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Was Schizophrenie nicht ist
"Schizophrenie" oder "schizophren" sind Worte, die Journalisten, Politiker und viele gesunde Bürger gern im Mund führen, um damit mehr oder weniger widersprüchliches Denken oder Handeln zu bezeichnen. Der Schweizer Psychiater A. Finzen (1996) hat unter dem Titel "Der Verwaltungsrat ist schizophren" den öffentlichen Missbrauch analysiert. Die Zitate, die man dort findet, etwa "Wir Schweizer sind schizophren" (Basler Zeitung) oder "Frankreich lebt schizophren" (Der Spiegel), illustrieren das Gesagte. Es gibt eigentlich nur noch eine Gruppe medizinischer Diagnosen, die dem öffentlichen Missbrauch in noch schlimmerer Weise ausgesetzt ist, und das sind "Schwachsinn", "Idiotie" oder "Idiot". Wenn diese Worte im alltäglichen Umgang gebraucht werden, dann sprechen sie die Gedankenlosigkeit des Sprechers und meist eine deutliche Entwertung, wenn nicht eine Erniedrigung des so Angesprochenen wider. Die Psychiatrie im Allgemeinen und die Weltgesundheitsorganisation im Besonderen haben daraus ihre Folgerungen gezogen. Um diejenigen Menschen, die das schwere Schicksal eines geistigen Entwicklungsdefizits zu tragen haben, und ihre Familien vor dem entwürdigenden Beiklang des Wortes "Schwachsinn" zu bewahren, haben sie es als Diagnose aus dem Verkehr gezogen. Es wurde durch den freundlicheren Begriff der "geistigen Behinderung" ersetzt.
Das Wort "Schizophrenie" ist in nationalen und internationalen Klassifikationssystemen psychischer Krankheiten als Diagnose beibehalten worden. Dahinter steht die Sorge, dass jede neue Benennung bald wieder dieselben Stereotype ausfüllen würde.
Eine Quelle des Missverstehens, was mit der Diagnose Schizophrenie eigentlich zum Ausdruck gebracht wird, ist wahrscheinlich in der allzu wörtlichen Übersetzung des griechischen Lehnwortes "Schizophrenie" als "Spaltungsirresein" unter Vernachlässigung seiner tatsächlichen Bedeutung zu suchen.
Wenn man einen schizophrenen Zustand mit Goethes Worten: "Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust, die eine will sich von der anderen trennen" (Faust I,2) als Seelenspaltung definieren will, dann hat man damit nicht mehr als eines unserer normalen inneren Probleme oder die ihm zugehörige Gemütsverfassung beschrieben. Der Wunsch, das mahnende Gewissen, "des Lebens ernstes Führen", zu beurlauben, um unbeschwert genießen zu können, was das Herz begehrt, ist allenfalls faustisch und keinesfalls schizophren. Schizophrenie ist keine Seelenspaltung. Selbst das krankheitsnähere Phänomen der Persönlichkeitsspaltung, auch als "multiple personality" bezeichnet, hat wenig mit Schizophrenie zu tun. Dieser merkwürdige Seelenzustand befähigt einen Menschen dazu, mehrere Scheinidentitäten mit jeweils eigener Biographie und eigenen Verhaltensmustern, den Rollen eines Schauspielers entsprechend, nebeneinander zu spielen. "Multiple personality" ist eher eine Modekrankheit als ein eigenständiges psychisches Leiden. Sie war in der Gründerzeit der Psychoanalyse, d. h. vor und noch einige Zeit nach der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert, in Europa verbreitet und beliebt. Sie ist damals von Psychiatern und in der schöngeistigen Literatur häufig beschrieben worden. Danach ist sie dem Vergessen anheim gefallen. In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist sie in den Vereinigten Staaten wieder aus der Versenkung aufgetaucht. Sie hat dort wie ehedem in Europa ein hohes Maß an Beachtung in den Medien gefunden, das aber längst wieder stark im Schrumpfen begriffen ist.
Viele Menschen wünschen sich Aufmerksamkeit und weit reichende Beachtung. Extremes Ausmaß kann dies bei einzelnen Persönlichkeitsstörungen annehmen. Zur Befriedigung kann, bei guter schauspielerischer Begabung, das Spielen mehrerer Identitäten als ein probates Mittel dienen, zumal wenn die Medien hierfür weite Verbreitung gewähren. Der Rückexport der Modekrankheit "multiple Persönlichkeit" nach Europa ist jedoch nicht geglückt. Offenbar waren Öffentlichkeit und Psychiatrie auf dem alten Kontinent, vielleicht aus lang zurückliegender Erfahrung, dagegen noch einigermaßen immun.
Das Wort "Schizophrenie" hat dagegen, wenn es als ärztliche Diagnose benutzt wird, einen anderen Sinn. Eugen Bleuler (1908, 1911) wollte Kraepelins "Dementia praecox" als früher benutzte Diagnose ablösen, denn weder tritt die Krankheit nur im jungen Alter auf, noch führt sie typischerweise zur Demenz. "Schizophrenie" wählte er, weil er mentale Assoziationsstörungen für die Grundstörung dieser Krankheit hielt. Gemeint ist damit das Auseinanderfallen gedanklicher Verbindungen - was sich in Denk- und Sprachstörungen äußern kann - oder die Lockerung natürlicher Verknüpfungen zwischen Ausdruck, Gefühl und ihren Inhalten, was sich in fehlender Übereinstimmung zwischen Stimmung und Wahninhalt äußern kann und in der Psychopathologie als inadäquater Affekt und inkongruentes Erleben bezeichnet wird. Simple Beispiele für das Letztgenannte sind eine verzweifelte Miene nach erfolgreich bestandenem Examen oder Heiterkeit nach einer Todesnachricht. E. Bleulers Vorstellung von Assoziationsstörungen kann - der Richtung nach nicht falsch, in der Substanz aber zu einfach gedacht - längst nicht mehr als ausreichende Erklärung der komplexen seelischen Funktionsstörungen bei Schizophrenie dienen. Mit Persönlichkeitsspaltung, mit den trivialen Widersprüchen im Alltag, Medien und Politik hat die Bleulersche Assoziationsstörung nichts zu tun.
Die ärztliche Diagnose der Krankheit Schizophrenie löst immernoch tiefe Beunruhigung und Pessimismus aus. Sie erfüllt auch Angehörige und Freunde oft mit Besorgnis, Scheu und manchmal sogar mit Angst. Das hat mit der weit verbreiteten Laienmeinung zu tun, die Schizophrenie sei ein unheilbar fortschreitender, zum geistigen Abbau oder zur Persönlichkeitszerstörung führender Prozess. Die typischen Symptome der schizophrenen Psychose, vor allem Wahn, Halluzinationen, Denkstörungen und bizarres Verhalten, werden als rätselhaft und für die Umgebung als unverständlich erlebt. Die Kranken, so laut die weit verbreitete Überzeugung, seien unberechenbar und mitunter höchst gefährlich.
Diese Überzeugungen sind der psychologische Kern des sozialen Stigmas, das in praktisch allen Ländern und Kulturen heute noch mit dem Wort "Schizophrenie", mit den an dieser Krankheit leidenden Menschen, ihren Angehörigen und selbst mit den Einrichtungen, die ihrer Behandlung dienen, verbunden ist. Das soziale Stigma steht nicht nur einer vernünftigen und besonnenen Umgangsweise mit der Krankheit im Wege. Es erschwert auch die Aufnahme eines Kranken in Familie, Freundeskreis, Beruf und Gesellschaft. Ein guter Teil der sozialen Folgen der Krankheit, mancher Arbeitsplatzverlust, die Entfremdung von persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungen und in manchen Ländern noch die langfristige geschlossene Unterbringung in Großkrankenhäusern, sind weitaus mehr eine Folge aus sozialen Stigmas, das auf den Kranken lastet, als notwendige und sinnvolle Reaktionen auf die Krankheit selbst.
Über das Wissen um die Krankheit Schizophrenie und ihre Behandlung hinaus ist es deshalb notwendig, auch das negative soziale Stigma und die damit zusammenhängende soziale Entfremdung und Diskriminierung schizophren Erkrankter und ihrer Familien zu verstehen und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen. Die Bedeutung, die diesem Aspekt für das Schicksal der Kranken, ihren Angehörigen und für die Arbeit der helfenden Berufe zukommt, hat die psychiatrische Weltvereinigung veranlasst, 1998 ein Programm zur weltweiten Bekämpfung von Stigma und Diskriminierung wegen Schizophrenie zu starten. Es informiert über die Krankheit, ihre Ursachen und über die Möglichkeiten ihrer Behandlung. Es besteht aus Erziehungsprogrammen und Kampagnen zur Verbesserung von Kenntnissen und Einstellung gegenüber der Krankheit. Beteiligt an der Ausarbeitung des Programms sind namhafte Psychiater, Sozial- und Verhaltenswissenschaftler, Medienwissenschaftler und Repräsentanten von Angehörigen- und "Psychiatrie-Erfahrenen"-(ehemalige Patienten-)Verbänden aus aller Welt.

Quelle:
Das Rätsel Schizophrenie - Eine Krankheit wird entschlüsselt

Autor:
Heinz Häfner

ISBN: 3-406-52458-3
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