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Wie stellt der Arzt die Diagnose
Erläuterung:

Eine psychische Erkrankung kann man nicht aus den Blutwerten oder den Röntgenbildern ablesen. Der Arzt muss mit Ihnen und Ihren Angehörigen ausführliche Gespräche führen.

Wenn ein Kranker ärztliche Hilfe sucht, ist es die Aufgabe des Arztes, eine Diagnose zu stellen. Der Ratsuchende schildert dem Arzt zunächst seine Beschwerden. Einige dieser Beschwerden werden vom Arzt als Krankheitssymptome gedeutet. Er vermutet eine bestimmte Erkrankung, untersucht den Patienten, nimmt ihm unter Umständen Blut ab und führt bestimmte technische Zusatzuntersuchungen (z.B. Röntgenaufnahmen) durch.
Die auf diese Weise gesammelten Befunde ergeben nach und nach ein klares Bild. Mit jedem neuen Befund steigt die Sicherheit der Diagnose.
Technische Zusatzuntersuchungen dienen bei den meisten psychischen Krankheiten nicht dazu, eine Diagnose zu beweisen. Sie helfen aber, körperliche Krankheiten zu erkennen, die sich in ähnlichen Symptomen äußern können (siehe hierzu auch den Abschnitt "Andere Krankheiten und psychotische Symptome").
Für die Diagnose einer Schizophrenie oder Psychose gibt es keine sicheren und jederzeit nachprüfbaren Beweise, etwa in Form von Röntgenbildern oder Laborwerten. Eine Schizophrenie kann nur aufgrund einer Sammlung von bestimmten Symptomen festgestellt werden. Manchmal dauert es einige Wochen, bis eine endgültige Diagnose feststeht.

Was sind Psychosen?

Psychosen sind verschiedene psychische Erkrankungen eines bestimmten Schweregrads. Es handelt sich um Erkrankungen, die nicht nur einmal aus einem Konflikt heraus entstehen oder als Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis auftreten, sondern es sind Erkrankungen, die deutliche und schwerwiegende innere psychische Veränderungen des Menschen nachsich ziehen.

Zur Gruppe der Psychosen werden
- auf der einen Seite die schizophrenieähnlichen Erkrankungen gezählt. Dazu gehören die schizophrenen Erkrankungen wie die paranoid-halluzinatorische, die hebephrene und die katatone Schizophrenie sowie weitere seltene Unterformen der Schizophrenie.
- auf der anderen Seite gehören die sogenannten affektiven (im Gefühl sich ausdrückenden) Psychosen dazu. Das sind die schwersten Depressionen und Manien und die sogenannte Zyklothymie, der Wechsel zwischen manischen und depressiven Phasen.
Die sogenannten schizoaffektiven Erkrankungen siedelt man genau zwischen den beiden Untergruppen an.

Welche Symptome erlauben die Diagnose einer Schizophrenie?

Wenn ein Patient Stimmen hört, die Kontrolle über die eigenen Gedanken oder den eigenen Willen verloren hat oder wenn er unter Verfolgungs- oder Größenwahn leidet, liegt eine Schizophrenie vor.
Zusätzlich wird diese Diagnose gestellt, wenn wenigstens zwei der folgenden Symptome bestehen: Sinnestäuschungen bei anderen Wahrnehmungen (Sehen, Riechen, Schmecken), fehlende Ordnung der Gedanken (formale Denkstörungen), übermäßige Erregung oder übermäßige Hemmung oder Abschwächung der Gefühle.

Was sind Manien?

Krankheiten mit gehobener Stimmung und gesteigertem Antrieb nennt man Manien.
Manische Krankheiten können für die Patienten mitunter recht angenehm sein - wenn sie gutgelaunt neue Ideen entwickeln und diese Ideen in die Tat umsetzen. Solche Phasen sind allerdings fast nie von langer Dauer. Meist schmieden die Patienten Pläne, die kaum realisierbar sind. Rastlos beginnen sie Unternehmungen, sie reden ununterbrochen und kommen nicht zur Ruhe.
Oft besteht auch ein Größenwahn: Die Patienten fühlen sich als tatkräftige Geschäftsleute und Unternehmer, als begnadete Wissenschaftler und Künstler oder als geistliche oder weltliche Führer.
Die Patienten sind in der akuten Phase meist nicht in der Lage, die eigene Erkrankung zu erkennen.

Was sind Depressionen?

Bei depressiven Krankheiten leiden die Patienten unter Symptomen, die weit über eine normale Phase von Traurigkeit hinausgehen. Sie sind niedergeschlagen und nicht in der Lage, sich abzulenken. Sie zweifeln ständig an sich.
In der Regel geht es depressiven Patienten jeden Tag gleich schlecht. Gerade diese Gleichförmigkeit ist so schwer erträglich und verstärkt das ohnehin vorhandene Gefühl der Hoffnungslosigkeit.
Dinge, die normalerweise leicht von der Hand gehen, bereiten ungeheure Mühe. Besonders schwer ist es, sich überhaupt einmal zu etwas aufzuraffen. Niedergeschlagenheit und fehlender Schwung sind oft morgens, unmittelbar nach dem Aufwachen, am schlimmsten. Das bezeichnet man als Morgentief. Das Denken bereitet Mühe. Alles geht viel langsamer als sonst. Damit einhergehende Wahnsymptome haben in der Regel Unfähigkeit, Schuld oder Krankheit zum Thema.

Was sind schizoaffektive Krankheiten?

Schizoaffektive Krankheiten sind in ihrem Erscheinungsbild den Schizophrenien recht ähnlich. Zusätzlich zu den typischen Symptomen einer Schizophrenie bestehen während der akuten Krankheit ausgeprägte Veränderungen der Stimmung und des Antriebs: gehobene Stimmung und geistiger Antrieb oder gedrückte Stimmung und verminderter Antrieb.
Wenn zu Symptomen einer Manie die einer Schizophrenie hinzukommen, spricht man von schizomanischen Krankheiten. Krankheiten mit Symptomen der Schizophrenie, gedrückter Stimmung und vermindertem Antrieb werden dementsprechend als schizodepressive Krankheiten bezeichnet. Die Patienten fühlen sich durch diese Störung schwer beeinträchtigt. Sie leiden unter den depressiven Symptomen meist mehr als unter den Zeichen der akuten Schizophrenie.

Andere Krankheiten und psychotische Symptome

Erläuterung:


In Ausnahmezuständen, bei Angsterkrankungen oder bei einem Nervenzusammenbruch können kurzfristig psychoseähnliche Symptome beobachtet werden: "Die Welt hat sich um mich herum so komisch verändert"

Es gibt andere Krankheiten, bei denen psychotische Symptome auftreten oder die mit einer Schizophrenie verwechselt werden können. Ein Arzt lernt im Verlauf seiner Ausbildung, Krankheiten, die sich in ihrem Erscheinungsbild ähneln, zu unterscheiden. Um Schizophrenien von anderen Krankheiten zu unterscheiden, zieht er psychische und körperliche Untersuchungsbefunder heran.
Akute Schizophrenien können
1. mit psychischen Ausnahmezuständen im Rahmen von Angstkrankheiten,
2. mit Depressionen, Manien oder schizoaffektiven Krankheiten und Borderline-Persönlichkeitsstörungen,
3. mit anderen akuten oder chronischen Wahnkrankheiten oder
4. mit manchen körperlichen Krankheiten verwechselt werden.
5. Drogen, aber auch
6. manche Medikamente können durch ihre Wirkung oder Nebenwirkung schizophrenieähnliche Symptome hervorrufen.

1. Psychische Ausnahmezustände.

Im Rahmen von Angstkrankheiten gibt es manchmal psychische Ausnahmezustände. Manche Patienten werden von Befürchtungen und Ängsten derart gefangengenommen, dass sie vorübergehend nicht mehr zwischen ihren Ängsten und der Realität unterscheiden können. Meistens dauern derartige Ausnahmezustände nur kurze Zeit an. Nur dann sind die Patienten nicht in der Lage, ihre Wahrnehmung und ihr Urteil zu kontrollieren.

2. Depressionen, Manien und schizoaffektive Krankheiten

Erläuterung:


Auch bei reinen Depressionen können wahnhafte Verkennungen vorkommen, etwa der Verarmungswahn oder der Krankheitswahn.

Bei Depressionen dominieren Schlafstörungen, gedrückte Stimmung und gebremster Tatendrang, bei Manien Schlafstörungen, übertriebene heitere Stimmung und gesteigerter Tatendrang. Wahnsymptome entwickeln sich später, zu Sinnestäuschungen kommt es nur selten.
Bei schizoaffektiven Krankheiten treten Symptome der Depression oder Manie gleichzeitig mit typischen Symptomen der Schizophrenie auf und sind stärker ausgeprägt als bei reinen Depressionen oder Manien.

3. Andere akute oder chronische Wahnkrankheiten

Schizophrenien, schizoaffektive Krankheiten, Depressionen und Manien dauern meist mehrere Wochen, Monate oder Jahre an. Wenn sich eine Krankheit mit Wahnsymptomen sehr rasch entwickelt und sich innerhalb von zwei Wochen zurückbildet, spricht man von einer akuten psychotischen Störung. Chronisch verlaufende Wahnkrankheiten ohne sonstige Symptome einer Schizophrenie treten vor allem bei mißtrauischen, vereinsamten und durch Schwerhörigkeit behinderter Menschen auf. Nahe Angehörige chronisch schizophreniekranker Menschen lassen sich manchmal durch die Wahnsymptome des Patienten verunsichern und übernehmen die wahnhaften Überzeugungen. Man spricht dann von induziertem Wahn oder von einer Folie a deux.

Fallgeschichte

Frau M. (60) wird wunderlich. Sie kontrolliert die Hausschlüssel zigmal. Sie verdächtigt die Hauspflegerin, dass sie sie bestohlen hat und dass sie wichtige Dinge, zum Beispiel die Brille, absichtlich versteckt. Der Ehemann von Frau M. starb vor einem halben Jahr, kurz danach musste der Dackel nach 13 Jahren Lebenszeit eingeschläfert werden. Seitdem ist Frau M. nicht mehr aus dem Haus gegangen.
Hinter diesem Verhalten verbirgt sich möglicherweise eine schwere Depression mit Wahnvorstellungen, die durch die soziale Isolation verschärft werden.
Therapie: Aufbau sozialer Kontakte, eventuell Behandlung der Depression mit Medikamenten.

4. Körperliche Krankheiten

Krankheiten, die das Gehirn direkt oder indirekt betreffen, können Symptome hervorrufen, die von denen einer akuten Schizophrenie nicht zu unterscheiden sind. Zu diesen Krankheiten zählen Gehirntumore, Entzündungen des Gehirns und seiner Häute, Hirndurchblutungsstörungen, Verletzungen des Gehirns, Blutungen im Bereich des Gehirns und der Hirnhäute, Anfallskrankheiten (Epilepsien), aber auch Störungen des Hormonstoffwechsels oder Vergiftungen.
Um diese Krankheiten nicht zu übersehen, muss der Arzt vorallem beim ersten Auftreten von Symptomen einer Schizophrenie den Patienten umfassend untersuchen. Außer der psychiatrischen Exploration (dem gezielten Befragen des Patienten) ist es notwendig, eine körperliche Untersuchung durchzuführen und Blut und Urin abzunehmen. Er wird eine Hirnstromkurve (EEG - Elektroenzophalogramm) aufzeichnen lassen, um beispielsweise ein Anfallsleiden (Epilepsie) auszuschließen. Schließlich wird er ein Schädel-Computertomogramm (CCT - computergestützte Röntgenaufnahme des Gehirns) durchführen, um nach Hirnblutungen oder Hirntumoren zu fahnden. Eindeutige krankhafte Befunde bei diesen Untersuchungen sprechen gegen das Vorliegen einer Schizophrenie.

Fallgeschichte

Der Großvater (87) wurde vor einer Woche wegen eines Oberschenkelhalsbruches operiert. Jetzt liegt er im Bett und sagt zu seinen Kindern und Enkeln: "Seht ihr denn nicht das Bild dort an der Wand?" Oder: "Was machen denn all die vielen Leute hier in meinem Zimmer?"
Ist der alte Mann schizophren?
Nein! Postoperative Halluzinationen und Wahnvorstellungen klingen meist von selbst oder durch eine kurzfristige Behandlung mit neuroleptischen Medikamenten schnell wieder ab.

5. Drogenkonsum und akute Vergiftungen

Als Folge eines Drogenkonsums kann das Gesamtbild der Symptomatik von Halluzinationen, Wahnvorstellungen bis hin zu schweren Denkstörungen auftauchen. Dies gilt insbesondere bei Drogen wie Opiaten, Crack, Ecstasy, Kokain, LSD, psychedelischen Pilzen und anderen amphetaminhaltigen Stoffen. Diese Erscheinungsbilder können selbst bei zwischenzeitlicher Drogenabstinenz als sogenanntes Flash-Back-Syndrom nach Jahren wieder auftreten.

6. Nebenwirkungen von bestimmten Medikamenten

Halluzinationen und Angstzustände können auch als Nebenwirkung bestimmter Medikamente auftreten, zum Beispiel bei der Chemotherapie in der Krebsbehandlung, bei starken Antibiotika, bei Glucocortikoiden (etwa der Therapie von Multipler Sklerose), bei Rheumaerkrankungen, allergischen Prozessen oder Asthma. Bei der medikamentösen Therapie der Parkinson-Krankheit und selten auch nach Einnahme von frei verkäuflichen Medikamenten zur schnellen Gewichtsabnahme, die manchmal amphetaminhaltige Substanzen enthalten, können sich ebenfalls psychotische Symptome zeigen.

ACHTUNG

Bei Halluzinationen, Wahnvorstellungen und verändertem Denken und Fühlen sofort einen Psychiater aufsuchen, um eventuelle schwerwiegende körperliche Krankheiten auszuschließen. Wenn Sie diese Phänomene bei einem Angehörigen bemerken, sollten Sie nachdrücklich darauf bestehen, dass er einen Arzt konsultiert.


Quelle:
Hexal-Ratgeber Gesundheit
Psychosen

ISBN 3-576-10775-4

Autorenteam:
Teamleiter:

Prof. Dr. F.-Michael Stark

Mitautoren:
Prof. Dr. med. Gerd Buchkremer
Hans-Jürgen Claußen
Dr. Ingeborg Esterer
Prof. Dr. Dipl.-Psych. Kurt Hahlweg
Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Luderer
Prof. Dr. med. Dieter Naber
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