinne einen schönen Samstag.

Schöne Grüße
Andreas
Wir Menschen werden geboren um Fehler zu machen.
 
Web
Nase im Wind
admin schrieb:
Hallo Jonny,

ich habe erst letztens die Erfahrung gemacht, dass langsam die Psychiatrie-Verantwortlichen dahinter kommen und auch langsam damit anfangen sich die Erfahrungen von uns Betroffenen anzuhören und daraus zu lernen.
Andreas


Irgendein frustierter Betroffener aus irgendeiner der Organisationen hat wohl den Eindruck das wir zwar dass Gefühl haben etwas bewegt zu haben aber sich nun nur noch darin sonnten. Der meint, die Psychiatriebewegung wäre tot oder eingeschlafen. - Irren ist menschlich.
Ist nicht so derjenige glaubt. Vielmehr hat die Arbeit mehr an Qualität gewonnen. Es hat sich nunmal herauskristalisiert dass untereinander noch vieles zu klären ist. Mit den Aufgaben wächst die Herausforderung, da ist es normal dass manchmal einiges an Zeit für interne Gespräche gebraucht werden. Klar, das ist ein Zeitraum der uns dann als Untätig erscheinen lässt.

Ich denke es gilt, einfach weitermachen auch wenn es auf sich warten lässt gehör zu finden oder das Gefühl zu haben dass sich nichts erreichen ließe. Bin der Meinung, dass wir jede Berechtigung haben unsre Forderungen an die Fachkräfte durchzusetzen selbst wenn wir, wie es ja z.T auch ist, untereinander uns oft teilweise mit den alten Argumenten einander begegnen die wir kritisieren.
Schließlich sind wir selber noch sehr von Erziehung geprägt und glauben manchmal noch daran oder haben noch nicht die Art des wohlwollenden Umgangs gefunden die uns im Positiven von jenen klar unterscheidet, von denen wir eine andere Haltung Verstehen und handeln fordern.

An der tatsache das Alles seine Zeit braucht können wir alle nicht drehen. Es wäre ein Irrtum zu glauben dies wäre möglich.
Gegen Misstände wie z.B einseitig u. verfälschte Berichterstattung den Medien oder verharrende irrige Vorstellungen in der Befölkerung können wir am besten entgegenwirken wenn wir uns presentieren und mit unserer Position sowie Erfahrungen gegenhalten.
ich halt nicht viel davon zu kritisieren sondern die überzeugenderen Argumente anzubringen. Was gut ist setzt sich durch, nur nicht immer sofort. das einzige Lob das mir wichtig ist und das einzige Lob das wir brauchen ist die Überzeugung, dass unsre Arbeit von Erfolg gekrönt sein wird, wann immer es soweit sein würde und wir selbst in der Gegenwart unserer Zeit noch nicht soviel haben.

Im übrigen halte ich nichts von dem Begriff Kampf um friedlich etwas zu erreichen. ich trete nur für etwas ein und will nicht zerstören. Das nicht-brauchbare zerstört sich selbst.

Soteria ist kein Zauberwort aber wirkt wie ein Zauber sobald es eines Tages verstanden wird. Dürfte wohl noch lange dauen. Soteria kann sich nur wirklich durchsetzen wenn dies in der Praxis des persönlichen Umgangs miteinander gelebt wird.
Dann wird sich auch die Regierung überzeugen lassen das dies auf lange Sicht die tatsächliche Geldersparnis ist. Darum gehts der Regierung doch eigentlich. Hat schon etwas logisches.

In den Betroffenen-organisationen ist das thema Soteria kein Arbeisthema. Das is eine große Lücke in unsrer Arbeit. Ich verstehe aber das dies eine immense Herausforderung ist die fast keiner Packt.
Theiss Urbahn (offenbar der einzige bisher) hat den Werdegang des verlaufs Hürden und Erfolge aus der Praxis der damaligen Soteriaklinik in Gütersloh schriftlich geschildert. Er hatte umgesetzt was ich gern wollte das es geschiet. der einzige der Aussagen gemacht hat und dessen Beschreibungen sich mit meinem Verständnis zum Soteria decken.

Nunja, wir sind also schon Zwei die dieses Potential erfassen können (Ein Professioneller und ein Betroffener verstehen das gleiche).
Alles was ein einzelner Mensch sich vorstellen kann, kann realistisch in die Tat umgesetzt werden. ... Kommt Zeit - Kommt Tat. Wink

Jonny
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